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Die Leipziger Buchmesse im Wandel der Epochen - das Geheimnis ihres Erfolges

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Längst ist die Leipziger Buchmesse zu einem festen Bestandteil und zum ersten Jahreshöhepunkt der Buchbranche aufgestiegen. Wer hinter das Geheimnis des Erfolges dieser Messe kommen möchte wird schnell feststellen, dass der Begriff „Buchmesse" das Event nur sehr unzureichend beschreibt.

Es ist vielmehr eine Art Synthese aus einer klassischen Buchmesse, wie sie in Frankfurt jährlich stattfindet, einem riesigen Lesefestival vom Schlage einer Lit.Cologne und einer Ausstellungs- und Aktionsplattform rund um Bildung, Kunst und Musik.

Die gleichzeitig stattfindende Manga-Comic-Con, für alle Liebhaber von Comics, Manga, Cosplay, Anime und Co., verleiht der Messe durch die vielen phantasievoll verkleidet umherstreifenden Akteure eine besondere Note - eine unwiderstehliche Leichtigkeit und Fröhlichkeit, die bei Veranstaltungen dieser Art ihresgleichen sucht.

Der digitale Wandel ändert die Spielregeln

Im Gegensatz zur Frankfurter Buchmesse, eine auf Fachbesucher ausgerichtete Veranstaltung, hat sich die Leipziger Buchmesse als Publikumsmesse etabliert, die Autoren und Leser in einen Dialog bringen möchte und während der gesamten Messetage - anders als in Frankfurt - allen Besuchern Zugang gewährt. Damit treffen die Veranstalter ins Schwarze, denn sie reagieren zielgenau auf einen Trend, der die Buchbranche zurzeit in den größten Umbruch seit der Erfindung des Buchdruckes führt:

Die Technologiesprünge der digitalen Revolution mischen die Karten sowohl hinsichtlich der Anforderungen als auch bezüglich der Rollenverteilungen von Verlagen, Autoren und Lesern komplett neu. Leser und Autoren gewinnen an Bedeutung, rücken enger zusammen; während Verlage eher eine Dienstleisterrolle im Buchmarkt übernehmen werden, da sie weder zur Produktion noch zur Verteilung von Büchern - die Digitalisierung macht es möglich - zwingend erforderlich sind.

Technologie und Pressefreiheit - Leipzigs Aufstieg zum Kulturgiganten des 18. Jahrhunderts

Als ein positives Omen für Leipzigs Zukunft kann durchaus auch das 500. Reformationsjubiläum gesehen werden, denn die Reformation ist eng mit dem Aufstieg Leipzigs zu einem europäischen Kulturzentrum des 18. Jahrhunderts sowie zur bedeutendsten deutschen Buchhandelsstadt verbunden. Auch damals nutzte man konsequent die neuen technischen Möglichkeiten des Buchdruckes, um die Ideen und Ideale der Aufklärer - allen voran Martin Luthers - zu verbreiten.

Während andere Städte wie Frankfurt von der Gegenreformation hart getroffen wurden - dort ein freier Buchhandel durch die Willkür einer kaiserlichen Bücherkommission, die religions- und obrigkeitskritische Schriften mit Verboten und harten Strafen verhinderte, fast unmöglich wurde - profitierte Leipzig von den Freigeistern der Aufklärung.

So waren es die Reformen des Buchhändlers Philipp Erasmus Reich, die ganz wesentlich zu dem neuzeitlichen Buchhandel, wie wir ihn heute kennen, beitrug. Europaweiten Ruhm erlangte er nicht nur mit seiner Weidmannschen Buchhandlung in Leipzig, sondern er schaffte auch juristische Voraussetzungen für den Schutz der Rechte von Autoren und Verlegern.

Darüber hinaus gründete er die „Buchhandelsgesellschaft", einen Zusammenschluss von Verlegern und Buchhändlern, die als Vorstufe des im Jahre 1825 - ebenfalls in Leipzig - gegründeten „Börsenverein der Deutschen Buchhändler" gilt, und der die Interessen des Berufsstandes seitdem vertrat.

Erst das Dritte Reich beendete zunächst die Freiheit und mit dem Ende des 2. Weltkrieges auch die Vormachtstellung Leipzigs als führende deutsche Buchhandelsstadt.

Die Neuerfindung der Buchmesse

Im Nachkriegsdeutschland verurteilten WillkĂĽr und Kontrolle des DDR-Systems die Messe zu einem Nischendasein, und so pilgerten die Freigeister des Buchmarktes nach Westen und verhalfen der Frankfurter Buchmesse zu ihrer Spitzenstellung in Deutschland.

Erst nach dem Mauerfall konnte die Messe verlorenes Terrain wiedergutmachen, indem sie sich neu erfand. Autoren und Grafiker, die sich aufgrund jahrelanger Zensur in den Eigenverlag zurückgezogen hatten, organisierten bereits im März 1990 die „Erste Alternative Buchmesse" in Leipzig, die den Weg in die Zukunft weisen sollte.

Sie bot neben zahlreichen Lesungen viel Raum für Begegnungen zwischen Kleinverlagen, Autoren und Besuchern. Ihre Ideen wurden später in die traditionelle Leipziger Buchmesse als „Leipzig liest" integriert - und damit ein wichtiger Grundstein für das Erfolgskonzept der Messe gelegt.

Mittlerweile bietet sie eine Plattform für alle Facetten moderner Buchhandelstechnologien, um sämtliche sich daraus entfaltende Publikationsformen zu präsentieren und zu fördern.
Mit seinen vielen - bekannten und unbekannten - Autoren, großen und kleinen Verlagen sowie der aufstrebenden Szene rund um das Self-Publishing, bietet die Leipziger Buchmesse heute einen bunten Querschnitt durch die Welt der Literatur und gewährt dem Besucher auch viele Einblicke und Kontakte jenseits des Mainstreams.

Kann Leipzig an alten Ruhm anknĂĽpfen und die traditionsreiche Geschichte fortschreiben?

Bemerkenswert ist, dass die Leipziger Buchmesse wiederum in Zeiten großer Technologiesprünge zum Branchentrendsetter avanciert - mit Offenheit und aktiver Förderung neuer Entwicklungen.

Die Herzen der Menschen, die nicht nur passiv zuschauen, sondern auch aktiv am Geschehen teilnehmen möchten, hat sie bereits erobert. Ob sie ihre großartige Erfolgsstory aus der Zeit der Aufklärer auch in einem digitalen Zeitalter zu wiederholen vermag, wird die Zukunft lehren.

Sicher dagegen ist, dass wir in einer Welt, die zunehmend von Unterdrückung, Intoleranz und Zensur bestimmt wird, in der das freie Wort von allen Seiten bedroht und eingekerkert wird, möglichst viel von dieser Art der Aufklärung benötigen!

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