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Der Autor und sein Henker

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Bundesgerichtshof stÀrkt Autorenrechte - Verlage gehen leer aus

Erschreckend, kurzsichtig, fatal und kaum nachvollziehbar, ein Frontalangriff auf die Buchkultur! Das sind die noch eher harmlosen Attribute, mit denen viele Verlage das abschließende Urteil des BGH, zur Verteilung der Einnahmen aus Urheberrechten, umschreiben.

Einnahmen der Verwertungsgesellschaft aus diesen Rechten stehen nur den Berechtigten zu, und dazu gehören nicht die Verlage, so der Richterspruch.
Prompt fegt ein wahrlicher Hurrikan an EntrĂŒstung durch die Medienlandschaft. Es wird den Richtern plump fehlende WertschĂ€tzung fĂŒr die Arbeit der Verlage unterstellt, denn sonst mĂŒssten diese zu einem völlig anderen Urteil kommen - so der allgemeine Tenor. Es gibt nur wenige Gegenstimmen, hier nun eine Weitere.

Der BGH hat Recht zu sprechen und keine WertschĂ€tzung zu verteilen - fĂŒr niemanden

Wie abwegig solche Behauptungen sind, zeigt ein Blick auf die primĂ€re Aufgabenstellung des Gerichtes. Es galt zu beurteilen, ob die VG-Wort das Recht hatte, Teile der Urheberpauschale an die Verlage auszuschĂŒtten. Und nur streng diesem Kriterium folgend, haben die Richter Recht nach gĂŒltigen Gesetzen gesprochen: Die Urheberpauschale steht allein dem Urheber zu. Nach gesundem Menschenverstand ein nachvollziehbares, gerechtes Urteil.

Die Beendigung der rechtswidrigen Praxis deutete sich seit Jahren an, da ist die hysterische Reaktion vieler Marktteilnehmer, mit dem Urteil alleine, nur schwer logisch zu erklÀren. Der Urteilsspruch, so scheint es, wirkt als Fanal, um sÀmtliche angestaute Aggressionen und eine imaginÀre Unzufriedenheit mit sich und der Welt, in einem Rundumschlag abzubauen.
Kein anstĂ€ndiges Verhalten, auf eine unabhĂ€ngige Justiz einzuprĂŒgeln.

Keine unbedingt vertrauensbildende Maßnahme, Autoren vorsorglich schon mal mit Geld- und „Liebesentzug" zu drohen - wenn ..., ja wenn Autoren so frech sein sollten, auf ihr gutes Recht zu bestehen. Kein Wort des Zweifels oder Bedauerns, eventuell auch selber Fehler gemacht zu haben.

Ein Verhalten, das die Angst und Hilflosigkeit einer Branche aufzeigt, sowie eine mangelnde SouverÀnitÀt und Kompetenz mit verÀnderten Marktbedingungen umzugehen.
Abenteuerlich, dreist und teilweise falsch sind viele der jĂŒngst in den Medien kolportierten Rechtfertigungen, die von einigen Verlagsvertretern in diesem Zusammenhang genannt werden.

Die Verlage als Retter von Kultur und Autoren?

Abenteuerlich die Behauptung, Verlage ermöglichen doch erst die Existenz und Weiterentwicklung von Autoren. Wie bitte?

Das mag irgendwann in der Vergangenheit so gewesen sein, ist heute jedoch definitiv die Ausnahme - jeder Marktinsider weiß das! Die Entscheidungen werden meist nach rein kommerziellen Gesichtspunkten getroffen, eben gerade nicht aus Ă€sthetischen und intellektuellen Überzeugungen heraus.

Selbst gestandene Verlagsautoren bekommen ihre Manuskripte oftmals nur an den Mann, wenn diese dem allgemeinen Mainstream entsprechen, also bloß nicht zu anspruchsvoll. Lediglich einige tapfere Indies und sehr wenige grĂ¶ĂŸere Verlage, stemmen sich gegen jenen Mainstream, versuchen auch neue oder kulturell anspruchsvolle Themen zu platzieren.

Und wer bitte soll eigentlich die unbekannten Autoren entdecken, wenn doch das qualifizierte Verlagspersonal, wie beispielsweise Lektoren, einer fast aussterbenden Spezies angehören?
Aufgrund der prekĂ€ren wirtschaftlichen Situation etlicher Verlage ist das alles auch nicht weiter verwunderlich oder gar verwerflich. Verwerflich und dreist ist es nur, mit der BegrĂŒndung finanzieller Not, unberechtigt, wie der BGH urteilt, in die Taschen der Urheber zu greifen - ausgerechnet jener Gruppe der Literaturwelt, die wirtschaftlich in Summe als schwĂ€chstes Glied dasteht.

Der allgemeine Zeitgeist und das Self-publishing als SĂŒndenbock

EndgĂŒltig gĂ€nzlich unsachlich und nebulös wird die „BeweisfĂŒhrung" gegen das „fiese Urteil" des BGH in einem Aufsatz der Literaturkritikerin Wiebke Porombka.

Hier wird nicht nur der böse Zeitgeist des Buchmarktes bemĂŒht, sondern auch das Self-publishing wird als mitschuldig am Urteil des Gerichtes ausgemacht: „... Missachten kann diese Arbeit der Verlage nur, wer die Erfahrung der Entstehung eines inhaltlich und Ă€ußerlich substantiellen Buches nie gemacht hat ...", fĂŒhrt sie hier, neben anderen kruden Theorien, aus. Umgekehrt wird ein Schuh draus! Self-publisher sind dazu verdammt all dasjenige, was ein Verlag so macht, zusĂ€tzlich zum eigentlichen Schreiben noch selbst zu erbringen - daher auch der Name.

Einige grĂŒnden sogar kleine, eigene Verlage ... Wo könnte die Achtung vor der Leistung von Verlagen dann wohl höher sein? Der Medienjournalist Stefan Niggemeier schreibt zu den AusfĂŒhrungen Porombkas: „Man wĂŒnschte sich, ein Verlag wĂ€re der Autorin in den Arm gefallen, wĂ€hrend sie das schrieb, aber den Verlagen war der Unsinn vermutlich gerade recht." Und tatsĂ€chlich - es ist mehr als sehr verwunderlich, was eine gestandene und bekannte Persönlichkeit des Literaturbetriebes in diesem Zusammenhang zu Papier bringt.

Das Karlsruher Urteil als kleiner Betriebsunfall?

Getreu dem Motto „Was nicht passt wird passend gemacht", möchte nun eine Koalition aus Politik und Verlagen eiligst unliebsame Gesetze Ă€ndern - und danach geht alles weiter wie bisher.

Sehr Schade!

Denn abgesehen von dieser egoistischen und moralisch höchst zweifelhaften Handlungsweise, die Protagonisten erheben bei anderen Gesellschaftsgruppen ja durchaus mal gerne den moralischen Zeigefinger, wird hier eine riesige Chance verpasst: Statt weitermachen wie bisher, sollte eine neue, gemeinsame Lösung mit allen Beteiligten gesucht werden - auf Grundlage gĂŒltiger Rechtsprechung.

Lassen wir die Urheberpauschale dort, wo sie hingehört und fordern stattdessen von den politisch Handelnden die lĂ€ngst ĂŒberfĂ€lligen Investitionen in Kultur, Bildung und Infrastruktur ein. Nicht nur aufgrund der Integrationsthematik gibt es hier einen riesigen Nachholbedarf, und die nötigen Milliarden werden dann allen Beteiligten in der „Wertschöpfungskette Buch" zu Gute kommen - auch dem Buchhandel, der bisher leer ausging.

Die Zeit ist gĂŒnstig, es ist viel Geld vorhanden und neue, fortschrittlich denkende Politiker geben zunehmend den Ton an - Politiker, die diese Investitionen schon seit Langem einfordern.

Liebe Verlage - wÀre das nicht ein viel besserer, ehrlicherer Weg?

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