BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Jens Malling Headshot

Der lange Weg zur Freiheit für den ukrainischen Aktivisten aus der Krim

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

Der lange Weg zur Freiheit für den ukrainischen Aktivisten aus der Krim

Kurz nachdem der Kreml die Krim annektierte, wurde Aleksandr Koltschenko von russischen Sicherheitskräften auf der Halbinsel entführt. Mehr als 13 Monate hat der 25-jährige Anarchist und Antifaschist im Lefortowo-Gefängnis in Moskau verbracht. Russland wirft dem ukrainischen Staatsbürger Planung eines Terroranschlags gegen die neuen Behörden auf der Krim vor sowie die Zugehörigkeit zur rechtsextremen Gruppe Prawyj Sektor. Menschenrechtsorganisationen befürchten, dass die Vorwürfe politisch motiviert sein können. Huffington Post hat die Mutter des jungen Aktivisten in Simferopol getroffen.

Auf einem Dach hoch über dem Lenin-Platz in der Mitte Simferopols erscheint eine Graffiti-Malerei. Eine weiße und eine schwarze Hand treffen sich in einer freundlichen Geste. Larissa Koltschenko zeigt nach dort oben.
„Das Motiv symbolisiert Freundschaft. Dass es möglich sei, in Frieden miteinander zu leben," sagt sie.

„Einige von Saschas Bekannten malten das Bild, bevor er festgenommen wurde," sagte die 52-jährigen Frau, in dem sie den Spitznamen ihres Sohnes verwendet.
Jedes Mal, wenn Larissa über den Platz geht, fällt ihr das Bild am Giebel ins Auge. Es erinnert sie an die Zeit, als Sascha noch frei war.

Der ukrainische Staatsbürger Aleksandr Koltschenko wurde von Beamten des russischen Sicherheitsdienstes FSB in der Mitte der Krim-Hauptstadt Simferopol am 16. Mai 2014 festgenommen - weniger als zwei Monate nachdem Russland die Halbinsel annektierte. Am selben Tag wurde er von ihnen in die kleine Wohnung im Stadtteil Zagorodnyj gebracht, in der der junge Mann mit seiner Schwester und seiner Mutter lebte.

»Vier FSB-Offiziere mit Masken und Militäruniformen drangen durch die Tür. Sie versuchten, Waffen und anderes belastendes Material zu finden. Sie durchsuchten alles, aber fanden natürlich nichts. Sascha ist Pazifist. Er ist kein Terrorist. Ihm das vorzuwerfen ist so absurd, dass ich gar nicht weiß, wie ich darauf reagieren soll," erzählt Larissa.

Nach der Hausdurchsuchung nahmen die FSB-Behörden Aleksandr Koltschenko wieder mit. Seit diesem Tag hat Larissa ihn nicht mehr gesehen. Das gleiche betrifft alle weiteren Familienangehörigen und Freunde. Ende Mai 2014 wurde Sascha in das Lefortowo-Gefängnis in Moskau gebracht, in dem er für mehr als 13 Monate in Haft saß.

Laut einer Pressemitteilung des FSB vom 30. Mai 2014 wirft der russische Sicherheitsdienst Aleksandr Koltschenko vor, zusammen mit drei anderen Krim-Bewohner, darunter der Regisseur Oleh Senzow, Terroranschläge in den Städten Simferopol, Sewastopol und Jalta geplant zu haben.

Unter anderem wurden den vier Inhaftierten vorgeworfen, das lokale Büro der Partei 'Einiges Russland' am 18. April 2014 angezündet zu haben. Sie ist die größte Partei Russlands und unterstützt den Präsidenten Wladimir Putin. Koltschenko gesteht ein, dass er im Moment des Geschehens Wache hielt, bestreitet aber, dass es als ein Terroranschlag einzustufen sei.

Seine Anwältin Swetlana Sidorkina betont, dass die Schäden rein materiell waren. Außerdem unterstreicht sie, dass es eine Form des Protestes gegen die Partei war, die die russische Invasion der Krim unterstützt hatte.

Tatsächlich war leichter Sachschaden entstanden. Verletzt wurde jedoch niemand, weil die Brandsiftung am späten Abend geschah und sich bekanntermaßen niemand dort aufhielt.
„Die Anklage wegen Terrorismus ist sehr ernst. Die Paragrafen sehen bis zu 20 Jahre im Gefängnis vor," erläutert Larisa Koltschenko.

Die Menschenrechtsorganisationen Crimean Field Mission on Human Rights (CFMHR) und Amnesty International befürchten, dass die Anklagen politisch motiviert sind, um zum Beispiel den Eindruck zu erwecken, dass Prawyj Sektor eine ernsthafte Bedrohung für die Bewohner der Krim darstellt.

Über den Fall von Senzow und Koltschenko sagt der Vizepräsident der CFMHR Dmitry Makarov:
„Es ist seltsam, dass ihnen die Mitgliedschaft in Prawyj Sektor - der ukrainischen rechtsnationalen Organisation, die die russische Propaganda immer unterstützt - vorgeworfen wird. Sie werden als gefährliche Mitglieder des Prawyj Sektors auf der Krim porträtiert."

Der FSB schreibt ausdrücklich in der Pressemitteilung, dass die vier Verhafteten Mitglieder des Prawyj Sektors sind. Die politische Gruppierung spielte in der offiziellen russischen Version vom politischen Umbruch in der Ukraine eine entscheidende Rolle. Im Rahmen dieser Darstellung der russischen Medien wird die Maidan-Bewegung, die versuchte, die ukrainischen Oligarchen, soziale Ungleichheit und Korruption zu bekämpfen, auf 'Faschismus' reduziert.

In der Tat ist Aleksandr Koltschenko Antifaschist und Anarchist. Auf der Internetseite des Prawyj Sektors lautet eine offizielle Erklärung, dass die vier Angeklagten von der Krim nie was mit der Organisation zu tun hatten.

„Die politische Überzeugung Saschas ist das komplette Gegenteil des Prawyj Sektors," sagt Larisa und zeigt Fotos von ihrem Sohn, auf denen er an Demonstrationen und Versammlungen teilnimmt.

Als er immer noch seine Freiheit hatte, engagierte sich Koltschenko für viele soziale Aktivitäten. Er unterstützte unter anderem Trolleybusfahrer bei ihrem Arbeitskampf. Er setzte sich für freie Bildung und für die Autonomie der Universität ein. Er protestierte gegen chinesische Investoren die einen umweltschädlichen Tiefwasserhafen auf der Krim bauen möchten. Auf den Bildern trägt er eine Schiebermütze und spaziert unter den roten und schwarzen Fahnen der Anarchisten.

„Ich mache mir sehr viele Sorgen um Sascha und vermisse ihn sehr," sagt Larissa, die seit der Begegnung mit dem FSB vor über einem Jahr, nur drei Mal mit ihrem Sohn am Telefon gesprochen hat.

„Wir schreiben uns etwa etwa ein mal im Monat Briefe. Sascha fühlt sich unter den gegebenen Umständen gut. Er liest viel, treibt viel Sport und ist bei guter Gesundheit. Er ist eine moralisch starke Person. Ich hoffe, er wird alles gut durchstehen."

Das letztes Mal als Larissa ein Lebenszeichen von Sascha bekam, war ein Donnerstag Ende Juni.
„Er rief in der Nacht an und sagte, dass er nach Rostow (einer Stadt im Südwesten Russlands, Hrsg.) in ein Gefängnis überführt wird. Er ist jetzt in Rostow, wo ein Verfahren gegen ihn bei einem Militärgericht eingeleitet worden ist."

Das nun endlich was in dem Fall geschieht, gibt Larissa aber noch keine große Hoffnung, dass sie bald ihren Sohn wiedersehen kann, dass er schnell in seine Heimatstadt zurückkehren kann, um ein normales Leben zu führen.
„Leider wird das Gericht nicht so viel Einfluss auf die Verfahren haben. Alles wird im Kreml entschieden," sagt sie.

Durch seine Anwältin Swetlana Sidorkina ist es Aleksandr Koltschenko gelungen, in Haft ein einziges Interview zu geben, in dem er über seine Verhältnisse und über seine politischen Ansichten Auskunft gibt.

Hinter Gittern studiert er unter anderem den Gründer des Anarcho-Kommunismus Pjotr Kropotkin und den Schriftsteller Leo Tolstoi, der auch Gedanken über eine gerechtere Gesellschaft entwickelte.

In seinem Interview kritisiert er den Typ von Linken, die wegen ihrer Opposition zum Westen den Präsidenten Wladimir Putin, Russlands imperiale Ambitionen und seinen Angriff auf die Ukraine nach dem Motto 'der Feind meines Feindes ist mein Freund' unterstützen:

„Ich bin negativ gegenüber solchen so genannten Linken eingestellt, die sich für LNR und DNR aussprechen (die selbsternannten Volksrepubliken in der Ostukraine, Hrgs.).
Durch die Wahl dieser Seite befürworten und unterstützen sie eine imperialistische Position statt eine klassenbewussten Position. Das betrifft unter anderem Politiker und Gruppen, so z.B. wie Sergei Udalzow in Moskau und die Orgainzation Borotba in der Ukraine."

Aleksandr Koltschenko thematisiert in dem Interview auch, warum es für die russischen Behörden vorteilhaft sein könnte, ihn zu inhaftieren:

„Basierend auf einer Analyse, wie die Ereignisse in der Ukraine von den russischen Medien porträtiert wurden, denke ich, dass sie den Prawyj Sektor als Rechtfertigung für die Annexion der Krim brauchen. Deswegen wird uns eine Mitgliedschaft des Prawyj Sektors zugeschrieben. Ich habe nie etwas mit dem Prawyj Sektor zu tun gehabt."

Larissa fügt hinzu:
„Sascha sympathisierte mit dem Maidan, aber er war nicht in Kiew während der Unruhen. Bevor er verhaftet wurde, nahm er aber an vielen politischen Aktionen und Treffen teil. Er war immer gegen den Krieg. Er befürwortet eine ganze Ukraine. Er lehnt die russische Annexion der Krim ab und ist Gegner der Abspaltung des Donbass von der Ukraine und Gegner der LNR und DNR.
Bei einem Gerichtsverfahren in Moskau am 6. Mai diesen Jahres sagte Senzow, Koltschenkos Mitgefangener, der auch ukrainische Staatsbürger ist:

„Ich habe viele Male während der vorherigen Sitzungen erklärt, dass weder meine Inhaftierung noch dieser Prozess in Übereinstimmung mit dem Gesetz sind. Der Fall ist politisch motiviert. Ich habe die fünf Bände des Verfahrens gelesen und es ist mir nicht gelungen, den kleinsten Beweis für meine Schuld zu finden. Die Tatsache, dass die Russische Föderation die Krim besetzt hat, ist illegal, mich zu verhaften ist illegal, mich vor ein russisches Gericht zu stellen ist illegal.

Ich bedauere sehr, dass die Russische Föderation auf diese Weise vorgeht und dadurch sich selbst schadet. Ich bedauere sehr, dass die Russische Föderation nicht die Einwohner auf der Krim respektiert, ja, niemanden respektiert. Ich schäme mich für sie. Ich selbst bin 100 Prozent Russisch, meine Eltern kommen aus dem Ural. Aber ich bin Einwohner der Ukraine. Ich liebe mein Land, aber ich liebe auch Russland. Es tut mir unendlich leid, was in diesem Land, in unseren Ländern und in diesem Gerichtsaal vorgeht. Ich hoffe, dass es das Regime an der Macht in Ihrem Land bald nicht mehr geben wird."

Die beiden anderen Festgenommenen Gennadij Afanassjew und Aleksej Tschirnij wurden beide je zu 7 Jahren Gefängnis verurteilt.
Eine internationale Kampagne setzt sich für die Freilassung Aleksandr Koltschenko und Oleh Senzow ein.

„Viele schreiben Sascha aus vielen Ländern an. Sie ermutigen und unterstützen ihn. Aktionen für seine Freilassung haben unter anderem in Deutschland stattgefunden," sagt Larissa.
„Sascha hatte nie Angst die Wahrheit zu sagen. Für solche Menschen haben die Behörden keinen Gebrauch," fügt sie hinzu, bevor sie in der Menschenmenge auf einer Straße in Simferopol verschwindet.

Am 25. August bekamen Aleksandr Koltschenko 10 Jahre und Oleh Senzow 20 Jahre Haft.

2015-09-07-1441623632-5338891-FotovonSergeyKarpovMediazonalowres.jpg

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter
blog@huffingtonpost.de
.

Video:„Ein Blankoscheck für Ukraine": Deshalb fühlt sich Putin bedroht: In diesen Ländern entstehen neue Nato-Stützpunkte

Hier geht es zurück zur Startseite