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Darum ist es sinnvoll Europäer zu sein

08/01/2016 09:42 CET | Aktualisiert 08/01/2017 11:12 CET

Wut - unsere Empfindungen als leidenschaftliche Europäer können wir am Ende des abgelaufenen Jahres nicht anders beschreiben. Wut und Entsetzen.

Was geschieht bloß mit diesem Kontinent? Wieso wenden sich die Menschen in immer mehr Ländern von Europa ab und lassen sich in die Arme von politischen Kleinkrämern treiben, die frech behaupten, der Schlüssel für die Lösung aller ihrer Probleme - Schulden, Arbeitslosigkeit, Korruption, Terror - befände sich in nationalem Besitz?

Der Versuch einer Deseuropäisierung der Politik wird in keinem Fall bessere Ergebnisse bringen.

Frankreich, Großbritannien, Polen, Ungarn, Italien, Griechenland, Spanien, Dänemark, ja auch Deutschland: Allerorts wächst die Zahl der Bürger, die von Europa enttäuscht sind. Bedient werden sie von Parteien und Politikern, die eines gemein haben, egal ob sie von links oder rechts kommen: Sie versprechen zehnmal mehr, als sie werden liefern können.

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Front National, UKIP, PiS oder Schwedendemokraten, wie auch immer sie heißen: Der Versuch einer Deseuropäisierung der Politik wird in keinem Fall bessere Ergebnisse bringen. Und wenn die Bürger dies erst bemerken, wird der Frust umso größer und die Lage bedrohlich werden. Deshalb muss uns Gesetz sein: Wir dürfen Europa nicht scheitern lassen!

Nur wer ist wir? Wer sollte, und wer will sich gegen diesen Deseuropäisierungs-Wahn stemmen? Oder sogar eine politische Gegenbewegung lancieren? Die Europäer? Gibt es sie überhaupt? Wo sind sie? Wann ist man eigentlich Europäer, und woran erkennt man sie oder ihn? Diese Frage wird selten gestellt, und das ist ein Teil des Problems. Denn sie ist die Schlüsselfrage schlechthin.

Über die politischen Institutionen Europas - die Kommission, das Parlament, die EZB - wird in den Medien und der Öffentlichkeit mit Lust gestritten. Wo aber keine gesellschaftliche Diskussion über das zentrale Subjekt stattfindet, nämlich den europäischen Bürger selbst, ja wo es starke Kräfte gibt, die bestreiten, dass es ihn überhaupt gibt, kann auch Europa als Idee, geschweige denn als reale soziale Gemeinschaft, nicht existieren.

Europäer zu sein erfordert, sich dessen bewusst zu sein.

Versuchen wir also die Eigenschaften zu beschreiben, die einen Europäer charakterisieren sollten - nicht als Bewohner einer bestimmten geografischen Region, sondern als handelndes soziales Wesen. Natürlich lassen sich diese Eigenschaften nicht einfach empirisch feststellen, sondern sie entstehen aus unseren subjektiven Gedanken über das Wesen eines „guten Europäers". Es versteht sich daher von selbst, dass die folgenden Überlegungen nur ein Vorschlag sein können.

Am Anfang steht das Bewusstsein. Europäer zu sein erfordert, sich dessen bewusst zu sein. Damit ist wiederum nicht die geografische Herkunft gemeint. Im Zentrum steht hier vielmehr das tiefe Wissen um die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, deren Wurzeln sich weit über den eigenen Sprach- und Erfahrungshorizont hinaus verzweigen:

  • Auch Nicht-Griechen wissen: Ohne Aristoteles wären wir Barbaren geblieben.
  • Auch Nicht-Briten wissen: Ohne die Magna Carta gäbe es den Rechtsstaat nicht.
  • Auch Nicht-Deutsche wissen: Ohne Kant wäre die Aufklärung nicht denkbar.
  • Auch Nicht-Franzosen wissen: Ohne den Sturm auf die Bastille hätte sich die Freiheitsidee nicht Bahn gebrochen.
  • Auch Nicht-Polen wissen: Ohne den unbändigen Mut der Solidarność wäre der Eiserne Vorhang nicht gefallen.

Es sind diese Zusammenhänge, die echten Europäern wohlvertraut sind. Durch diese Brille gesehen, wirkt aller Nationalismus sofort albern, wie ein zu enger Anzug mit zu kurzen Hosenbeinen und Ärmeln. Und durch diese Brille gesehen, leben wir Europäer längst im falschen Körper, nämlich in einem immer noch nationalstaatlich konstruierten.

Der echte Europäer hat diesen Zustand längst überschritten, ihm ist auch als Nicht-Spanier die Sagrada Família Teil seiner eigenen Geschichte. Fremdheit empfindet er in Europa nur selten, abgesehen von den Orten, an denen sich nach menschlichen Maßstäben Schauerliches abgespielt hat.

Doch reichen Bewusstsein und Wissen aus, um sich Europäer zu nennen? Nein, wir müssen mehr verlangen. Wie keiner anderen Region der Welt ist es dem Europa der Neuzeit gelungen, den mittelalterlichen Nebel von Aberglauben, Unbildung, zementierten Gesellschaftsstrukturen und religiösem Wahn zu durchstoßen und sich des eigenen Verstandes zu bedienen (Kant).

Die Errungenschaften der Aufklärung - die Existenz unveräußerlicher Menschenrechte, Gleichberechtigung, Demokratie, Meinungs- und Pressefreiheit, religiöse Toleranz, die Unabhängigkeit der Justiz und die Wahrung des Friedens - können nicht zur Disposition stehen. Niemand wird sich je Europäer nennen können, der diesen Wertekanon ganz oder auch nur in Teilen ablehnt.

Kein Europäer darf dem Staat jemals gleichgültig oder passiv gegenüberstehen

Ein drittes muss hinzukommen: Kein Europäer darf dem Staat jemals gleichgültig oder passiv gegenüberstehen; er ist im besten Sinne nur als aktiver Staatsbürger denkbar. Denn europäisches Bewusstsein und das Bekenntnis zum europäischen Wertekanon sind überaus wertvoll - was aber geschieht, wenn um uns herum diese Werte missachtet und mit Füßen getreten werden?

Europa ist auch und mit vollem Recht eine Geschichte des Widerstands, der Aufstände, der Revolutionen. Seit der Glorious Revolution ist an vielen Orten Europas die schmerzhafte Lektion gelernt worden, dass ein Staat nur reüssieren kann, wenn ihn seine Bürger als ihre ureigene Angelegenheit ansehen und selbst zu seinen aufmerksamsten Wächtern werden.

Diese Rolle als verantwortlicher Staatsbürger kann, je nach Situation, verschiedene Formen annehmen: Den eigenen Staat nicht innerlich ablehnen oder gar verachten, sondern ihn nach Kräften fördern (jawohl, auch Steuern bezahlen!), Widerstand leisten, wenn er auf Abwege gerät - aber auch und vor allem politische Verantwortung übernehmen, wenn der Tag gekommen ist. Zu viele Revolutionen in Europa (und nicht nur dort!) sind gescheitert, weil viele auf die Barrikaden gehen, wenige aber nur aktiv den Neuanfang mitgestalten wollten: Die perfekte Einladung an alte Clans, langsam wieder nach der Macht zu greifen.

An dieser Stelle übrigens wird die europäische Bürgerschaft ihr Meisterstück noch abliefern müssen. Denn wer hat jemals gesagt, dass man für europäische Werte nur im eigenen Land eintreten kann? Wenn sich die Polen gegen die Entmachtung ihres Verfassungsgerichts zur Wehr setzen: Wieso sollten sie allein kämpfen, warum sollten nicht andere Europäer mit ihnen gemeinsam auf Warschaus und Krakóws Straßen demonstrieren?

Wenn die Rumänen die unsägliche Korruption in ihrem Land satt haben und zu Zehntausenden auf die Straßen gehen: Warum sollten sie keine Unterstützung aus anderen Ländern Europas erhalten? Warum sind die ukrainischen Demonstranten auf dem Majdan (fast) allein geblieben: Kämpften sie nicht für einen nach europäischen Maßstäben errichteten Staat, und hätten sie nicht die Unterstützung europäischer Bürger verdient?

Wenn Europas Werte verletzt sind, ist es die Pflicht aller europäischen Bürger, sie überall zu schützen - auch im Nachbarland.

Sehr schnell ist an dieser Stelle das Argument der unerwünschten Einmischung in innere Angelegenheiten zu hören. Die Wahrheit aber ist: Wenn Europa als solidarische Gemeinschaft seiner Bürgerinnen und Bürger jemals existieren soll, kann es der Natur der Sache nach diese Einmischung nicht geben. Denn wenn Europas Werte verletzt sind, ist es die Pflicht aller europäischen Bürger, sie überall zu schützen - auch im Nachbarland.

Am 14. Dezember 2013 standen wir gemeinsam mit unserem ukrainischen Freund und Vereinskollegen Alexander Shyian als Repräsentanten unseres Düsseldorfer Vereins We are Europe! auf dem Majdan in Kiew und wandten uns von der Bühne in unseren drei Muttersprachen - Ukrainisch, Griechisch, Deutsch - an die ca. 30.000 Demonstranten.

Wir versuchten zu beschreiben, was in unseren Augen einen Europäer ausmacht: Wann ist man Europäer? Man ist es, wenn man an die europäischen Werte glaubt, an die freie Meinungsäußerung, an religiöse Toleranz, an eine unabhängige Justiz, an die Gleichberechtigung von Mann und Frau, an Freiheit und Verantwortung jedes einzelnen von uns, an die Kraft des Friedens.

Vor allem aber daran: Es sind die Bürger eines Landes, die über sein Schicksal bestimmen - und niemand sonst. Das gilt für die Ukraine, das gilt für Deutschland und Griechenland, das gilt für alle europäischen Länder, und es wird bald auch für die Europäische Union selbst gelten. Die Demonstranten applaudierten laut und jubelten. Es war dieser 14. Dezember 2013, der in uns dreien erstmals das Gefühl wachsen ließ: Wir sind Europäer - alle gemeinsam!

Und dieses Gefühl war überaus stark. Wenn wir Europäer nur den Mut aufbringen, diesem Gefühl Raum zu geben und unseren Blick frei und mit Liebe über alle Länder Europas schweifen zu lassen, so wie wir es seit jeher mit unserer engeren Heimat tun, wird es überwältigend werden.

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