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Europas Magnetfeld dreht sich

27/03/2014 08:21 CET | Aktualisiert 27/05/2014 11:12 CEST
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Die Erde ist von einem Magnetfeld umgeben. Das weiß jeder, der schon einmal einen Kompass benutzt hat. Das Magnetfeld wird in den flüssigen Metallschichten des Erdkerns erzeugt und reicht bis tief in den Weltraum hinein. Eine erstaunliche Eigenschaft des Magnetfeldes ist: Etwa alle 250.000 Jahre dreht es sich. Die letzte Umpolung fand vor ca. 750.000 Jahren statt. Da die Stärke des Erdmagnetfelds seit 1979 weltweit um 1,7 Prozent abgenommen hat - zehn Mal stärker als erwartet -, vermuten Wissenschaftler, dass sich die nächste Drehung ankündigt. Wenn sie sich vollzogen haben wird, wird die Nadel unserer Kompasse nach Süden zeigen.

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Wenden wir den Blick nach Europa, so gibt es Anhaltspunkte dafür, dass sich auch das politische Magnetfeld unseres Kontinents zu drehen beginnt. Wenn sich die Drehung vollzogen haben wird, wird die Nadel unserer politischen Kompasse - bildlich gesprochen - ebenfalls stärker nach Süden zeigen: Auf die halbe Milliarde Bürger der Europäischen Union. Sie werden eine 60jährigige Periode der europäischen Geschichte beenden, in der die Europapolitik von einer Gruppe hochqualifizierter Politik-Ingenieure quasi industriell gefertigt wurde, nur wenig behindert durch demokratische Prozesse.

Die Zeichen sind allzu deutlich. In einer rasch wachsenden Zahl von Regionen und Ländern ziehen die Bürger ihr politisches Schicksal wieder stärker an sich. Sie werden ein tonnenschweres Gegengewicht zum Brüsseler Europa schaffen. Viele Fragen stellen sich. Was wird geschehen, wenn sich die Schotten am 18. September vom Vereinigten Königreich lossagen? Wie soll Brüssel reagieren, wenn sich die Katalanen am 9. November vom Königreich Spanien verabschieden? Wie geht man mit den notorisch europaskeptischen Briten um, die sich für ein „EU: Ja oder Nein"-Referendum warmlaufen? Oder mit den freiheitsdurstigen Venetern, die sich in einer Online-Befragung soeben zu 89% für eine Unabhängigkeit von Italien ausgesprochen haben? Was sagt man der ungarischen Rechten, die gegen die fast ein Jahrhundert zurückliegende Abspaltung von zwei Dritteln des ungarischen Staatsgebietes zu Felde zieht? Was wird im Europäischen Parlament geschehen, wenn die europäischen Wähler tatsächlich 20 Prozent der Mandate oder mehr an europafeindliche Parteien vergeben? Und, um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, welche Erschütterungen werden den Kontinent erbeben lassen, wenn Wladimir Putin - nach einer taktischen Abkühlphase - sich weitere Teile Osteuropas einverleibt, natürlich um Hilfe gerufen von lokal ansässigen Russen?

Richtig ist: Nicht überall wird aus diesen Ankündigungen politische Realität werden, einige werden sich erledigen. Aber ebenso sicher ist: Die Europäische Union hat zu lange die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Die Bürger Europas haben in den langen Nachkriegsjahrzehnten stillschweigend und auch überwiegend wohlwollend akzeptiert, dass der Kontinent, der von unverantwortlichen Politikern in zwei Kriege geführt wurde, von der Politik zunächst auch wieder stabilisiert wurde, ohne dass ihre Mitwirkung besonders erwünscht war. So finden auch und gerade in Deutschland die harten Konflikte um die künftige Gestalt Europas vor dem Bundesverfassungsgericht statt - der Bevölkerung bleibt die anschließende Lektüre der Urteile.

Was aber geschieht mit Europa, wenn die Menschen diese Fern- und Feinsteuerung durch ihre nationalen Regierungen, erst recht durch die europäischen Institutionen, nicht mehr wollen? Wenn die mühsam aufgebaute Gesamtarchitektur der EU anfängt zu wanken? Schon jetzt ist abzusehen, dass die vor uns liegende Periode europäischer Politik alte Gewissheiten der letzten Jahrzehnte beseitigen wird. Das muss gar nicht zum Schaden Europas sein. Vier Gesichtspunkte verdienen aber Beachtung, wenn dieser Prozess nicht entgleisen soll:

1. Wir sollten uns einig sein: Das Streben europäischer Regionen nach mehr regionaler Autonomie oder sogar Unabhängigkeit ist völlig legitim und nicht per se zu verurteilen. Als EU-Kommissionspräsident Manuel Barroso im Februar feststellte, dass es für ein unabhängiges Schottland "extrem schwierig, wenn nicht unmöglich" würde, Mitglied der Europäischen Union zu werden, mag er bei dieser Äußerung an Großbritannien und auch Spanien gedacht haben, die sich weigern könnten, das abtrünnige Schottland mit der EU-Mitgliedschaft zu „belohnen". Doch wäre diese Haltung, sollte sie sich durchsetzen, ein Armutszeugnis für die EU. Sie würde den Eindruck fatal verstärken, in der EU käme es auf alles Mögliche an, nur nicht auf den Willen ihrer Bürger. David Cameron, der in seiner letztjährigen Europa-Rede schwungvoll den Wunsch geäußert hatte, die Bürger sollten beim Thema Europa „mehr zu sagen" haben, kann hier den Beweis antreten, wie ernst er es wirklich meint.

2. Auch wenn es eine Selbstverständlichkeit zu sein scheint: Regionale Autonomiereferenden haben sich an Verfassung und Völkerrecht zu halten. Bestellte Hilferufe ändern daran nichts. Diese Position muss hart und dauerhaft verteidigt werden.

3. Ebenso deutlich allerdings muss man die Bürgerinnen und Bürger ganz Europas vor einem Autonomie-Hype warnen. Natürlich gibt es regionale, historische oder kulturelle Besonderheiten, die ehrgeizigen Politikern die Vorlage liefern, um die Befreiung von zentralstaatlicher Bevormundung zu reklamieren. Doch aufgepasst: Sie werden die ersten sein, die bei auftauchenden Schwierigkeiten abtauchen. Und Schwierigkeiten wird es in den meisten Fällen geben. Die Geschichtsbücher sind voll von Beispielen gescheiterter Staaten, die weder die personellen und finanziellen noch die militärischen Mittel hatten, sich dauerhaft über Wasser zu halten. Und der Rückweg wird nicht immer offenstehen.

4. Entscheidend aber ist nun: Für die Europäische Union liegen in einer stärkeren Regionalisierung große Chancen. Denn mehr als die meisten europäischen Nationalstaaten, die irrtümlich immer noch glauben, in einer bald von 10 Milliarden Menschen bewohnten Welt einen Platz als Stammspieler inne zu haben, werden die kleineren Einheiten rasch verstehen, wie klug, wie lebenswichtig der Zusammenschluss auf europäischer Ebene ist. Und damit werden endgültig Themen, die für die meisten Bürger viel eher logische Gegenstände europäischer Zusammenarbeit sind als die bisher behandelten, auf die europäische Tagesordnung kommen: Eine gemeinsame Außenpolitik, verkörpert durch einen international erfahrenen und allseits anerkannten Außenminister. Eine gemeinsame europäische Verteidigungs- und Rüstungspolitik, die wahrhaft gigantische Einsparungen verspricht. Und eine gemeinsame europäische Einwanderungs- und Asylpolitik.

Und Russland? Am 22. November 2013 startete eine russische Rockot-Trägerrakete vom Kosmodrom Plessezk in Nordrussland. Sie transportierte drei ESA-Satelliten ins All, die das Magnetfeld der Erde untersuchen werden. Bleibt zu hoffen, dass derart sinnvolle Kooperationen auch gemeinsame Blicke auf das Magnetfeld Europas erlauben werden.

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