BLOG

Die Integration ist nicht gescheitert, sie war noch nie realistisch

09/05/2017 10:10 CEST | Aktualisiert 09/05/2017 12:13 CEST
Adam Berry via Getty Images

Das Referendum in der Türkei hat in den letzten Wochen für Diskussionen gesorgt. Nicht nur war Erdogans Sieg schwer zu verdauen, sondern auch die Tatsache, dass ihm seine deutschen Wähler zur Alleinherrschaft geholfen haben. Ihr Wahlverhalten begründen Politiker und Migrationsexperten mit einer gescheiterten Integration in Deutschland.

Grünen-Politikerin Claudia Roth ist der Meinung, dass man sich extrem um die Erdogan-Anhänger bemühen müsse. Kann man aber durch Integrationsbemühungen überhaupt diese Wählerschaft erreichen? Möchten sie integriert und ein Teil unserer Gesellschaft werden?

Meine Schüler sind Erdogan-Anhänger

Ich arbeite seit Jahren mit Jugendlichen türkischer Abstammung zusammen. Meine Schüler und ihre Familien sind überwiegend Erdogan-Anhänger - daraus machen sie kein Geheimnis. Nicht Frank-Walter Steinmeier, sondern Erdogan ist ihr Präsident, auf den sie stolz sind.

Ich rede mit meinen Schülern, beobachte sie und versuche ihre Handlungen und ihre Gedanken zu verstehen. Über die Jahre bin ich dann zu der Erkenntnis gekommen, dass diese jungen Menschen nur körperlich in Deutschland leben.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Sie pflegen eine emotionale Bindung zu der Türkei, sind stolz auf ihr Heimatland und ihre Religion. Obwohl sie ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland haben, ist das Interesse für die Menschen und unser Land kaum vorhanden.

Das liegt aber nicht wie so oft behauptet an einer gescheiterten Integrationspolitik. Der Grund dafür ist viel einfacher: Ihnen ist die Integration nicht wichtig. Sie halten an ihrer Tradition und ihren Wertvorstellungen fest und lehnen die der Deutschen ab. Der innere Widerstand gegen die neue Heimat wird von Erdogan gefördert und aufrecht erhalten.

Erdogans Strategie geht auf

Meine Schüler und ihre Eltern fühlen sich in ihrer Denkweise bestätigt, wenn Erdogan den Deutschen Nazipraktiken unterstellt. Er spricht das aus, was viele Türken in Deutschland auch sagen, wenn sie ihren Willen nicht bekommen: die Deutschen sind Nazis!

Deutsch-Türken stimmten bei Referendum für Erdogan - Claudia Roth sieht Schuld bei Deutschland

Sie sind stolz, wenn Erdogan Europa erpresst und die Türken zum Zusammenhalt auffordert. Stolz und Ehre sind vielen Türken lebenswichtig. Deshalb folgen sie Erdogan. Weil er "stolz genug" ist, um sich von Europa nicht in die Knie zwingen zu lassen. Er spricht gezielt die Werte an, die tief in jedem Türken verwurzelt sind und die ein Deutscher nie verstehen wird. So jedenfalls denken meine Schüler, die den türkischen Präsidenten gewählt haben.

Mehr zum Thema: Seit 287 Tagen sitzt seine Frau unschuldig im Gefängnis - aus einem erschreckenden Grund

Wenn ich mit meinen Schülern über Integration spreche, schildern sie ihre Vorstellungen vom Zusammenleben. Sie wünschen sich, wie alle anderen ihrer Landsleute auch, Verständnis und Toleranz für ihre Kultur und Religion.

Der deutschen Politik ist die Integration der größten Migrantengruppe so wichtig, dass ihre Erwartungen auch umgesetzt werden. Monumentale Moscheen schmücken mittlerweile das Bild vieler Großstädte, türkische Fest- und Feiertage werden im Schulleben berücksichtigt und einige besorgte Politiker fordern sogar ein kommunales Wahlrecht für Türken.

Der AKP-Wähler bekommt alles in Deutschland

So bekommt der AKP-Wähler Schritt für Schritt alles, was ihn emotional mit seinem Land verbindet. Dabei unterstützt das gleichzeitig seine Isolation von der Mehrheitsgesellschaft. In die Pflicht wird er nicht genommen.

Im Sinne einer Integration wäre es aber, wenn auch Deutsch-Türken auf die Mehrheitsgesellschaft zugingen, ihre Werte kennen lernten und dem Anderssein mit Toleranz begegneten.

Mehr zum Thema: Brief an meine Tochter: Es tut mir leid, du hast die falsche Hautfarbe, das falsche Geschlecht, die falsche Religion

Die Politik tut sich schwer damit, konkrete Handlungsschritte von den Integrationsverweigerern zu verlangen. Doch solange die Forderungen einseitig bleiben und der AKP-Wähler weder Andersdenkende noch Andersgläubige akzeptiert, werden alle Integrationsbemühungen scheitern und schlichtweg Wunschdenken bleiben.

Meine Schüler schätzen die Rechte,

die sie hier haben

Ich zeige oft meinen Schülern die Vorzüge Deutschlands auf. Sie stellen fest, dass die Meinungsfreiheit keine Selbstverständlichkeit ist, die jedes Land seinen Bürgern bietet. Wir reden über die Bildungsmöglichkeiten und soziale Absicherung in Deutschland.

Sie stimmen mir zu. Sie sind sich über ihr sorgenfreies Leben bewusst und fühlen sich hier wohl. Meine Schüler schätzen die Rechte die wir hier haben erst dann, wenn sie sich mit den Inhalten des Grundgesetzes auseinander setzen.

Toleranz anderen gegenüber gewinnt an Bedeutung, sobald es als Recht anerkannt wird, das jedem zugute kommt. Nicht nur Deutsch-Türken dürfen Verständnis erwarten, sondern alle, die im Einwanderungsland Deutschland friedlich zusammen leben wollen.

Sie müssen sich genauso Forderungen stellen wie die Mehrheitsgesellschaft auch. Nur so werden sie eine emotionale Bindung zu diesem Land herstellen, indem sich ihr Leben tatsächlich abspielt.

____

Lesenswert:

2016-10-24-1477314417-8667323-image_1465815956.jpeg

Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der Huffington Post zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

Diskutiert mit und schickt uns eure Erlebnisse an Blog@huffingtonpost.de.