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Ich unterrichte eine Flüchtlingsklasse - alle, die die Integration schaffen, haben eine Sache gemeinsam

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Kaum ein Tag vergeht, an dem die Medien nicht von Flüchtlingen in Deutschland berichten. Schreckensmeldungen wie Überfremdung, Integrationsschwierigkeiten oder Flüchtlingskriminalität verunsichern und polarisieren die Gesellschaft.

Kurz vor der Bundestagswahl lastet das Thema auf vielen Parteien, die mit der "richtigen" Flüchtlingspolitik die besorgten Bürger beruhigen wollen und auf Stimmenjagd gehen. Einer der Kernthemen ist die Integration der Flüchtlinge in die Gesellschaft und Arbeitswelt.

Die Aussage, Flüchtlinge seien für die deutsche Wirtschaft nützlich, überzeugt die Mehrheit nicht. Auch zweifeln die Menschen am Integrationswillen der Geflohenen.

Ich bin Ende der 70er Jahre nach Deutschland gekommen

Sicherlich kann zu diesem Zeitpunkt noch keine Aussage darüber gemacht werden, wie sich die Einwanderungsgesellschaft mit der neuen Zuwanderergruppe entwickeln wird. Aus den Erfahrungen mit den Gastarbeitern der 50/60er Jahre kann aber gesagt werden, welche Voraussetzungen eine Integration begünstigen und wer in Deutschland wirklich ankommt und wer nicht.

Als Kind eines Gastarbeiters bin ich mit meiner Familie Ende der 70er Jahre nach Deutschland gekommen und konnte die Entwicklung Deutschlands zu einem Einwanderungsland, das Wachsen der Gastarbeiter zu "Menschen mit Migrationshintergrund" und die ständigen Debatten um die Integration miterleben.

Bei manchen war nicht einmal ein besonderes Konzept notwendig, da der Integrationsprozess ohne staatliche Lenkung seinen Lauf nahm. Andere dagegen taten sich schwer und sind nach fast 60 Jahren immer noch nicht in Deutschland angekommen.

Meine Beobachtungen und Erfahrungen aus dieser Zeit übertrage ich nun auf die Flüchtlinge, die eine neue Zuwanderungswelle darstellen und die Gesellschaft vor eine neue Herausforderung stellen.

Die Situation in meiner Flüchtlingsklasse erinnert mich an meine eigene

Ich unterrichte seit zwei Jahren in einer sogenannten "internationalen Förderklasse", sie wird treffend auch die "Flüchtlingsklasse" genannt.

Die Schüler kommen überwiegend aus den Krisenregionen wie Syrien, Irak und Afghanistan. Es sind junge Menschen, die sich am Anfang eines Lebens in Deutschland befinden und in dieser Klasse die Deutsche Sprache lernen sollen. Auch andere Inhalte, die eine Integration fördern, werden vermittelt.

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Die Situation in der Klasse erinnert mich an meinen eigenen Start in Deutschland. Auch ich lernte mit Kindern aus verschieden Ländern die ersten deutschen Wörter, die mein Leben hier vereinfachen sollten.

Nach einem Jahr verteilte man uns in verschiedene Klassen. Was am Ende aus meinen italienischen, spanischen, portugiesischen und türkischen Mitschülern geschah, weiß ich nicht. Wir verloren uns alle aus den Augen.

Mit hinreichender Wahrscheinlichkeit lässt sich aber sagen, wer es geschafft hat, ein Teil dieser Gesellschaft zu werden. Denn Hinweise, die eine Integration begünstigen waren damals bei einigen schon zu beobachten.

In meiner "Flüchtlingsklasse" sieht es ähnlich aus. Bereits jetzt gibt es Indizien, die darauf hinweisen, wer sich integrieren wird, und wer nicht.

Schülern aus bildungsorientierten Familien ist das Flüchtlingsdasein unangenehm

Eine große Rolle spielt dabei die Bildung im Elternhaus. Einige meiner irakischen oder syrischen Schüler kommen aus bildungsorientierten Familien. Sie fallen allein deshalb schon auf, weil sie früh anfangen, eine berufliche Aufgabe zu suchen, um den Ansprüchen ihres Aufnahmelandes gerecht zu werden und bald unabhängig zu sein. Das Flüchtlingsdasein ist ihnen unangenehm.

Diese Schüler haben jetzt schon ein Gleichgewicht zwischen ihren Werten und denen ihres Aufnahmelandes gefunden. Sie identifizieren sich mit ihren Wurzeln, stehen zu ihrer Religion, praktizieren die Fastenzeit Ramadan und andere islamische Fest- und Feiertage.

Gleichzeitig akzeptieren sie, dass sie ihr bisheriges Leben aufgeben und sich neu orientieren müssen. Sie tun das mit einer Selbstverständlichkeit.

Junge Flüchtlinge, die einer religiösen oder ethnischen Minderheit angehören, sind ihrem Aufnahmeland dankbar. Sie nehmen die Vorzüge der Demokratie an und genießen die Freiheit, die ihnen in ihren Herkunftsländern verwehrt blieb.

Diese Dankbarkeit zeigen sie mit ihrer Integrationsbereitschaft. Sie kritisieren Flüchtlinge, die unangenehm auffallen und das Leben in Sicherheit nicht zu schätzen wissen.

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Andere Schüler lehnen Integration ab

Integrationswidrig dagegen zeigen sich junge Flüchtlinge, die mit dem Leben in Deutschland überfordert sind. Oft ist es nicht einfach sich auf das Neue zu konzentrieren, weil sie um Eltern oder Geschwister besorgt sind, die sie im Krieg zurückgelassen haben.

Hinzu kommt das Misstrauen dem Aufnahmeland gegenüber. Die Werte sind nicht mit ihrem Lebensstil vereinbar und die Angst, die eigenen zu verlieren, wächst und steht einer Integration im Wege. Die Schüler suchen nach Halt in einer Gemeinschaft, in der sie sich verstanden fühlen und die nach ihren eigenen Regeln lebt.

Viele meiner Schüler glauben, dass sie sich insbesondere in der Fremde an ihren Glauben klammern müssen, um die eigene Identität nicht zu verlieren. Wenn ich diese Jugendlichen nach ihrer Freizeitgestaltung frage, steht der regelmäßige Moscheebesuch an erster Stelle.

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Genau bei diesen Schülern beobachte ich, dass der Hang zu einem sehr strengen Islam und die Ablehnung der hiesigen Gesellschaft in Laufe der Zeit zunehmen und die Integration behindern.

Das Verhalten der Flüchtlinge ist vergleichbar mit dem der Türken in den 60ern

Eine ähnliche Verhaltensweise konnte ich bei Migranten mit türkischen Wurzeln verfolgen, die in den 60ern nach Deutschland gekommen sind. Nur eine geringe Zahl der Gastarbeiter kam aus bildungsnahen Familien. Eine Landbevölkerung, die vielleicht noch nie das Dorf verlassen hatte, in dem sie lebten, befand sich plötzlich in Deutschland.

Mein Vater erzählte uns, wie schwer es den Gastarbeiter fiel, sich in diesem fortschrittlichen Land zurechtzufinden. Aber da ihr Aufenthalt nur von kurzer Dauer sein sollte, lebte man nach dem Leitsatz "leben und leben lassen". Es änderte sich alles, als sich die ersten für ein dauerhaftes Leben in Deutschland entschieden und ihre Familien nachkommen ließen.

Die Angst, ihre Kinder könnten den Verlockungen der Freiheiten dieses modernen Landes nicht widerstehen, führte dazu, ein traditionelles, von der Religion dominiertes Leben zu führen.

Damals gab es junge Türken, die ihre Schwestern zur Schule begleiteten, um sie ja nicht den Gefahren der westlichen Kultur auszusetzen.

Manche Männer erlaubten ihren Ehefrauen nicht, das Haus zu verlassen und Kontakt zu Deutschen aufzunehmen. Die Sorge, die Frauen könnten die Freiheiten des Aufnahmelandes entdecken und für sich in Anspruch nehmen, war eine Bedrohung für die archaische Familienstruktur.

Eine Integrationspolitik gab es damals nicht, und so überließ man die türkischen Migranten sich selbst, ohne sich über die Konsequenzen dieser Isolation Gedanken zu machen. Erst als die ersten Gettos entstanden, Hinterhofmoscheen, Jugendgangs und Ehrenmorde den allgemeinen Frieden zu bedrohen schienen, wurden die Politiker auf eine Parallelgesellschaft aufmerksam, die nicht mehr zu stoppen war.

Der Islam hilft ihnen, den Anforderungen unserer Gesellschaft zu entkommen

Mit den Flüchtlingen wiederholen sich die Probleme. Auch wenn die Politiker aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt haben und versuchen, von Anfang an gezielt die Integration zu fördern, gibt es eine Denkweise, auf die sie nicht Einfluss nehmen können.

Die Flüchtlinge, die eine westliche Welt als Bedrohung sehen und Verlustangst haben, empfinden diese Integrationsbemühungen als ein Versuch der Missionierung und suchen sich Nischen, dieser zu entkommen.

Bei vielen meiner Schüler beobachte ich am Anfang noch ein Interesse am Gesellschaftsbild ihres Aufnahmelandes. Im Laufe der Zeit stellen sie nur noch die Differenzen zwischen den Kulturen fest, können keinen Mittelweg finden.

Mit Gleichgesinnten entscheiden sie sich für den Islam als Lebenskonzept, das ihnen die Nische bietet, in der sie allen Anforderungen des gesellschaftlichen Zusammenlebens, einer Integration, entkommen können.

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