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An alle Vegatarier: Es tut mir so leid

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VEGETARIER VEGAN
Getty
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Meine j├╝ngere Schwester begann im Teenager-Alter pl├Âtzlich, sich streng vegetarisch zu ern├Ąhren. Streng hie├č: kein Fleisch, kein Fisch, keine Gelatine und so weiter.

Mein Steak mit ihr zusammen am Tisch zu essen, war unm├Âglich. Die Vorw├╝rfe wanderten ├╝ber den Teller direkt in mein Gewissen. Es folgte ein Vortrag ├╝ber die schrecklichen Lebensbedingungen der Schweine. Der H├╝hner. Der Rinder. Und nat├╝rlich die der Fische.

Fisch zu essen war anscheinend ein Verbrechen. Pantomimisch stellte sie dar, wie erb├Ąrmlich ein Fisch direkt nach dem Fang stirbt. Und wie heuchlerisch ein Vegetarier sei, der einmal die Woche Fleisch esse.

Ich erkl├Ąrte ihr, dass ein Mensch nun mal dazu gemacht sei, Fleisch zu essen. Von da an a├čen wir in getrennten Zimmern.

Immer wollte sie eine Extra-Wurst. Vegeterarisch, versteht sich

Vegetarier waren f├╝r mich unangepasste, exzentrische Personen. Intolerant in ihrer toleranten Lebensart und auf gewisse Art sadistisch. Und immer wollten sie eine Extra-Wurst. Vegeterarisch, versteht sich.

Wenn ein Vegetarier zu Besuch ist, muss extra gekocht werden. Sonst zieht der Gast mit spitzen Fingern den Speck aus der Sauce. Nur um sie dann doch nicht zu essen. War ja Speck drin.

Der H├Âhepunkt meiner Antipathie: Meine engste Freundin (Vegetarierin) verliebte sich in einen leidenschaftlichen Fleischesser. Und dann musste ich zusehen, wie sie ihm seine Koteletts briet. Mit Gummi-Handschuhen und Nasenklammer. F├╝r sie gab es den kr├Ąnklichen Bruder von Fleisch: Tofu.

Jetzt muss ich mich outen. Ich lebe seit einiger Zeit selbst fleischlos. Ich bin jetzt also auf der feindlichen anderen Seite des Nahrungsgrabens. Die Geschichte dahinter? Es gibt keine. Zumindest keine voller Moral und Ethik.

Seit einer Lebensmittelvergiftung kriegte ich kein Fleisch mehr runter. Seitdem bringe ich auf Grillpartys geschnittene Zucchini mit. Fisch esse ich auch nicht. Ich kann die mimische Darstellung meiner Schwester nicht vergessen.

Weil ich keine Heuchlerin sein will, behalte ich meine Fleischabstinenz meistens f├╝r mich. Ich will nicht zugeben, dass es eine der besten Entscheidungen meines Lebens war, auf Fleisch zu verzichten. Und dass sich meine Ansichten ├╝ber Vegetarier v├Âllig ge├Ąndert haben.

Die ersten zwei Wochen ohne Fleisch f├╝hlte ich mich schlapp. St├Ąndiger Hunger. Alles war anstrengend. Ich a├č immer das Gleiche: K├Ąse. K├Ąse. K├Ąse. Das nennt man "Pudding-Vegetarismus".

Um Mangelerscheinungen zu vermeiden, m├╝ssen sich Vegetarier mit dem Kochen auseinandersetzen. Man kann von dieser Ern├Ąhrungsweise nichts erwarten, wenn man Lebensmittel nicht ausgewogen kombiniert. Ich begann also, wirklich leckere Mahlzeiten auszut├╝fteln.

Ich suchte nach ausgefallenen Gem├╝sesorten, die ich zu etwas Appetitlichem verarbeitete. Entdeckte Gew├╝rze, deren Namen mir bis dahin unbekannt waren. Mein Arzt riet mir zudem zu Eisenpr├Ąparaten.

Ich war dabei, mich in einen richtigen Veggie-Hardliner zu entwickeln

Ungef├Ąhr drei Wochen sp├Ąter f├╝hlte ich mich wieder fitter. Nach einer Weile a├č ich auch Milch und Eier immer widerwilliger. Unfassbar: Ich war dabei, mich in einen richtigen Veggie-Hardliner zu entwickeln.

Milch nehme ich im Gegensatz zu Eiern noch zu mir. Womit sonst soll ich meine Cornflakes morgens essen? Soja- Milch bin ich noch nicht gewachsen.

Fast Food fiel mit meinem neuen Leben ebenfalls weg. Fast Food ohne Fleisch und Fisch ist vielleicht gesund. Aber einfach nicht das Gleiche.

An alle Kochbuch-Autoren dieser Welt: Gr├╝nkern-Patties sind keine Alternative zu einem saftigen Rindfleisch- Burger. Sondern etwas sehr Bedauernswertes.

Irgendwann musste ich mich doch outen. Ein Freund kochte f├╝r mehrere Personen. Ich sah ihm beim zuf├Ąllig zu. Er briet das Gem├╝se in der gleichen Pfanne wie zuvor das Fleisch.

Ich stellte mir das herzensgute Gem├╝se vor: Bel├Ąstigt von den vielen ruchlosen Fleischfasern, w├Ąre es viel zu nachgiebig, seinen Eigengeschmack zu behalten. Es w├╝rde nachgeben. W├╝rde die Spuren von Blut und Medikamenten h├Âflich ignorieren und schlie├člich in meinem Mund landen.

Ich will nichts mehr essen, das f├╝r mich gestorben ist

Mir wurde schlecht vor Ekel. So schlecht wie all den ungeliebten Vegetariern aus der Vergangenheit, die ihr Gesicht beim Anblick von Fleisch verzogen. Was ich immer als Exzentrik, als spleeniges Profilierungsgehabe abgetan hatte, f├╝hlte ich jetzt selbst. Die Metamorphose war vollzogen.

Meine Freunde wissen jetzt davon. Sie nehmen R├╝cksicht. Vor allem ist es ihnen aber egal. Die meisten Vegetarier beginnen aus irgendeiner wertvollen ├ťberzeugung heraus, auf Fleisch zu verzichten. Bei mir kamen sie hinterher.

Ich will nichts mehr essen, das f├╝r mich gestorben ist. Kein Tier, das in irgendeiner Art f├╝r mich leiden musste. Ich habe jetzt ein neues Bewusstsein. Ich bin nicht so wichtig, dass ein Lebewesen daf├╝r sterben muss. Ich sehe deshalb auch keinen Sinn darin, dann Fleisch zu essen, wenn das Tier vor dem Todesschuss noch eine Massage bekommt, um dann entspannter zu sterben. Auch Tiere aus Bio-Haltung sind am Ende tot.

Tofu sieht mittlerweile so freundlich aus. Ein bisschen fade schmeckt es, aber unschuldig. Ich m├Âchte keine anderen Leute bekehren, ich m├Âchte mich nur ein wenig aus dem System der Ausbeutung heraushalten.

Im Hinblick auf meine Ern├Ąhrung fehlt es mir an Nichts, weil es f├╝r alles Alternativen gibt. Ich benutze auch keine Kosmetik mehr, die tierische Stoffe enth├Ąlt oder an Tieren getestet wurde. Seitdem ich sie nicht mehr esse, will ich mir auch nichts mehr ins Gesicht schmieren, das von Tieren stammt.

Ich habe mich bei allen Vegetariern entschuldigt, die ich fr├╝her nervig fand. Ich bin jetzt einer von ihnen. Manchmal sitze ich im Restaurant ├╝ber einem Gem├╝se-Gericht.

Ich schaue mich um: Ersp├Ąhe ich einen anderen Vegetarier, blinzeln wir uns feierlich zu. Und widmen uns wieder den Tellern. Wir wissen, dass wir das absolut Richtige tun. Dass wir auch die gut gemeinten Ratschl├Ąge, wenigstens ab und zu ein St├╝ck Fleisch zu essen, ablehnen m├╝ssen. Wir stecken schon zu tief drin und das ist gut so.

Ich wei├č nicht mehr, wie ein Steak schmeckt. Ich habe meine Schwester gefragt. Sie wei├č es schon seit Jahren nicht mehr.

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