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Brexit - Warum ich nur fassungslos sein kann

Ver├Âffentlicht: Aktualisiert:
SHOCKED UK
Spencer Platt via Getty Images
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  • Als Britin bin ich von der Entscheidung best├╝rzt und entsetzt
  • Ein Ausstieg aus der EU ist nicht mutig, sondern h├Âchst riskant
  • Auff├Ąllig ist, dass die jungen Briten mehrheitlich in der EU bleiben wollten

Lieber Roland,

heute fr├╝h habe ich mich sehr ├╝ber Dich ge├Ąrgert. Es war kurz nach acht, wir telefonierten; der Schock, dass meine Landsleute sich wirklich f├╝r den Brexit ausgesprochen haben, sa├č bei mir noch tief. Ich habe bef├╝rchtet, dass es so kommen k├Ânnte, aber nicht glauben wollen. Entsprechend war ich ├╝berw├Ąltigt, traurig und verunsichert. Und Du? Hast gelacht, und entgegnet, dass der Brexit eine gute Entscheidung sei.

Der Brexit kann keine gute Entscheidung sein

Im Gegenteil: Ich f├╝rchte, dass die Briten mit dem Feuer gespielt haben und jetzt einen Fl├Ąchenbrand ausgel├Âst haben. Die ersten Folgen sind schon sp├╝rbar: Das Pfund ist jetzt auf den niedrigsten Stand seit 1985 gefallen. Die Rating-Agentur Standard & Poor's streicht Gro├čbritannien das AAA-Rating. Der DAX ist zu Handelsbeginn um zehn Prozent gefallen; es wird weltweit ein schwarzer Freitag an den B├Ârsen erwartet. Hei├čt es nicht: ÔÇ×Die M├Ąrkte haben immer Recht"?

Der Brexit gibt den Nationalisten wie Geert Wilders Auftrieb

Du vergleichst den Brexit mit einer Scheidung, hoffst, dass diese sachlich und nicht emotional-erhitzt ablaufen wird. F├╝r mich sind die ersten Reaktionen das Indiz, dass Europa und die Briten keineswegs Freunde bleiben werden. Was wir sehen, sind die Teller, die im Affekt geworfen werden; wir verbrennen gerade Souvenirs aus unseren gl├╝cklicheren Zeiten.

Und das war erst der Anfang. Schon jetzt beginnen unsere Bekannten und Freunde, auf unsere Trennung zu reagieren. Eben lief ├╝ber den Ticker, dass David Cameron als Premierminister zur├╝cktreten wird. Der rechtspopulistische Niederl├Ąnder Geert Wilders hat schon angek├╝ndigt, dass er einen ÔÇ×Nexit" will; die Diskussion, ob Nordirland und Schottland sich jetzt von England lossagen, hat ebenfalls schon begonnen.

Ja, solche Diskussionen sind wichtig, sie sind Teil des demokratischen Prozesses, von dem Du und ich beide so ├╝berzeugt sind. Ich bin Jahrgang 1981, ich habe die deutsch-deutsche Vereinigung erlebt, das Zusammenwachsen von Europa, das Fallen von Grenzen und Barrieren. Ich bin, Gott sein Dank, in einem friedlichen und weltoffenen Europa aufgewachsen. Ich habe ein optimistisches Naturell. Aber auf einmal beschleicht mich dieses schlimme Gef├╝hl, dass die Geschichte eben auch nicht immer gut ausgehen muss.

Wir m├╝ssen aufeinander zugehen statt uns zur├╝ckzuziehen

Was jetzt passiert, wird Gro├čbritannien und Rest-Europa auf Wochen, Monate, Jahre l├Ąhmen. Und das in einer Zeit, in der wir so viel gr├Â├čere Herausforderungen zu stemmen haben: Der Zustrom an Zuwanderern, die nach Europa fliehen. Die Frage der Integration. Mega-Trends wie Digitalisierung und Globalisierung, die unsere Welt nachhaltig ver├Ąndern. Der R├╝ckzug, das Einigeln kann nicht die L├Âsung sein.

Um in Deinem Bild zu bleiben: Die Schweiz und Norwegen sind die Freunde, die man schon viel zu lange kennt, als dass ÔÇ×aus uns nochmal irgendwas wird", wie Klaus Lage einst sang. Mit Gro├čbritannien hingegen ist das anders: Wir waren verheiratet, wir haben uns Versprechungen gemacht und uns vertraut.

Die EU hat doch jetzt gar keine andere Chance, als hart zu reagieren. Sie muss uns den Wohnungsschl├╝ssel abnehmen und die Koffer vor die T├╝r stellen. T├Ąte sie es nicht, w├Ąre das das Eingest├Ąndnis, dass wir dieses ehrgeizige Projekt EU auch gleich sein lassen k├Ânnen.

In den sozialen Netzwerken kursiert heute fr├╝h eine spannende Detail-Analyse: Von den 18- bis 24-J├Ąhrigen haben 64 Prozent klar f├╝r den Verbleib in der EU gestimmt. Bei den ├ťber-65-J├Ąhrigen hingegen waren es 58 Prozent, die sich f├╝r einen Austritt ausgesprochen haben. Bin ich, ist meine Generation nun naiv und Ihr erfahren? Oder schaut Deine Generation schlicht anders auf das, was derzeit passiert? Ich bin sehr gespannt, was die Zeit uns lehren wird.

Herzlich,

Deine Jennifer

Dieser Beitrag erschien zuerst bei klartext.

Hier gibt es die verbl├╝ffende Antwort auf Jennifer Lachmans Brief.

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