Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform fĂĽr kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Jennifer Lachman Headshot

Brexit - Warum ich nur fassungslos sein kann

Veröffentlicht: Aktualisiert:
SHOCKED UK
Spencer Platt via Getty Images
Drucken
  • Als Britin bin ich von der Entscheidung bestĂĽrzt und entsetzt
  • Ein Ausstieg aus der EU ist nicht mutig, sondern höchst riskant
  • Auffällig ist, dass die jungen Briten mehrheitlich in der EU bleiben wollten

Lieber Roland,

heute früh habe ich mich sehr über Dich geärgert. Es war kurz nach acht, wir telefonierten; der Schock, dass meine Landsleute sich wirklich für den Brexit ausgesprochen haben, saß bei mir noch tief. Ich habe befürchtet, dass es so kommen könnte, aber nicht glauben wollen. Entsprechend war ich überwältigt, traurig und verunsichert. Und Du? Hast gelacht, und entgegnet, dass der Brexit eine gute Entscheidung sei.

Der Brexit kann keine gute Entscheidung sein

Im Gegenteil: Ich fürchte, dass die Briten mit dem Feuer gespielt haben und jetzt einen Flächenbrand ausgelöst haben. Die ersten Folgen sind schon spürbar: Das Pfund ist jetzt auf den niedrigsten Stand seit 1985 gefallen. Die Rating-Agentur Standard & Poor's streicht Großbritannien das AAA-Rating. Der DAX ist zu Handelsbeginn um zehn Prozent gefallen; es wird weltweit ein schwarzer Freitag an den Börsen erwartet. Heißt es nicht: „Die Märkte haben immer Recht"?

Der Brexit gibt den Nationalisten wie Geert Wilders Auftrieb

Du vergleichst den Brexit mit einer Scheidung, hoffst, dass diese sachlich und nicht emotional-erhitzt ablaufen wird. FĂĽr mich sind die ersten Reaktionen das Indiz, dass Europa und die Briten keineswegs Freunde bleiben werden. Was wir sehen, sind die Teller, die im Affekt geworfen werden; wir verbrennen gerade Souvenirs aus unseren glĂĽcklicheren Zeiten.

Und das war erst der Anfang. Schon jetzt beginnen unsere Bekannten und Freunde, auf unsere Trennung zu reagieren. Eben lief über den Ticker, dass David Cameron als Premierminister zurücktreten wird. Der rechtspopulistische Niederländer Geert Wilders hat schon angekündigt, dass er einen „Nexit" will; die Diskussion, ob Nordirland und Schottland sich jetzt von England lossagen, hat ebenfalls schon begonnen.

Ja, solche Diskussionen sind wichtig, sie sind Teil des demokratischen Prozesses, von dem Du und ich beide so ĂĽberzeugt sind. Ich bin Jahrgang 1981, ich habe die deutsch-deutsche Vereinigung erlebt, das Zusammenwachsen von Europa, das Fallen von Grenzen und Barrieren. Ich bin, Gott sein Dank, in einem friedlichen und weltoffenen Europa aufgewachsen. Ich habe ein optimistisches Naturell. Aber auf einmal beschleicht mich dieses schlimme GefĂĽhl, dass die Geschichte eben auch nicht immer gut ausgehen muss.

Wir mĂĽssen aufeinander zugehen statt uns zurĂĽckzuziehen

Was jetzt passiert, wird Großbritannien und Rest-Europa auf Wochen, Monate, Jahre lähmen. Und das in einer Zeit, in der wir so viel größere Herausforderungen zu stemmen haben: Der Zustrom an Zuwanderern, die nach Europa fliehen. Die Frage der Integration. Mega-Trends wie Digitalisierung und Globalisierung, die unsere Welt nachhaltig verändern. Der Rückzug, das Einigeln kann nicht die Lösung sein.

Um in Deinem Bild zu bleiben: Die Schweiz und Norwegen sind die Freunde, die man schon viel zu lange kennt, als dass „aus uns nochmal irgendwas wird", wie Klaus Lage einst sang. Mit Großbritannien hingegen ist das anders: Wir waren verheiratet, wir haben uns Versprechungen gemacht und uns vertraut.

Die EU hat doch jetzt gar keine andere Chance, als hart zu reagieren. Sie muss uns den Wohnungsschlüssel abnehmen und die Koffer vor die Tür stellen. Täte sie es nicht, wäre das das Eingeständnis, dass wir dieses ehrgeizige Projekt EU auch gleich sein lassen können.

In den sozialen Netzwerken kursiert heute früh eine spannende Detail-Analyse: Von den 18- bis 24-Jährigen haben 64 Prozent klar für den Verbleib in der EU gestimmt. Bei den Über-65-Jährigen hingegen waren es 58 Prozent, die sich für einen Austritt ausgesprochen haben. Bin ich, ist meine Generation nun naiv und Ihr erfahren? Oder schaut Deine Generation schlicht anders auf das, was derzeit passiert? Ich bin sehr gespannt, was die Zeit uns lehren wird.

Herzlich,

Deine Jennifer

Dieser Beitrag erschien zuerst bei klartext.

Hier gibt es die verblĂĽffende Antwort auf Jennifer Lachmans Brief.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform fĂĽr alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Finanzmärkten droht nach Brexit-Schock ein "Black Friday"

Lesenswert: