Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform f├╝r kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Jennifer Lachman Headshot

So erlebe ich als Britin die Debatte um den Brexit

Ver├Âffentlicht: Aktualisiert:
BREXIT BRITIN
dpa
Drucken
  • Endlich diskutieren wir wieder leidenschaftlich ├╝ber Politik
  • Es erschreckt mich, wie hart der Ton gerade beim Thema Zuwanderung ist
  • Ein Ausstieg w├╝rde die Nationalisten auch im Rest Europas st├Ąrken

Meine Familie hat die Prinzipien der Europ├Ąischen Union schon gelebt, Jahrzehnte bevor diese 1992 mit dem Vertrag von Maastricht offiziell begr├╝ndet wurde. Mein Gro├čvater: ein geb├╝rtiger Pole, der sich in den 40er-Jahren in meine Gro├čmutter, eine Schottin, verliebte und mit ihr in den Norden Englands zog und eine Familie gr├╝ndete.

Meine Eltern lernten sich in den 70er-Jahren in London an der Uni kennen und zogen zehn Jahre sp├Ąter mit meiner Schwester und mir nach Deutschland, jobbedingt und eigentlich mit dem klaren Vorsatz, nach ein paar Jahren nach Gro├čbritannien zur├╝ckzukehren. Tats├Ąchlich kam es anders, und so lebe ich - von wenigen Unterbrechungen abgesehen - seit nunmehr 28 Jahren in Deutschland. Mit britischem Pass.

Und einer unbefristeten Aufenthaltsgenehmigung. Ich lebe, arbeite und zahle hier Steuern, als w├Ąre ich Deutsche. Und so leben, arbeiten und zahlen drei Millionen EU-B├╝rger in Gro├čbritannien Steuern, als w├Ąren sie Briten.

Am heutigen Donnerstag nun entscheiden meine Landsleute, ob das auch in Zukunft so sein wird: ob sie noch zur EU geh├Âren wollen oder nicht. Es ist der H├Âhepunkt einer Debatte, die ich in den vergangenen Wochen als ├╝berraschend und lehrreich erlebt habe. Die mich aber auch erschreckt und best├╝rzt hat.

Woher kommt dieser Hass?

├ťberraschend und lehrreich, weil pl├Âtzlich Freunde, Verwandte und Bekannte - auch solche, die ich sonst als eher unpolitisch wahrnehme - fundiert und differenziert ├╝ber Vor- und Nachteile der EU diskutieren. Ist der monatlich stattfindende Reisezirkus der EU-Abgeordneten zwischen Br├╝ssel und Stra├čburg noch zeitgem├Ą├č? Was ist au├čer der dominierenden Finanzindustrie Londons von Gro├čbritannien noch ├╝brig; welche Rolle will und kann das einstige Empire heute noch in der Welt spielen? Brauchen wir Br├╝ssel? Und braucht Br├╝ssel uns? Hurra, wir debattieren endlich wieder miteinander!

Was mich hingegen erschreckt und best├╝rzt hat: F├╝r viele ist die Frage "Brexit oder nicht?" offenbar in erster Linie zu der Entscheidung f├╝r oder gegen Zuwanderer geworden. Der Ton ist selbst in meinem Umfeld sch├Ąrfer geworden; entferntere Bekannte, die f├╝r den Brexit sind, f├╝hren pl├Âtzlich Argumente an, die mit meinem Bild eines weltoffenen und friedlichen Europas nicht vereinbar sind.

"Es herrscht Nebel ├╝ber dem ├ärmelkanal? Dann ist Europa mal wieder abgeschnitten!": Der alte Witz ├╝ber das legend├Ąre Selbstverst├Ąndnis der Briten bekommt auf einmal eine traurige Nuance. Viele Briten w├╝nschen sich offenbar zur├╝ck in eine Zeit ohne offene Grenzen, in eine Zeit, in der Gro├čbritannien mehr war als London. In der das Leben vertraut und berechenbar war. Der R├╝ckzug auf die Insel, f├╝r viele scheint er die L├Âsung f├╝r die immer komplexer werdenden Probleme einer globalisierten Welt zu sein.

Die EU ist b├╝rokratisch, kompliziert, aber immens wichtig

Ich hoffe, dass diejenigen, die so denken, am heutigen Donnerstag in der Minderheit sind - und Gro├čbritannien in der EU bleibt. Die monet├Ąren Argumente eines Austritts sind alle ausgetauscht: Wird die Wirtschaft, wie der Internationale W├Ąhrungsfonds es errechnet haben will, schrumpfen? Wird der Durchschnittshaushalt wirklich, wie Finanzminister George Osborne behauptet, fortan 4300 Pfund im Jahr weniger zur Verf├╝gung haben? Werden Banken und Versicherungen von der Themse an den Main ziehen? Das wird die Zeit zeigen.

Worin ich mir aber schon jetzt sicher bin: Stimmen die Briten f├╝r den Brexit, dann h├Ątte das unmittelbar und unbestritten eine verheerende Wirkung f├╝r den europ├Ąischen Gedanken. Wie lange wird es dauern, bis EU-Kritiker wie Geert Wilders in den Niederlanden oder Marine Le Pen in Frankreich sich auf das Vorbild des Unvereinigten K├Ânigreichs berufen?

Wie sehr w├╝rden die - auf zwei Jahre angelegten - Austrittsverhandlungen uns Europ├Ąer l├Ąhmen - in einer Zeit, in der wir angesichts des zunehmenden Terrors eigentlich vereint sein sollten? Schon jetzt gibt es Spekulationen, wonach es zu einem zweiten Referendum kommen k├Ânnte - etwa wenn das traditionell pro-europ├Ąischere Schottland gegen den Brexit, England aber daf├╝r stimmt.

Ein solcher Schritt, was hie├če er f├╝r die zunehmende Wut so vieler Politikverdrossener auf "die da oben", die angeblich am Volk vorbei entscheiden? Und ganz pers├Ânlich: Was hie├če der Austritt f├╝r Expats wie mich, die ihren Lebensmittelpunkt in einem anderen EU-Land haben? W├╝rden Angela Merkel & Co. einen bewusst harten Kurs fahren, um die Briten abzustrafen? M├╝sste ich mich dann wirklich um eine neue Aufenthaltsgenehmigung bem├╝hen? Und eine Arbeitserlaubnis? Derzeit, so scheint es, ist alles denkbar.

Wir leben in einer heiklen und - wie man zuletzt am grauenvollen Mord an der britischen Abgeordneten Jo Cox sah - gef├Ąhrlichen Zeit. Mein Wunschszenario? Gro├čbritannien bleibt in der EU, diesem komplexen, b├╝rokratischen, aber doch so wichtigen Konstrukt.

Und wir alle begreifen die knappe Brexit-Debatte als Warnschuss - und ├╝berf├Ąlligen Ansto├č, offen und sachlich ├╝ber die derzeitige Politisierung und auch Radikalisierung unserer Gesellschaft zu diskutieren. Ob das in Erf├╝llung geht? Leider hat die britische Regierung mir und vielen anderen Expats in dieser wichtigen Entscheidung nur eine Zuschauerrolle zugedacht. Wer seit mehr als 15 Jahren au├čerhalb Gro├čbritanniens lebt, ist leider nicht stimmberechtigt. Der Brexit, so scheint es, hat schon begonnen.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei klartext.

2016-06-22-1466588952-5629450-HUFFPOST1.jpg
Mehr zum Thema Brexit findet ihr hier.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform f├╝r alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Lesenswert: