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Die Kinder von Aleppo

Veröffentlicht: Aktualisiert:
REFUGEES ALEPPO
Hosam Katan / Reuters
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Präsenter denn je. »Die Kinder aus Aleppo« Die Dokumentation von Marcel Mettensiefen, Grimmepreisträger in der Kategorie "beste Doku" des Jahres 2016.

"Syrien, Aleppo, Sommer 2013. Mehr als 11.000 Kinder sind im Bürgerkrieg zwischen dem Assad-Regime und der Rebellenarmee getötet worden, mehr als eine Million befinden sich auf der Flucht." Was Tagesgeschäft zwischen dem Assad-Regime und der Rebellenarmee ist, bedeutet gleichzeitig ein tägliches Überleben im Krieg. Aus der Sicht eines Kindes.

Wenn der Krieg zum Alltag wird.

Frieden, Geborgenheit und Sicherheit. Grundlagen des menschlichen Handelns, die selbstverständlich sein sollten. Besonders für Kinder. Doch was sie erleben, ist kein Märchen. Kein schlechter Albtraum, in dem Gut und Böse einen Kampf ausfechten, von dem man ohnehin schon weiß wie er ausgeht. Es um Chancen. Um Überlebenschancen. Oder eben nicht.

Es ist kein Spiel, das von schwarzen Lettern auf elfenbeinfarbenen Untergrund ausgetragen wird. Es geht nicht um "mal verlierst du, mal gewinnst du". Wenn du verlierst, dann bist du tot. Und die Kinder wissen das. Sarah, 8 Jahre, spricht ganz offen darüber, dass ihr Vater, der Rebellenkommandant Abu Ali Al-Saliba verschwunden ist und dass er wahrscheinlich nicht mehr lebt. Der Gedanke ist in ihre unschuldige Kinderseele gekrochen und hat sich da festgefressen. Ein Trauma hat Zugang gefunden. Es ist Ernst. Dabei ohne bitteren Nach- geschmack. Warum? Weil es ohnehin jeden Tag passiert. Und für immer bleibt. Tag für Tat.

Angstgesellschaft

Hinzukommt eine neue volksnahe Partei. Die "Volkspartei", wie sich die AFD nennt. "Die Alternative für Deutschland", die neben der NPD schwadroniert und mit der PEGIDA liebäugelt. Die Partei, die ebenso mit der Angst des "völkischen Volkes" jongliert und die Flüchtlingskrise als Bereicherung der besonderen Art sieht. »Man kann diese Krise ein Geschenk für uns nennen", sagte Gauland. "Sie war sehr hilfreich.«

Aber wer hat eigentlich Angst und wovor? Neben den Kriegskindern, nur echte Deutsche? Nur die besorgten? Auch integrierte Muslime? Oder anpassungswillige Ausländer? Alles in Ordnung, so lange es keine unqualifizierten Flüchtlinge sind. Bloß gebildete. Keine Wirtschaftsflüchtlinge. Das, sind die schlechten Flüchtlinge. "Man müsse schließlich den Unterschied wagen", merkt Frauke Petry, die Parteivorsitzende der AFD an. "Das wird man ja wohl nochmal sagen dürfen." Also ganz nach dem Märchenmotto: "Die Guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen?"

Während die Kinder im zerbombten Aleppo nicht Aschenputtel vorgelesen bekommen, sondern Krieg mitkriegen und Farah, 5, Sara, 8, Helen, 13, und ihr Bruder Mohammed, 14, die Geschwister der religiösen Familie Al-Saliba, die ihren Kindern einen christlichen, einen muslimischen und einen jüdischen Namen als interkulturelles Zeichen, Merkmal der Weltoffenheit und Symbol des Friedens gegeben haben, "spielen" unterdessen IS. Immer in der andauernden Angst, dass ein harmloser Hubschrauber sich als Todesgeschoss am Himmel tarnt. Die eine Schwester vermummt sich mit einem dunklen Tuch, bevor sie der anderen "spielerisch mit der Handkante" das Kröpfchen abhackt.

Infobombardement

Die Hinrichtung, die hier symbolisch nachvollzogen wird, ist erst so richtig möglich, seitdem es die Inszenierung des Privatlebens gibt. "Wie sonst ist es möglich,dass Kinder Zugang zu solchen Bildern haben?"

Unfug. Sie sehen es ja mit ihren eigenen Augen. Es passiert. Ist passiert. Und das wird es auch weiterhin. Die fallenden Bomben spalten Köpfe. Sie reißen Gliedmaßen ab. Und die Kinder sehen es. Sie erleben es.

"Ich habe Angst vor Träumen", sagt die kleine Farah.

Und trotzdem. Nicht erst seit Facebook, YouTube, Twitter und Co. herrscht gleichzeitig auch die Informationsflut. Seit ihnen wird es immer leichter und angenehmer Informationen und (bewegte) Bilder zu teilen. Immer exklusiver. Provokanter. Schneller. Dahinter aber, sitzt immer noch der denkende Mensch. Der, der sie postet, sie teilt und sich einen Dreck schert, was er da eigentlich shart. Es ist der Mensch, der kommentiert. Und lenkt.

Ob er dabei immer denkt und was bleibt ist eine offene Vermutung, ein Geheimnis unserer medialen Zeit. Während die Kriege weiter geführt werden und Kinder, deren Familien und Freunde zu Opfern werden. Kinder, verlieren ihre Eltern und ihr beschütztes Leben und ihre Kindheit.

Hoffnung, die Krankheit der Mutigen

Eine Rettung kommt zu spät. Wie sooft auch die Rettungsboote auf dem Mittelmeer. Aber sie kommen nur zu spät zum Tatort. Der Tatort heißt Mittelmeer und die Situation auf selbigem ist weit vorher verursacht worden. Das Mittelmeer, das eigentlich für Urlaubsregionen steht, Bilder an schöne Strände weckt und Platzhalter für Freizeit ist. Und es ist auch das Mittelmeer, das jetzt auch als mordendes Monster assoziiert werden kann und als Grab für viele dient. Wieder Kinder. Frauen. Männer. Ungewollte Seebestattungen ohne auch nur ein einziges Kreuz.

Wer wirklich zu spät ist, sind wir, die Industrieländer. Die Kulturregionen. Sie sind diejenigen, die sich dazu "entschieden" zu spät kommen, weil sie jahrelang verschlafen haben. Und jetzt - was bleibt noch zu sagen? Was traut man sich überhaupt noch zu erwähnen, neben so viel Trauer und Tränen, Krieg und Kindern des Krieges?

Ausländer raus? "Wir wollen keine Asylantenheime?" Und schon brennt tatsächlich irgendwo eine Flüchtlingsunterkunft.

Vorschlag. "Wie wärs mit: Willkommen in Deutschland! Hier seid ihr sicher. Vor dem Krieg, den wir, die Industriestaaten mit verursacht haben. Wie sind für euch da. Seid ihr es doch auch für uns. Und schon fällt zusammensein gar nicht mehr schwer. Weil es beide wollen."

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