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Wir haben alles verkauft, um mit unserem Sohn im Wohnmobil die Welt zu bereisen

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JENNIFER ETHAN TRAVEL
Jennifer Constant
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Sitzt du in deinem Büro, starrst aus dem Fenster und denkst: „Das ist es also"? Denkst du an deine Rente, Hypothek, Rechnungen und dein Sozialleben und dann: „Habe ich eine andere Wahl?"

So war ich auch. Ich starrte hinaus auf die Straße, während ich über Budgets und Exceltabellen brütete, und fragte mich, was als nächstes kommen sollte. Ich war nicht glücklich mit meinem Leben und bin es noch nie richtig gewesen, um ehrlich zu sein.

Meine Reise nach dem Studium hat mich verändert, aber zu Hause hat sich nichts verändert. Ich fand es schwierig, einfach nur im Büro zu hocken und nicht nach etwas Größerem zu streben.

In den Jahren vor unserer großen Entscheidung habe ich es mit klassischen Büro-Jobs versucht. Mein Mann und ich sind nach Bristol gezogen, haben eine Hypothek aufgenommen und hatten sichere Jobs.

Wir sind ab und zu verreist, aber nur, wenn wir Urlaub hatten. Das passte nicht wirklich zu unserer Wanderlust, und als unser Sohn Ethan auf die Welt kam, merkte ich, dass wir eine Veränderung brauchten.

ethan

Ich hatte neun Monate lang frei, mein Leben war voll von Baby-Gruppen. Ich fühlte mich nicht mehr wie ein Sklave des Laptops. Doch als es an der Zeit war, ins Büro und in die „echte Welt" zurückzukehren, war ich ein anderer Mensch.

Mein ganzes Geld floss in überteuerte Krabbelgruppen

Ich fand es irre, dass ich jemand anderen dafür bezahlte, auf meinen Sohn aufzupassen, während ich aus dem Fenster starrte und mir wünschte, dass der Tag endlich vorbei wäre und ich mein Kind abholen könnte. Das Kind, auf das ich so lange gewartet hatte und das ich jetzt nur abends ins Bett bringen darf. Ich wollte etwas anderes.

Es war ein großes Risiko, es meinen Mann Terry gegenüber zuzugeben, dass das nicht das Leben war, das ich mir für mich und meinen Sohn wünschte. Ich wusste, dass unser Leben sich ändern würde, sobald ich es ihm sagen würde.

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Er hasste den langen Weg zu seiner Arbeit und war von sieben Uhr morgens bis sieben Uhr abends unterwegs, saß den ganzen Tag am Schreibtisch, tat etwas, was er nur so halb genießen konnte und stand nur dann von seinem Schreibtisch auf, wenn er was vom Drucker holen musste.

Unsere Entscheidung fiel innerhalb von 24 Stunden und unser ganzes Leben stand plötzlich auf dem Kopf. Wir entschlossen uns, das Haus zu verkaufen, unsere Jobs zu kündigen und zu verreisen - und zwar in einem Wohnmobil! Und das erste Mal seit Ethans Geburt fühlten wir uns wieder stark.

jennifer

Wir hatten so viele Ideen. Wir dachten darüber nach, in Costa Rica ehrenamtlich zu arbeiten, einen Roadtrip durch Amerika zu machen oder durch die Bahamas zu segeln. Aber dann entschieden wir, dass Europa wohl der beste Ort für den Anfang wäre.

Wir wollten erst nach Spanien, Portugal und Frankreich und zwischendurch als Freiwillige arbeiten, um coole und ähnlich gepolte Leute kennenzulernen sowie neue Fähigkeiten zu lernen. Und das, während wir im Wohnmobil wohnten - wer weiß, wie lange.

Nach nur ein paar Tagen zurück im Büro reichte ich meine Kündigung ein. Ich sagte zu meinem Boss, dass ich mein Baby nicht jeden Tag verabschieden wollte, nur, um den ganzen Tag im Büro zu sitzen und darüber zu diskutieren, wie wir noch mehr Geld machen könnten.

Das ist so verrückt, wir tun es wirklich

Terry wartete ab, bis die neuen Eigentümer unseres Hauses den Kaufvertrag unterschrieben hatten, bevor auch er seine Kündigung einreichte. An seinem letzten Tag verließ er sein Büro, atmete tief durch und beeilte sich, heimzukommen, damit wir endlich mit einem „Das ist so verrückt, wir tun es wirklich"-Curry feiern konnten.

Wir brauchten drei Monate, um unsere Jobs abzuschließen sowie unser Haus und alles, was wir besaßen, zu verkaufen. Wir packten ein paar Fotoalben, Ethans Babysachen (ja, ich bin so kitschig) und ein paar Souvenirs in Umzugskisten. Alles andere, was wir besaßen, verkauften wir.

Wir konnten ja alles wieder kaufen. Jedenfalls sagte ich mir das immer wieder, während mir langsam bewusst wurde, dass wir alles, was wir in den letzten Jahren aufgebaut haben, nach und nach weggaben. Als wir den neuen Eigentümern den Hausschlüssel aushändigten, was unser neues Haus schon startklar und wartete auf uns in der Einfahrt.

travel as they grow

Unsere ersten Wochen waren... wie soll ich sagen... eine Probe. Während wir neue Orte besuchten und hübsche Bilder machten, probierten wir das absolute Gegenteil von dem Leben aus, das wir bis vor wenigen Wochen geführt haben.

Unser Haus war nun ein 6,25 Meter langes Wohnmobil mit einem Badezimmer, in dem man sich kaum umdrehen kann und einem Bett, dass man mindestens 15 Minuten lang zusammenbauen muss. Und dazwischen ein krabbelndes, neugieriges 16 Monate altes Kleinkind, dass rund um die Uhr Aufmerksamkeit und Essen will.

Ich blicke nicht mehr zurück

Wir haben sicherlich gelernt, geduldig zu sein. Wir haben gelernt, einander zuzuhören, einander zu respektieren und dass nichts schnell geht, wenn drei Leute sich ein Wohnmobil teilen. Aber dafür müssen wir den Wecker nicht stellen, können mit unserem Sohn kuscheln, wunderschöne Aussichten vor dem Fenster genießen und müssen keine großen Pläne schmieden - wir wissen nur, dass wir als Familie gemeinsam etwas Cooles machen können. Das ist die Umstände wert.

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Ich kann ehrlich sagen, dass ich seitdem wir losgefahren sind, nicht mehr zurückgeblickt habe. Ich habe unsere Entscheidung niemals bereut. Ich bin glücklicher als jemals zuvor. Ich schreibe das, während Ethan und Terry am Strand spielen. Ethan gluckst vor Lachen, während er Terry mit seinem geliebten Eimer und seiner Schaufel nachrennt.

ethan

Ethan machte seine ersten Schritte neben einem Schloss in Portugal, erlebte seinen ersten Schnee in den Picos de Europa, sagte sein erstes Wort (wow!) auf Europas höchst gelegener Sanddüne in Frankreich, fuhr das erste Mal U-Bahn in Barcelona und jagte seiner ersten Welle an einem paradiesischen Strand in der Algarve nach. Sein und unser Leben sind erfüllt.

Wir haben keine Pläne für die Zukunft, und während die meisten Menschen bei diesem Gedanken ausflippen würden, geht es uns ganz gut damit. England ist voll von unnötigem Stress - Hypotheken, Rechnungen und Stunden im Stau. Und das gefällt uns nicht.

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Manche Menschen denken, wir seien dumm und egoistisch

Vielen anderen mag unsere Reise komisch, mutig, oder dumm erscheinen. Uns wurden Fragen gestellt wie: Warum habt ihr bei so einem schwierigen Wohnungsmarkt euer Haus aufgegeben? Warum riskiert ihr Ethans Zukunft? Euer Sohn wird sich doch sowieso an nichts davon erinnern, ihr seid egoistisch!

Es war vielleicht nicht die einfühlsamste Entscheidung, die wir getroffen haben. Aber wer sagt denn, dass es besser ist, den ganzen Tag im Büro zu verbringen und sich zu wünschen, dass der Tag und die Woche schnell vorbei sind? Ich nicht.

ethan and terry

Der Sinn des Lebens ist, glücklich zu sein und sein Leben zu genießen. Wir genießen jede Minute, in der wir unseren gerade mal 16 Monate alten Sohn heranwachsen sehen, während wir gemeinsam die Welt bereisen. Wir sagen nicht, dass es einfach sein wird und wir sind nicht reich, aber wir haben Ideen, wie wir, während wir reisen, Geld verdienen können, um uns selbst zu versorgen.

Wir sagen auch nicht, dass das für immer so bleiben wird. Irgendwann werden wir Ethan zur Schule schicken müssen, wir werden also wieder große Entscheidungen treffen müssen. Wir träumen davon, irgendwann unser eigenes kleines Stück Paradies auf der Welt zu besitzen. Aber wir wissen noch nicht, wie unsere Zukunft aussehen wird, und ich muss zugeben, das ist ziemlich aufregend.

Wenn du mehr über Jennifers, Terrys und Ethans Abenteuer lesen willst, besuch ihren Blog: Travel As They Grow.

Der Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt und erschien zuerst auf HuffPost UK.

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