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So fühlt es sich an, zu sterben

Veröffentlicht: Aktualisiert:
STERBEN ENGEL
TheAtlantic
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"Es ist wie ein Sturm, der sich nähert."

"Möchten Sie wissen, was passiert, wenn der Körper sich langsam runterfährt und ausstellt?"

Meine Mutter und ich saßen der Hospiz-Schwester im Haus meiner Eltern in Colorado gegenüber. Es war das Jahr 2005, und meine Mutter hatte das Ende der Behandlung gegen gestreuten Brustkrebs erreicht. Vor ein, zwei Monaten noch hatte sie genug Kraft, um täglich mit dem Hund in den Bergen spazieren zu gehen und mit meinem Vater nach Australien zu reisen. Jetzt war sie nur noch schwach, erschöpft von der Krankheit, der Chemotherapie und den Medikamenten.

Meine Mutter hatte, mit dem Segen des Arztes, entschieden, die schwindenden Möglichkeiten der Chemotherapie nicht weiter auszuschöpfen. Sie hatte darum gebeten, das Hospiz zu kontaktieren. Trotzdem waren wir auf die Fragen der Schwester nicht vorbereitet. Meine Mutter und ich tauschten einen Blick aus, wir waren etwas geschockt. Aber vor allem waren wir erleichtert.

Während der sechseinhalb Jahre der Behandlung hatte soweit ich weiß niemand darüber gesprochen, was passieren würde, wenn man stirbt. Und meine Mutter hatte zwei Allgemeinmediziner, sechs Onkologen, einen Kardiologen, mehrere Bestrahlungstechniker, Krankenschwestern in zwei Einrichtungen für Chemotherapie und Chirurgen in drei verschiedenen Kliniken konsultiert.

Wenige berichten davon, wie sich das Sterben anfühlt

Dafür gibt es einen guten Grund. "Etwa in den letzten zwei Wochen des Lebens bis zum letzten Atemzug, irgendwo in dieser Zeitperiode, werden die Menschen zu krank, zu schläfrig oder sind nicht bei Bewusstsein und können uns daher nicht berichten, was sie empfinden", so Margaret Campbell, einer Professorin für Krankenpflege an der Wayne State University, die seit Jahren in der Palliativpflege tätig ist.

Die Art und Weise, wie über den Tod gesprochen wird, wird vor allem von Familien, Freunden und medizinischem Personal bestimmt, weniger von tatsächlichen Berichten darüber, wie sich das Sterben anfühlt.

James Hallenbeck, ein Experte für Palliativpflege an der Stanford University, vergleicht das Sterben oft mit Schwarzen Löchern. "Wir können die Wirkung von Schwarzen Löchern sehen, aber es ist extrem schwer, wenn nicht gar unmöglich, in sie hineinzuschauen. Sie üben eine extrem hohe Anziehungskraft aus, je mehr man sich ihnen nähert. Passiert man den Ereignishorizont, so beginnen die Gesetze der Physik sich anscheinend zu verändern."

Aber wie fühlt es sich an, zu sterben? Trotz umfangreicher Forschung über den Tod bleibt der eigentliche Akt des Todes, die körperliche Erfahrung zu sterben, die letzten Momente, ein nebulöses Rätsel. Die Medizin fängt grade erst an, über den Horizont hinweg zu schauen.

Bis vor ungefähr 100 Jahren trat fast jeglicher Tod sehr schnell ein. Aber die moderne Medizin hat radikal verändert, wie lang sich das Lebensende ziehen kann. Heute sterben Amerikaner, die Zugang zu medizinischer Versorgung haben, oft langsam.

Sie sterben an schwelenden Krankheiten wie den meisten Krebsarten im Endstadium oder an den Auswirkungen und Komplikationen von Diabetes und Demenz. Sie sterben nicht mehr schnell durch einen Arbeitsunfall oder an der Grippe. Laut des Centers für Disease Control zeigen die neusten Zahlen, dass Amerikaner am ehesten durch Herzkrankheiten, Krebs oder chronische Lungenerkrankungen sterben.

Ein langsamer Tod

Bei einem langsamen Tod findet oft eine sehr rapide, letzte Verschlechterung des Zustands in den letzten Tagen statt - eine Phase, die als "aktives Sterben" bekannt ist. Während dieser Zeit, so schreibt Hallenbeck in Palliative Care Perspectives, seinem Ratgeber zu palliativer Pflege für Ärzte, verlieren die Menschen meist ihre Sinne und ihre Bedürfnisse in einer bestimmten Reihenfolge. "Zuerst verschwindet das Hungergefühl und der Durst. Dann folgen die Sprache und dann die Sehkraft. Zuletzt verliert der Mensch das Gehör und den Tastsinn."

Ob das Sterben körperliche Schmerzen verursacht, bleibt unklar. "Es gibt verschiedene körperliche Zustände, die mit Schmerzen verbunden sind", so Campbell. "Einige Patienten erreichen einfach ein sehr sehr hohes Alter und schlafen dann ganz einfach ein. Ohne jegliche Schmerzen." An einer Krankheit zu leiden, die gemeinhin mit Schmerzen in Verbindung gebracht wird, bedeutet nicht zwangsläufig, dass man einen schwierigen Tod erleidet. Die meisten Menschen, die an Krebs leiden, benötigen Schmerzmittel, um sich besser zu fühlen, bemerkt Campbell. Und die Medikamente funktionieren in der Regel. "Bekommen Patienten ein gutes Arzneiregimen, so sterben sie in Frieden", erklärt sie.

Wenn Menschen zu schwach werden, um zu husten oder zu schlucken, produzieren diese Patienten einen Laut tief im Hals. Dieser Laut kann sehr verstörend sein, als würde der Patient leiden. Aber soweit es die Ärzte beurteilen können, fühlt es sich so für den sterbenden Menschen nicht an. Tatsächlich sind Forscher der Meinung, dass dieses Phänomen - auch bekannt als "Todesröcheln"- wahrscheinlich nicht schmerzhaft ist.

Man kann nur schwer abschätzen, wie sehr ein Patient leidet

Da die meisten Menschen in den letzten Lebenstagen ihr Bewusstsein oder die Wahrnehmungsfähigkeit verlieren, kann man nur schwer mit Sicherheit sagen, ob und wie sehr der Patient leidet.

"Allgemein glauben wir, dass wenn sich das Gehirn in einem komatösen Zustand befindet oder der Patient nicht reagiert, die Wahrnehmung - wie man bestimmte Dinge empfindet - ebenfalls stark eingeschränkt ist", so David Hui, ein Onkologe and Palliativ-Spezialist, der die Anzeichen eines nahenden Todes erforscht. "Vielleicht versteht der Patient, was passiert, vielleicht aber auch nicht."

Ein oder zwei Wochen nachdem wir mit der Hospiz-Schwester gesprochen hatten, sank meine Mutter in einen Zustand, in dem sie kaum bei Bewusstsein war. War sie wach, so waren es nur die absoluten Grundbestandteile ihrer Person: Der Teil von ihr, der ihren Beinen befahl, sich zu bewegen, damit sie ins Badezimmer gehen konnte. Automatisierte Bewegungen des Zähneputzens. Ihr Geist war für ihre Kinder und ihren Mann zum ersten Mal nicht mehr zugänglich.

Ich wollte wissen, was sie dachte. Ich wollte wissen, wo ihr Geist sich befand. Am Bett eines nicht reagierenden, sterbenden Menschen zu sitzen, fühlt sich an, als schaue man durch die dichten Vorhänge eines Hauses, um herauszufinden ob jemand anwesend ist. Schläft dieser Mensch? Träumt er? Erfährt er etwas Übernatürliches? Ist sein Geist noch da?

Bei vielen sterbenden Menschen "verhält sich das Gehirn ähnlich wie der Körper und opfert bestimmte Teile, die für das Überleben nicht zwingend notwendig sind", so David Hoyda, Direktor des Forschungszentrums für Hirnverletzungen der University of California in Los Angeles. Er vergleicht diesen Einbruch mit dem Altern: Die Menschen neigen dazu, ihre Fähigkeiten für komplexes oder umfangreiches Planen zu verlieren, die motorischen Fähigkeiten und ebenso ihre Hemmung - eine sehr wichtige Funktion, wie sich herausstellt.

Schärfung der Sinne

"Wenn sich das Gehirn verändert und zu sterben beginnt, werden verschiedene Teile erregt und einer davon ist das visuelle System", erklärt Hoyda. "Aus diesem Grund sehen die Menschen ein Licht."

Die neuste Forschung deutet Beweise dafür an, dass die Schärfung der Sinne, von der manche Menschen berichten, dem zu entsprechen scheint, was wir über die Reaktion des Gehirns auf den Tod wissen. Jimo Borjigin, eine Neurowissenschaftlerin der University of Michigan, hat dieses Thema zuerst fasziniert, als sie etwas Seltsames bei Gehirnen von Tieren in einem Experiment feststellte:

Kurz bevor das Tier starb, durchfluteten Neurochemikalien plötzlich das Gehirn. Zwar wussten Forscher, dass die Neuronen des Gehirns auch nach dem Tod eines Menschen aktiv sind, aber das hier war etwas Anderes. Die Neuronen gaben in riesigen Mengen neurochemische Stoffe ab.

"Viele Menschen, die einen Herzstillstand überlebt haben, beschreiben, dass sie während dieser bewusstlosen Zeitspanne ganz außergewöhnliche Erfahrungen im Gehirn durchlebten", erklärt sie. "Sie sehen Lichter und sie beschrieben diese Erfahrung als "wirklich". Sie erkannte, dass der plötzliche Ausstoß von neurochemischen Stoffen dieses Gefühl erklären könnte.

Borjigin und ihr Forschungsteam probierten ein Experiment. Sie betäubten acht Ratten und führten einen Herzstillstand herbei. "Plötzlich wurden all die verschiedenen Bereiche des Gehirns synchronisiert", erzählt sie. In verschiedenen Frequenzwellen zeigten die Gehirne der Ratten eine größere Kraft. Das betraf auch die Kohärenz, die elektrische Aktivität verschiedener Bereiche des Gehirns, die zusammen arbeiteten.

"Wenn man besonders konzentriert ist, z.B. nach einem Wort sucht oder versucht, sich an ein Gesicht zu erinnern, wenn man etwas macht, das ein hohes Level an kognitiver Aktivität erfordert, dann zeigen auch diese Funktionen eine stark erhöhte Aktivität", so Borjigin. "Es handelt sich um Parameter, die in der Erforschung des menschlichen Bewusstseins bei wachen Personen eine wichtige Rolle spielen. Also dachten wir uns, dass wenn diese Parameter in einem alarmierten oder aufgerüttelten Zustand eine Rolle spielen, dann sollten sie auch bei einem sterbenden Gehirn ansteigen. Und das war tatsächlich der Fall."

In den letzten Wochen ihres Lebens schien das Gehirn meiner Mutter die meiste Zeit irgendwohin abzudriften. Manchmal hub sie ihre Arme und griff nach unsichtbaren Objekten. Einmal nahm ich ihre Hände und fragte sie, was sie grade tat. "Ich räume auf", war ihre Antwort.

Halb wach, halb weggetreten

Der halb-wache, halb-weggetretene Zustand ist typisch für sterbende Menschen. Tatsächlich führte ein Forscherteam unter der Leitung von Christopher Kerr am Hospiz-Zentrum in Buffalo, New York, eine Studie durch, bei der die Träume von sterbenden Menschen untersucht wurden. Von den befragten Patienten gaben 88 Prozent an, dass sie mindestens einen Traum oder eine Vision hatten.

Und diese Träume fühlten sich in der Regel anders an, als herkömmliche Träume. Sie waren deutlicher, realer. Die Träume der "vor-Tod"-Patienten waren regelmäßig so intensiv, dass sie in einen Wachheitszustand übergingen und die Sterbenden sie als eine wache Realität wahrnahmen", so schrieben die Forscher im Journal of Palliative Medicine.

72 Prozent der Patienten träumten davon, wieder mit bereits verstorbenen Personen vereint zu sein. 59 Prozent träumten davon, sich auf eine große Reise vorzubereiten. 28 Prozent träumten von bedeutenden Erfahrungen aus der Vergangenheit. (Die Patienten wurden jeden Tag befragt, daher berichteten die gleichen Personen oft von Träumen zu mehreren Themen.)

Für die meisten Patienten waren die Träume tröstend und positiv. Die Forscher berichteten, dass die Träume oft dabei halfen, die Angst vor dem Tod zu mindern. "Die vorherrschende Qualität und Art und Weise der Träume kurz vor dem Tod war eine persönliche Bedeutung, die signifikante Emotionen für den Patienten beinhalteten", so erzählten die Forscher.

Patienten scheinen auf einmal tief zu schlafen

In den letzten Lebensstunden eines Patienten, nachdem sie bereits aufgehört hatten zu essen und zu trinken, nachdem sie ihre Sehkraft verloren hatten, "schließen die meisten Patienten die Augen und scheinen zu schlafen", erklärt Hallenbeck, der Palliativpflege-Spezialist aus Stanford. "Von diesem Punkt an können wir nur schlussfolgern, was vor sich geht. Mein Eindruck ist, dass es sich nicht um ein Koma handelt, kein Zustand der Bewusstlosigkeit, wie viele Familien und Kliniken meinen, sondern vielmehr ein Traumzustand."

Der genaue Zeitpunkt, an dem ein Mensch in diesen Traumzustand übertritt, oder wann ein Mensch stirbt, ist schwer zu benennen.

Im Fall meiner Mutter traf das zu. Eines Morgens in der Frühe, nachdem es geschneit hatte, hielt ich mit zwei Freundinnen meiner Mutter in ihrer Bibliothek Wacht. Wir hatten sie in dieses Zimmer verlegt, da hier ein Krankenhausbett untergebracht werden konnte. Sie wirkte friedlich im Dämmerlicht des Morgens, wir standen um das Bett herum und hörten ihrem rasselnden Atem zu.

Sie machte keine plötzlichen, harten Bewegungen, es gab keine Anzeichen dafür, dass sie uns verlassen würde. Sie öffnete nicht die Augen und setzte sich plötzlich im Bett auf. Sie tat einen letzten, etwas lauteren Atemzug und starb.

"Es ist wie ein Sturm, der sich nähert", sagt Hallenbeck. "Die Wellen werden größer. Aber man kann nie sagen, wann genau die Wellen kamen und größer wurden. Sie steigen und steigen und tragen den Menschen ins Meer hinaus."

Dieser Artikel erschien zuerst auf theatlantic.com und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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