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Ich war nicht schwach, weil ich Depressionen hatte - ich war schwach, weil ich Hilfe ablehnte

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SAD WOMAN
Eri Morita via Getty Images
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Depressionen haben mich nicht schwach gemacht. Was mich wirklich schwach machte, war, mir einzureden, keine Medikamente zu benötigen.

Ein plötzlicher Tränenausbruch kam oft, wenn ich alleine war, im Auto. Nach der Arbeit, nach der Schule oder kurz nach einem Brunch mit Freunden. Die Traurigkeit schwoll in meiner Brust an wie ein Ballon, und ich fuhr schnell los, bevor mich jemand sehen konnte. Einfach so - ohne Grund, als hätte jemand einen Schalter in meinem Kopf umgelegt, der mich direkt in eine Scham-Spirale schickte.

Die Stigmatisierung jener Menschen, die Antidepressiva und Medikamente gegen Angstzustände nehmen, hat mich jahrelang eine richtige Behandlung verweigern lassen.

Die Depression ließ mich einfach nicht los

Das erste Mal ging ich mit Anfang 20 zu einem Therapeuten, aber der innere Orkan hielt an, trotz aller Fortschritte.

Selbstmordgedanken begleiteten mich jeden Morgen. Die Depression war eine gute Bekannte. Ich hatte meinen Mann, meinen Hund und meinen Selbsthass. Ich hatte mich daran gewöhnt und trotzdem konnte die Depression mich jedes Mal, wenn sie wieder zuschlug, zerbrechen wie die Schale eines rohen Eis.

Als ich fast 30 war, schlug meine Therapeutin das erste Mal nachdrücklich Antidepressiva vor.

Heute nimmt einer von zehn Amerikanern Antidepressiva, das ist ein Anstieg von 400 Prozent seit 1998. Das sind verdammt viele Menschen, die jeden Tag Pillen schlucken. Und trotzdem ist das Thema immer noch ein Tabu. Neben Politik, Sex und Geld sind psychische Erkrankungen nur ein weiteres Thema, über das Amerikaner generell nicht sprechen.

Ich fühlte mich schwach bei dem Gedanken an Medikamente

Als meine Therapeutin das erste Mal das Thema Medikamente ansprach, lachte ich nur laut. Antidepressiva sind etwas für einsame Menschen, gebotoxte Hausfrauen und Menschen, die etwas von einer Alien-Invasion faseln - nichts für voll erwerbstätige Journalisten. Die Vorstellung, dass Medikamente etwas für „Verrückte" seien, war und ist in den Medien und der Gesellschaft fest verankert.

Ich musste mich schon oft mit Menschen auseinandersetzen, die es nicht verstehen aber gut meinen.

Sie wollen mich ermutigen, nur noch mehr an mir zu arbeiten und den Verlockungen der Pharmaindustrie zu widerstehen, die nur den geheimen Plan verfolgt, die gesamte Nation von bunten Pillen abhängig zu machen und so langsam die Weltherrschaft zu erlangen. Ich fühlte mich bei dem Gedanken an Medikamente schwach.

Ich schaffte es, meine Krankheit vor den anderen zu verstecken

Tatsächlich war es so, dass ich meine Depressionen und meine Panikattacken leicht verstecken konnte. Ich lächelte mich durch Dinner-Partys und machte sogar Witze - nur kurz nachdem ein Tornado von dunklen Gedanken in mir gewütet hatte. Ich wurde ein Experte darin, meinen Schmerz zu verbergen - ich war der Meinung, dass ich einfach über den Dingen stand.

Von den Menschen, die an Depressionen oder unter Angstzuständen leiden, wissen wir, dass 51 Prozent diese psychischen Probleme vor anderen verborgen haben. Es ist traurig, aber ich war stolz, dass ich meine Probleme so gut verstecken konnte.

Ich wusste, dass ich depressiv war, aber ich gehörte nicht zu diesen depressiven Menschen - nämlich jenen Menschen, die sich in ihrem Selbstmitleid vor der Welt in einem Elfenbeinturm einschließen.

Aber wir, die wir mit Depressionen und Angstzuständen leben, wir wissen, dass es viele verschiedene Formen der Krankheit gibt. Nicht jeder verkriecht sich schluchzend unter einem Berg von Decken (aber auch das gibt es). Werbung für Antidepressiva zeigt oft bedrückte Frauen, die unfähig sind, auch nur einen Schritt zu tun. Die Wahrheit aber ist, dass viele von uns in ihrem täglichen Leben sehr tatkräftig und aktiv sind.

Schließlich wurde ich von meiner Depression überrollt

Auf einem Ausflug mit Freunden in die Wüste von Arizona vor ein paar Jahren wurde ich von dem Schmerz einer heftigen depressiven Phase förmlich überrollt. Statt darüber zu sprechen zog ich mir nachts den Schlafsack über den Kopf und weinte mich in den Schlaf.

Tagsüber machte mich die Taubheit völlig gefühllos, aber trotzdem konnte ich mit meinen Freunden lachen, Jet Ski fahren und hatte Augen für die Schönheit der roten Sandstein-Cliffs. Ich verhielt mich normal, aber innerlich war ich völlig ausgehöhlt.

Nachdem meine Therapeutin mich auf ihren Vorschlag hin, es einmal mit Medikamenten zu probieren, lachen sah, benutzte sie eine Metapher, die mir manchmal heute noch hilft. Sie sagte: „Manchmal ist es ganz egal, wie fest du deinen Regenschirm umklammerst, der Sturm ist zu stark und trägt dich weg."

Sie sagte, dass man bei einem gebrochenen Bein doch auch auf Medikamente zurückgreift. Nicht anders sei es bei einem gebrochenen Geist. So einfach ist das.

Ich fand nach einem Jahr ein Medikament, das mir half

In dem Moment traf es mich. Vielleicht sind meine Depressionen gar kein Zeichen von Schwäche oder ein Anzeichen dafür, dass ich mich einfach nicht genug bemühe. Meine Angstzustände waren etwas Physisches, ja, etwas Chemisches.

Wie viele Menschen wissen, kann der Weg der Medikation extrem steinig sein. Meine Erfahrungen sind gespickt mit Tabletten, die nicht wirkten, die mich schläfrig machten oder meinen Körper wie Batteriesäure durchströmten. Über ein Jahr hat es gedauert, bis ich ein Medikament fand, dass meine wirren Gedanken beruhigte und mich in Einklang mit mir selbst brachte.

Als ich mich an die Medikamente und ihre Wirkung gewöhnt hatte, fragte ich mich, ob sich so wohl normale Menschen fühlen. Wachen diese Menschen morgens auf und sehen die Möglichkeiten, die der Tag bereithält und nicht die Hürden eines jeden Moments? Ich betrachtete meine Familie und Freunde misstrauisch und erkannte, dass ihre Freude nicht vorgetäuscht war wie meine, sie genossen ihr Leben tatsächlich.

Bald schon erkannte ich, wie lange ich schon unnötig gelitten hatte. Statt die Behandlung zu machen, die mich schließlich befreite, hatte ich zugelassen, dass die falschen Vorstellungen und Vorurteile anderer mich behinderten. Ich bereue nur, dass ich nicht schon früher auf Medikamente zurückgegriffen habe.

Ich habe jetzt viel über meine Depression gelernt

Wenn ich nur daran denke, dass ich Jahre verschwendet habe und verzweifelt war, wo doch diese Behandlung auch nur eine Art der ärztlichen Therapie ist. Es ist schwer, nicht an all die Dinge zu denken, die ich hätte tun können, wäre mein Geist nur im richtigen chemischen Gleichgewicht gewesen.

Jetzt endlich, mit meinen Füßen fest auf der Erde, versuche ich, nicht zu hart mit mir selbst ins Gericht zu gehen, wenn ich an die Momente denke, in denen ich anzweifelte, wie schwer meine Depression tatsächlich war. Mein Sturm war chaotisch und schmerzhaft, eine Therapie zu machen, fühlte sich an wie einen Zug den Berg hochzuschieben.

An manchen Tagen überrollt mich die Depression noch immer, aber jetzt habe ich mehr Hoffnung, als ich es je für möglich gehalten hätte. Ich habe gelernt, dass eine Depression eine Krankheit wie jede andere ist.

Und als jemand, der den Weg aus dem Meer der Verzweiflung ans sichere Ufer geschafft hat, sehe ich es als meine Pflicht an, meine Erfahrungen mit anderen zu teilen.

Natürlich sind Medikamente keine schnelle Hilfe. Jede Woche sitze ich wieder in der Praxis meiner Therapeutin und gemeinsam überlegen wir, mit welchen Werkzeugen wir die Depressionen und Angstzustände bekämpfen können. Aber statt aufzugeben, mich gehen zu lassen und jede Faser meines Selbst zu hassen, habe ich jetzt die Kraft, mich um mich selbst zu kümmern.

Und all die Zeit, die ich sonst im Bett verbracht hätte, kann ich jetzt dazu nutzen, mehr zu schreiben oder auf andere Weise produktiv zu sein und zum Beispiel meinem Hund einen Blumenkranz zu flechten.

Ich hatte mein Leben auch ohne Medikamente im Griff, aber mit Medikamenten läuft alles so viel besser.

Dieser Blog erschien zuerst auf Sheknows.com und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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(lm)