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Die Leiden einer Mutter, die Freuden einer Mama

18/08/2015 10:58 CEST | Aktualisiert 18/08/2016 11:12 CEST
Zoonar RF via Getty Images

Wenn jemand mich darum bitten würde, mich selbst zu beschreiben, wäre das erste, das mir in den Sinn käme: „Ich bin Mutter von zwei Jungs." Ich würde nicht sagen, dass ich Ehefrau bin.

Auch nicht, dass ich Freundin oder Tochter bin. Ebenso wenig würde ich zuallererst meine Hobbies oder Interessen beschreiben. Nein, ich würde mich zuallererst einmal als „Mama" bezeichnen.

Die leidende „Diktatorin"

So nennen mich jedenfalls meine Jungs im Moment. Na gut, manchmal auch „Diktatorin" − ein Wort, an dem mein Fünfjähriger gerade Gefallen gefunden hat. Was mich geradewegs zu meinen Qualen führt. Zur äußersten Schmerzgrenze, die, wie ich an manchen Tagen glaube, das perfekte Mittel ist, um das Muttersein zu beschreiben.

Das Leiden hat nicht bei der Geburt angefangen. In diesem Moment entflieht man sich selbst. Man tritt in eine Sphäre ein, die man nicht beschreiben kann... und die auch nie beschrieben werden sollte.

Nur eine Mutter kann wissen, wie es sich anfühlt. Es ist eine Mission. Eine persönliche Reise, bei der für Angst kein Platz ist - da ist nur dieses rätselhafte Verlangen, neues Leben in die Welt zu bringen, die man zeitweise hinter sich gelassen hat.

Nein, das Leiden begann in dem Moment, in dem ich die feuchte Haut meines neugeborenen Kindes berührte.

Winzige Zehen

Man ist so voller Emotionen, wie man es zuvor noch nie war. Man sagt, dass man Liebe nicht definieren kann, doch in diesem Moment ist sie schier greifbar. Man kann sie anfassen. Man kann ihre Umrisse ganz deutlich sehen, in jedem Gesichtsausdruck, bei jedem Einrollen dieser winzigen Zehen.

Körperlich fühlt man sich leer. Erschöpft von all den Stunden, die man damit verbracht hat, zu ertragen, was an diesem intimen Ort in Körper und Geist passiert. Das Gewicht im Bauch, an das man sich gewöhnt hat, ist plötzlich weg.

Und vielleicht trauert man kurz, weil man nun in der Nacht nicht mehr auf der Seite liegen und durch Bewegungen und Druck mit dem Baby kommunizieren wird, mit einer Hand unter dem Kopfkissen und der anderen auf dem Bauch.

Druck als Fluch und der Segen

Wo wir gerade von Druck sprechen - diese Nacht, in der man wieder allein ist, spürt man ihn ganz stark. Der enorme Druck dessen, was man getan hat. Der Fluch und der Segen des Geschenks, das man gerade erhalten hat.

Das Herz wird einem so schwer vom Gewicht des Satzes „Wenn diesem Kind irgendwas passiert, werde ich in tausend Stücke zerspringen", dass man, obwohl man eigentlich schlafen sollte, realisiert, dass man nie mehr so wie früher schlafen wird. Niemals mehr.

Wundenheilerin

Für alle Zeit, solange du lebst, wird dir nun jemand anders mehr bedeuten als du selbst. Du bist jetzt Lebensretterin, Wundenheilerin, und die einzige Person, bei der sich dieses kleine Persönchen vollkommen geborgen fühlt.

Denn immerhin schlüpfte es aus dem sichersten Ort hervor, den es jemals kennen wird, und eine Sekunde lang wirst du dir wünschen, du hättest es vielleicht noch ein bisschen länger in der Festung deines Körpers behütet.

„Mami-Ich"

Mit einem Schlag nimmt dir dieses Kind dein altes Leben weg. Er nimmt dir die Fähigkeit, egoistisch zu sein, einfach so. Du fühlst dich, als wäre dein altes Ich plötzlich von einem „Mami-Ich" ersetzt worden.

Das Bedürfnis, auszugehen und einen drauf zu machen, nimmt ab. Manchmal ist es dir lieber, einen mysteriösen Hautausschlag zu begutachten als einen Cocktail zu trinken. Das Aussehen deines Haares und deiner Kleidung nimmt an manchen Tagen nicht den geringsten Platz in deinen Gedanken ein.

Dein Zuhause sieht jetzt anders aus. Da hängen Schaukeln; Lätzchen und Spielzeug liegen herum. Hier steht eine Wiege, dort ein Windeleimer; wahrscheinlich sind überall Haufen von Klamotten und die Teller stapeln sich im Spülbecken.

Es ist gut möglich, dass du dich laut bei deinem neuen, aufgedunsenen Körper entschuldigst, wenn du auf einmal merkst, wie schnell du dich verändert hast.

Schlafentzug

Und wie schnell sie sich verändern. In den ersten Monaten leidest du dermaßen unter Schlafentzug, dass du wahrscheinlich erschrecken wirst, wenn du plötzlich merkst, wie sehr sich ihr Aussehen bereits verändert hat.

Wenn sie wachsen, empfindest du eine Freude, die du zuvor gar nicht gekannt hast, und das Gefühl, dass du einfach nicht mithalten kannst, egal, wie schnell du bist. Jeder einzelne Fortschritt löst in dir Ehr-furcht und Ungläubigkeit aus.

Ihr Lachen ist Musik in deinen Ohren − und doch, obwohl du so glücklich bist, könntest du sofort in Tränen ausbrechen, wenn du daran denkst, wie sehr du sie lieb hast. Eine Mutter trägt diese Last stillschweigend. Tief in dir drin kämpfst du die ganze Zeit gegen das Verlangen an, sie nicht gehen zu lassen.

Doch sie wachsen, und sie gehen. Die Begeisterung, die sie allen Dingen auf dieser Welt entgegenbringen, lässt dich an eine Zeit zurückdenken, als du die Dinge genauso gesehen hast.

Während du dich mit den Gedanken quälst, ob du sie auch richtig erziehst, ihnen die Dinge gut beibringst, ihnen die Aufmerksamkeit gibst, die sie verdienen und sie gut beschützt, erden sie dich wieder, indem sie dich daran erinnern, wie man Spaß hat.

Alles OK

Doch Spaß führt manchmal auch zu Wehwehchen und Tränen, und dann bist du da, um sie in deinen Armen zu halten und ihnen zu sagen, dass alles OK ist - obwohl du dich innen drin gar nicht so fühlst.

Jede Beule, jede Verletzung, die sie erleiden, jede Krankheit, jede traurige Phase, die sie durchmachen, machst du auch durch. Jedes Mal, wenn sie von der Außenwelt verspottet oder verurteilt werden, weil sie vielleicht irgendwie „anders" sind.

Jedes Mal, wenn sie versagen, sich blamieren oder Liebeskummer haben. Jedes Mal, wenn du brüllst oder wütend bist, weil sie immer einen Weg finden, um ihren Willen durchzusetzen, tut es dir selbst weh, und du willst dich für deine Fehler bestrafen.

"Ich bin Mutter"

Wenn jemand mich darum bittet, mich selbst zu beschreiben, sage ich zuerst: "Ich bin Mutter von zwei Jungs" - und damit mache ich keinen Fehler. Ich stelle mich nicht aus Reue oder Verlegenheit an die zweite Stelle.

Ich antworte so, weil es meine beste Eigenschaft ist - nicht, weil es mich definiert. Auch viele andere Dinge definieren mich. Es ist meine beste Eigenschaft, weil das, was ich als Mutter die ganze Zeit bewältige, mir das Gefühl gibt, stark zu sein.

Jedes Mal, wenn ich loslasse, jedes Mal, wenn ich ihnen erlaube, ihre Persönlichkeit auszuleben und mit mir selbst nachsichtiger bin, fühle ich mich unglaublich gut. Es braucht die Stärke einer Kriegerin, um jemanden so sehr lieben zu können, ohne dabei den Verstand zu verlieren.

Unstillbares Verlangen

Wenn du Mutter bist, bald eine wirst, oder wenn du eine Frau mit dem unstillbaren Verlangen bist, Mutter zu werden, dann bereite dich auf ein Leben voll Schmerz und Qualen vor. Bereite dich darauf vor, dass du Enttäuschung, Reue und manchmal auch Hilflosigkeit verspüren wirst.

Bereite dich darauf vor, dass du gezwungen sein wirst, in dich zu gehen und dich ständig zu verändern. Bereite dich darauf vor, dass du stark wie ein Fels sein musst und so sehr lieben wirst, dass es wehtut.

Bereite dich auf die schmerzhafte Erkenntnis vor, wie vollkommen du dich dadurch fühlst. Dieses kleine Menschlein, das du ahnungslos gezeugt hast, zwingt dich dazu, dein Bestes zu geben.

Unsere größten Siege

Mit der Zeit wird er oder sie dein Leben retten, deine Wunden heilen und der Grund dafür sein, warum du dich behütet fühlen kannst. Unsere größten Siege erreichen wir mit Hilfe derer, für die wir am härtesten gearbeitet haben. Und deswegen werde ich zuallererst immer Mutter sein.

Weil es der Welt zeigt, dass ich eine Kriegerin bin.

Dieser Beitrag stammt ursprünglich aus der Huffington Post US und wurde von Carina Obster übersetzt


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