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Elbsirenen: Morinos erster Fall

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WĂ€hrenddessen saßen Bea und Lena in einer Tapas-Bar und genossen die verheißungsvollen DĂŒfte aus der KĂŒche. Das Lokal war warm, voll und lebendig, und die beiden jungen Frauen hat- ten rasch festgestellt, dass sie sich sofort wieder gut verstanden.

„Schön, dass du so schnell Zeit hattest", sagte Bea, als der Kellner die bestellte Rotweinkaraffe brachte und ihnen ein- schenkte.

Lena rollte mit den Augen. „Ehrlich gesagt kam dein Anruf wie eine Antwort auf ein Gebet. Ich hĂ€tte sonst keine Ausrede fĂŒr Michael gehabt, und ich hatte absolut keine Lust, ihn zu sehen." „FĂŒr mich sah es aus, als wĂ€rt ihr vielleicht ein bisschen mehr als Manager und SĂ€ngerin...?"

Lena seufzte. „Jein. Ist schwierig zu erklĂ€ren. Er ist schon eine unglaublich wichtige Bezugsperson fĂŒr mich, baut meine Karriere auf und kĂŒmmert sich um mich. Aber eigentlich bin ich in alles andere mit ihm mehr so reingerutscht. Er ist der Mensch, den ich am hĂ€ufigsten sehe, und er reißt sich ein Bein dafĂŒr aus, dass ich Erfolg habe. Dass er sich in mich verliebt hatte, war nicht zu ĂŒbersehen - naja, und irgendwann wurde dann mehr draus. Aber es ist kompliziert. Ich glaube, da ist von seiner Seite aus mehr als von meiner, schon immer, und das kann auf die Dauer nur schlecht sein."

„Oha. Das kannst du ihm aber wahrscheinlich nicht gut sagen bei eurer geschĂ€ftlichen Beziehung, oder?"

„Nein, das macht es eben so schwierig. Er ist auch in letzter Zeit ziemlich unausgeglichen, weil ich immer öfter allein zu Hause sein will, statt bei ihm zu ĂŒbernachten. Eigentlich habe ich das schon ein paar Wochen lang nicht mehr gemacht. Aber ausgesprochen ist da nichts - ich weiß ja gar nicht, wie ich das machen sollte. Und er fragt nicht, weil er die Antwort nicht hören will."

Bea nippte an ihrem Wein. „Das klingt extrem kompliziert. Aber sonst? Ich meine - du lebst schon irgendwie deinen Traum, oder? Leandra, die SchlagersĂ€ngerin. Hammer!"

Lena ließ ein LĂ€cheln aufblitzen. „Ja, das ist schon ziemlich unglaublich. Und es gibt auch nichts Schöneres fĂŒr mich, als auf der BĂŒhne zu stehen und die Leute toben und tanzen zu sehen. Das macht vieles wett, worauf man dafĂŒr verzichten muss."

Den letzten Satz setzte sie leise hinzu. Ehe Bea nachhaken konnte, brachte der Kellner ihnen KabeljaubĂ€llchen, KartoffelwĂŒrfel in scharfer Soße, Oliven, Chorizo, gebratene Garnelen, Datteln im Speckmantel, frittierte Babytintenfische und Weißbrot.

Als sie sich ausgiebig bedient hatten, fragte Lena: „Und du? Geht da was mit deinem heißen Kollegen?"

Bea lachte. „Das wird ihn aber freuen, dass du ihn heiß findest. Nein, Francesco und ich arbeiten nur zusammen. Ich hab seit viereinhalb Jahren einen Freund, Yannick."

Lena betrachtete sie aufmerksam. „Hey, du wirst rot. LĂ€uft also gut, ja?"

Bea dachte an die Nachricht, mit der sie Yannick geschrieben hatte, dass sie heute Abend ausgehen wĂŒrde. Zwei kleine blaue Haken zeigten, dass er sie gesehen hatte, doch eine Antwort hatte sie nicht bekommen. Er mochte es nicht besonders, wenn sie mit anderen Leuten ausging. Allerdings gingen sie auch nur selten gemeinsam weg, da sie unterschiedliche Lokale bevorzugten: WĂ€hrend es fĂŒr Bea gern gemĂŒtlich, urig oder sogar etwas schĂ€big-charmant sein durfte, mochte Yannick es gehoben, edel, modern und teuer. Sie seufzte. „LĂ€uft es jemals einfach nur gut?", gab sie zurĂŒck.

Lenas sĂŒĂŸes Gesicht verschloss sich ein wenig. „Manchmal denke ich, dass ich eigentlich tatsĂ€chlich mal eine ziemlich gut laufende Beziehung hatte - bevor ich als SĂ€ngerin erfolgreicher geworden bin."

„Was ist passiert?"

„Unterschiedliche LebensentwĂŒrfe. Er wollte kein Rampen- licht, lieber ein ruhiges Leben und eine Familie. Ich wollte mir die Chance aber nicht entgehen lassen und war noch nicht bereit fĂŒr Familie. Und so haben wir uns getrennt. Manchmal bedaure ich das."

„Verdammt. Aber ist es denn sonst so, wie du es dir ertrĂ€umt hast?" „Teils, teils. Das Singen selbst und die Reaktionen der Fans - das ist noch viel besser. Viele andere KĂŒnstler in der Branche sind auch wirklich nett und total bewundernswert. Was manche von denen fĂŒr eine Disziplin an den Tag legen, kannst du dir nicht vorstellen! So viele Shows oder Touren und komplizierte Choreografien! Es geht ja schon lange nicht mehr nur ums Singen.

Da muss man wirklich auf sich achten, sich fit halten und viel trainieren. Und dann der ganze Social Media-Kram, das ist nochmal ein Kapitel fĂŒr sich. Aber man kann es schaffen und groß rauskommen. Ich nehme mir an einigen wirklich tollen Kollegen ein Beispiel, nicht nur fĂŒr die Disziplin, sondern auch fĂŒrs Benehmen. Harry war wirklich ein Arschloch.

Das gibt es immer mal wieder, aber die meisten in der Branche sind zum GlĂŒck anders. Wenn die erst einmal entschieden haben, dass sie dich als Newcomer unterstĂŒtzen, dann tun sie das auch, nehmen dich zum Beispiel ins Vorprogramm oder so. Und das gibt dir unglaublichen Auftrieb. Ideal ist es, wenn du mit jemandem von den Großen in einer Show ein Duett singen kannst. Aber es hilft auch schon enorm, wenn dich jemand lobend erwĂ€hnt. Ich hoffe, dass ich mich daran erinnere, falls ich selbst spĂ€ter mal zu den Großen gehören sollte."

„Das schaffst du bestimmt", kommentierte Bea. Sie hatte sich nach der Arbeit noch rasch ein paar Songs von Leandra angehört und war angetan gewesen. „Du bringst ja das Gesamtpaket mit. Du hast nicht nur eine tolle, ausgebildete Stimme, sondern bist nebenher auch noch der absolute Hingucker. Die perfekte Mischung."

Lena dankte ihr mit einem LĂ€cheln. „Ich denke tatsĂ€chlich, dass das viel hilft. Meist bekommt man ja gar nicht mit, dass man wegen seines Aussehens einen leichteren Stand hat. Das merkt man dann erst, wenn irgendwelchen Leuten das total egal ist. Wie bei Harry. Der konnte mich nicht ausstehen und hat mich richtig gemein behandelt.

Aber das hat er bei allen gemacht, die im Schlager Fuß fassen wollten. Ich weiß noch, dass ich völlig fassungslos war, als er mich das erste Mal aus heiterem Himmel beleidigt hat. Da hat Zoe Schreiber mich total lieb getröstet und mir erzĂ€hlt, dass er bei ihr genau dasselbe gemacht hat."

Bea erinnerte sich: Zoe Schreiber hatte zwei Jahre zuvor mit ihrem DebĂŒtalbum fĂŒr Furore gesorgt.

„Sie hat mir gesagt, dass ich einfach nicht auf ihn achten darf", fuhr Lena fort. „Sie hat mir erzĂ€hlt, dass sie den Fehler gemacht hat, ihn zu konfrontieren. Sie hatte gedacht, dass er ja schließlich ein Erwachsener ist und sie sicher vernĂŒnftig miteinander reden können, wenn sie keine Angst zeigt. Dar- aufhin hat er ihr nicht nur erzĂ€hlt, dass sie absolut kein Talent hat und allerhöchstens fĂŒrs Bett taugt, sondern ihr auch gleich angeboten, ihr die Flausen aus dem Kopf zu vögeln.

Sie ist entsetzt abgehauen, aber seitdem hatte er sie auf dem Kieker. Bei vielen Leuten in der Branche hat er Andeutungen darĂŒber fallen gelassen, dass sie sich an ihn rangemacht und ihm Sex angeboten hĂ€tte, wenn er ihre Karriere fördern wĂŒrde. Alles aber so vorsichtig und immer um zwei Ecken, dass man ihm nichts anhaben konnte. Er war echt ein Schwein."

„Allerdings! Was fĂŒr ein Arschloch!"

Zoe Schreiber wĂŒrden sie wohl also auch einen Besuch abstatten mĂŒssen. „Ist Zoe eigentlich ein KĂŒnstlername?"

„Nein, sie heißt tatsĂ€chlich so. Das ist auch exotisch genug, nicht so wie Lena Raatjens. Ich glaube, ich kann mit Leandra fĂŒr die BĂŒhne ganz gut leben. Da werd ich jedenfalls nicht verwechselt."

„Ganz sicher nicht. Sag mal, was mir da aufgefallen ist heute im BĂŒro bei deinem Michael - kann das sein, dass er dich mit Leandra anredet?"Schlagartig erlosch Lenas LĂ€cheln. „Ja, das macht er. Ich hab ihm schon oft gesagt, dass ich das nicht mag. FrĂŒher hat er sich dran gehalten, aber inzwischen nennt er mich fast immer so. Ich glaube, dass Leandra fĂŒr ihn jemand anders ist als Lena - jemand, den er selbst mit geformt hat, der zu ihm gehört."

Bea hatte mit der Gabel auf dem halben Weg zum Mund innegehalten. Jetzt sagte sie ernst: „Du, das klingt aber ziemlich alarmierend."

Lena zuckte hilflos die Achseln. „Ich weiß. Aber ich hab keine Ahnung, was ich machen soll." Sie fĂŒllte die GlĂ€ser von Neuem. „Komm, Themenwechsel. Wenn bei dir und deinem heißen Kollegen nichts geht, ist er dann anderweitig liiert?"

Bea lachte. „Ich glaube nicht, aber eigentlich unterhalten wir uns ĂŒber so was nur selten. Ich meine mal mitgekriegt zu haben, dass er eher zu... kurzen Bekanntschaften neigt."

„Oh, eine kurze Bekanntschaft mit ihm stelle ich mir ziemlich spannend vor. Wie heißt er noch gleich?"

„Francesco Morino."

„Was fĂŒr ein Name!" Lena seufzte theatralisch. „Eigentlich mĂŒsste man den singen. Francesco Moriiiiii-nooo... Er klingt nach Cocktails im Sommer am Strand."

Bea kicherte, und dann malten sie sich noch eine Weile aus, was alles im klangvollen Namen ihres Kollegen mitschwang. Einmal wurden sie unterbrochen, als eine Frau mittleren Alters an ihren Tisch trat und mit hochrotem Kopf fragte: „Entschuldi- gen Sie, sind Sie nicht Leandra?" Auf Lenas Nicken hin erklĂ€rte sie, ein großer Fan zu sein, und winkte ihren Gatten heran, der im Hintergrund gewartet hatte.

„Besonders schön find ich ja 'Bis zum Mond', das ist das Lieblingslied von mir und meinem Mann." Als die Frau aufgeregt ihre Handtasche nach einem StĂŒck Papier durchsuchte, bat Lena einen der Kellner um einen Zettel und einen Stift. Sie lĂ€chelte zu der Frau auf. „Wie heißen Sie denn?" „Monika, und mein Mann ist der Ulli."

Mit schwungvollen Buchstaben schrieb Lena eine Widmung fĂŒr die beiden, setzte ihren BĂŒhnennamen darunter und verzierte den Zettel mit einem Herzchen. Unter Dankesbezeugungen und mit der Versicherung, diesen Abend niemals zu vergessen, ließen die beiden Fans schließlich Lena und Bea wieder allein. Lena strahlte ihnen nach. „Siehst du, solche Momente sind einfach unbezahlbar. Sie zeigen mir, dass ich die Menschen wirklich berĂŒhre, ist das nicht schön?"

Bea stimmte ihr zu. Sie war sich ziemlich sicher, dass es sie selbst stören wĂŒrde, wenn die Leute sie erkannten, aber Lena schien die Situation wirklich genossen zu haben.

Als sie schließlich den Wein ausgetrunken und alle Lecke- reien bis auf den letzten KrĂŒmel vertilgt hatten, machten sie sich fröhlich und leicht beschwipst auf den Heimweg.

Hier die Autorin Jelka Dieckens ĂŒber Freundschaften

Dieser Beitrag ist ein Ausschnitt aus Elbsirenen: Morinos erster Fall
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