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Elbsirenen: Morinos erster Fall

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Eyecandy Images via Getty Images
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Francesco hatte den Gro├čteil des Fr├╝hst├╝cks wieder zur├╝ckgehen lassen. Nach einigen zerstreuten Bissen war er in seine Wohnung zur├╝ckgekehrt, hatte ordentliche schwarze Kleidung angelegt und sich auf den Weg zum Ohlsdorfer Friedhof gemacht. Er kannte sich ein bisschen aus, da er hier ab und zu spazieren gegangen war: Der gr├Â├čte Parkfriedhof der Welt war eine angenehme Umgebung, kein bisschen morbide.

Im Sommer war es besonders h├╝bsch hier, wenn alle B├Ąume und B├╝sche in den unterschiedlichsten Gr├╝nt├Ânen leuchteten. Aber auch jetzt, im Februar, boten zumindest die immergr├╝nen Nadelb├Ąume und B├╝sche den Augen ein bisschen Erholung vom sonstigen winterlich tristen Grau. Einige tapfere Schneegl├Âckchen und strahlend gelbe Winterlinge hatten bereits ihre Bl├╝ten ge├Âffnet und verhie├čen das bevorstehende Ende der kalten Jahreszeit.

Harrys Beerdigung

Francesco fuhr von der Haltestelle Reeperbahn mit der S1 nach Hoheneichen und betrat den Friedhof von Norden her. Er schlenderte in s├╝dlicher Richtung ├╝ber die Sorbus- und die Eichenallee auf die Kapelle mit der Nummer 13 zu, die in der Zeitung als Ort der Trauerfeier genannt worden war. Schon von Weitem bemerkte er das rege Gedr├Ąnge: Ganz offensichtlich herrschte gro├čes Interesse an Harrys Beerdigung. Zwar war die Kapelle mit 151 Pl├Ątzen eine der beiden gr├Â├čten des Friedhofs, aber trotzdem w├╝rden wohl kaum alle G├Ąste einen Sitzplatz finden.

Francesco stellte sich in die Reihe derer, die durch den Eingang str├Âmten, und suchte sich einen Platz seitlich an der Wand, von wo aus er einen guten ├ťberblick in alle Richtungen hatte. Er bemerkte ein paar bekannte Gesichter: Offenbar erwiesen einige S├Ąngerkollegen dem Verblichenen die letzte Ehre. Diese Tatsache hatte auch eine bemerkenswerte Anzahl an Journalisten angelockt, die die ber├╝hmten Gesichter aufnahmen und sich Notizen machten.

Viele junge und nicht mehr ganz so junge Leute standen in Gr├╝ppchen und unterhielten sich leise. Manche tr├Âsteten sich gegenseitig. Francesco bemerkte Daniel Gehling mit seiner Gattin, au├čerdem Michael Bertram, dessen Gesicht von tiefen Augenringen gezeichnet war. Kurz vor Beginn schl├╝pfte auch Svenja Nordhoff noch durch die T├╝r und stellte sich hinten an die r├╝ckw├Ąrtige Wand.

Schlie├člich waren alle Pl├Ątze bis auf diejenigen f├╝r die Verwandten besetzt, und p├╝nktlich zum Beginn der Trauerfeier kamen Sylvia Menke, ihre Schwester Natalie Feibig sowie Anke Hensel mit ihrem Mann und ihrer in sich gekehrten Mutter in Begleitung des Pastors den Mittelgang entlang. Bis auf Natalie Feibig wirkten alle recht gefasst, die junge Frau allerdings sah elend und verweint aus.

Francesco h├Ârte mit einem halben Ohr zu, was der Geistliche ├╝ber den Verstorbenen zu sagen hatte. Offenbar ging es vor allem um die Freude, die Harry anderen Menschen mit seiner Kunst bereitet hatte. Wahrscheinlich hatte die Familie sich darauf geeinigt, dass dieser Schwerpunkt f├╝r die Rede der unverf├Ąnglichste sei.

Kollegen und Fans

Francesco lie├č die Blicke schweifen. Unter denjenigen G├Ąsten, die sich unschwer als Fans erkennen lie├čen, herrschte offensichtliche Betroffenheit. Manche Kollegen und fast alle Verwandten hingegen zeigten steinerne Mienen und wirkten nicht so, als h├Ątten sie einen herben Verlust erlitten. Als wollte sie diese Gef├╝hlsk├Ąlte wieder wettmachen, weinte Natalie Feibig wahre Sturzb├Ąche.

Sie schluchzte die ganze Trauerfeier ├╝ber an der Schulter ihrer Schwester, der gegen├╝ber Francesco ein etwas schlechtes Gewissen hatte. Nicht nur hatte er sie abblitzen lassen, er hatte auch noch ihren Gatten inhaftiert und so daf├╝r gesorgt, dass sie den heutigen schwierigen Gang allein antreten musste.

Zu einer der Frauen unter den Trauerg├Ąsten kehrte Francescos Blick immer wieder zur├╝ck. Er konnte sie nicht einordnen und f├╝hlte sich von ihr irritiert. Sie war allein gekommen und sa├č in einer Reihe kurz hinter der Mitte. Ihre Kleidung war elegant, doch die Sonnenbrille, die sie auch in der Kapelle trug, wirkte deplatziert.

Francesco musterte sie und fragte sich, ob sie die Brille trug, um nicht erkannt zu werden. Er selbst hatte schon ├Âfter die Erfahrung gemacht, dass Sonnenbrillen, statt den Tr├Ąger vor neugierigen Blicken zu sch├╝tzen, die Aufmerksamkeit anziehen. Vielleicht wusste sie das nicht.

Dieser Beitrag ist ein Ausschnitt aus Elbsirenen: Morinos erster Fall
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Hier die Autorin Jelka Dieckens ├╝ber und Lokalkolorit

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