BLOG

Elbsirenen: Morinos erster Fall

14/06/2016 00:31 CEST | Aktualisiert 14/06/2017 11:12 CEST
Eyecandy Images via Getty Images

Francesco hatte den Großteil des Frühstücks wieder zurückgehen lassen. Nach einigen zerstreuten Bissen war er in seine Wohnung zurückgekehrt, hatte ordentliche schwarze Kleidung angelegt und sich auf den Weg zum Ohlsdorfer Friedhof gemacht. Er kannte sich ein bisschen aus, da er hier ab und zu spazieren gegangen war: Der größte Parkfriedhof der Welt war eine angenehme Umgebung, kein bisschen morbide.

Im Sommer war es besonders hübsch hier, wenn alle Bäume und Büsche in den unterschiedlichsten Grüntönen leuchteten. Aber auch jetzt, im Februar, boten zumindest die immergrünen Nadelbäume und Büsche den Augen ein bisschen Erholung vom sonstigen winterlich tristen Grau. Einige tapfere Schneeglöckchen und strahlend gelbe Winterlinge hatten bereits ihre Blüten geöffnet und verhießen das bevorstehende Ende der kalten Jahreszeit.

Harrys Beerdigung

Francesco fuhr von der Haltestelle Reeperbahn mit der S1 nach Hoheneichen und betrat den Friedhof von Norden her. Er schlenderte in südlicher Richtung über die Sorbus- und die Eichenallee auf die Kapelle mit der Nummer 13 zu, die in der Zeitung als Ort der Trauerfeier genannt worden war. Schon von Weitem bemerkte er das rege Gedränge: Ganz offensichtlich herrschte großes Interesse an Harrys Beerdigung. Zwar war die Kapelle mit 151 Plätzen eine der beiden größten des Friedhofs, aber trotzdem würden wohl kaum alle Gäste einen Sitzplatz finden.

Francesco stellte sich in die Reihe derer, die durch den Eingang strömten, und suchte sich einen Platz seitlich an der Wand, von wo aus er einen guten Überblick in alle Richtungen hatte. Er bemerkte ein paar bekannte Gesichter: Offenbar erwiesen einige Sängerkollegen dem Verblichenen die letzte Ehre. Diese Tatsache hatte auch eine bemerkenswerte Anzahl an Journalisten angelockt, die die berühmten Gesichter aufnahmen und sich Notizen machten.

Viele junge und nicht mehr ganz so junge Leute standen in Grüppchen und unterhielten sich leise. Manche trösteten sich gegenseitig. Francesco bemerkte Daniel Gehling mit seiner Gattin, außerdem Michael Bertram, dessen Gesicht von tiefen Augenringen gezeichnet war. Kurz vor Beginn schlüpfte auch Svenja Nordhoff noch durch die Tür und stellte sich hinten an die rückwärtige Wand.

Schließlich waren alle Plätze bis auf diejenigen für die Verwandten besetzt, und pünktlich zum Beginn der Trauerfeier kamen Sylvia Menke, ihre Schwester Natalie Feibig sowie Anke Hensel mit ihrem Mann und ihrer in sich gekehrten Mutter in Begleitung des Pastors den Mittelgang entlang. Bis auf Natalie Feibig wirkten alle recht gefasst, die junge Frau allerdings sah elend und verweint aus.

Francesco hörte mit einem halben Ohr zu, was der Geistliche über den Verstorbenen zu sagen hatte. Offenbar ging es vor allem um die Freude, die Harry anderen Menschen mit seiner Kunst bereitet hatte. Wahrscheinlich hatte die Familie sich darauf geeinigt, dass dieser Schwerpunkt für die Rede der unverfänglichste sei.

Kollegen und Fans

Francesco ließ die Blicke schweifen. Unter denjenigen Gästen, die sich unschwer als Fans erkennen ließen, herrschte offensichtliche Betroffenheit. Manche Kollegen und fast alle Verwandten hingegen zeigten steinerne Mienen und wirkten nicht so, als hätten sie einen herben Verlust erlitten. Als wollte sie diese Gefühlskälte wieder wettmachen, weinte Natalie Feibig wahre Sturzbäche.

Sie schluchzte die ganze Trauerfeier über an der Schulter ihrer Schwester, der gegenüber Francesco ein etwas schlechtes Gewissen hatte. Nicht nur hatte er sie abblitzen lassen, er hatte auch noch ihren Gatten inhaftiert und so dafür gesorgt, dass sie den heutigen schwierigen Gang allein antreten musste.

Zu einer der Frauen unter den Trauergästen kehrte Francescos Blick immer wieder zurück. Er konnte sie nicht einordnen und fühlte sich von ihr irritiert. Sie war allein gekommen und saß in einer Reihe kurz hinter der Mitte. Ihre Kleidung war elegant, doch die Sonnenbrille, die sie auch in der Kapelle trug, wirkte deplatziert.

Francesco musterte sie und fragte sich, ob sie die Brille trug, um nicht erkannt zu werden. Er selbst hatte schon öfter die Erfahrung gemacht, dass Sonnenbrillen, statt den Träger vor neugierigen Blicken zu schützen, die Aufmerksamkeit anziehen. Vielleicht wusste sie das nicht.

Dieser Beitrag ist ein Ausschnitt aus Elbsirenen: Morinos erster Fall

2016-05-31-1464687144-8430329-418cNrV7V9L._SX311_BO1204203200_.jpg

Der Sommer kommt und wir haben mit "Elbsirenen: Morinos erster Fall" von Jelka Dieckens nicht nur den richtigen Wochenends- und Urlaubsschmöker für euch, sondern verlosen an alle Leser des Buchs, die ihre Rezension bis zum 21.06. abgeben, einen Kindle E-Reader.

Hier die Autorin Jelka Dieckens über und Lokalkolorit

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Ein Mann zeigt Kindern ein Buch ohne Bilder - schaut euch ihre Reaktion an

Lesenswert: