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"Darum bin ich Rassist"

Veröffentlicht: Aktualisiert:
DARUM BIN ICH RASSIST
Jeff Cook
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Deshalb bin ich kein schlechter Mensch. Ich bin vielmehr bereit für Veränderung.

Ich bin ein Weißer. Ich bin mit einer wunderschönen, blonden Frau mit grünen Augen verheiratet, wir haben zwei großartige blondhaarige, blauäugige Söhne.

Ich hatte als Kind auch blonde Haare und blaue Augen und bin in einem Vorort in New Jersey aufgewachsen, in einer intakten Familie mit einer Mutter, einem Vater, einem Bruder und zwei Hunden. Mein Leben war bestimmt von Möglichkeiten und Vergebung. Ich hatte zwar nie "viel", aber ich hatte immer den Vertrauensbonus.

Ich wurde dazu erzogen, jeden Menschen gleich zu behandeln, ungeachtet der Abstammung, Herkunft oder irgendeines anderen demographischen Hintergrunds. Und auch wenn meine Heimatstadt überwiegend weiß war, so war ich doch auch immer von Menschen anderer Hautfarben und anderer Kulturen umgeben.

Aber trotz dieser Tatsache und dieser Erziehung bin ich wahrscheinlich doch ein Rassist. Kein hasserfüllter Rassist, der von Vorurteilen und Fanatismus getrieben wird, und die Leben anderer aufgrund ihrer Hautfarbe entmenschlicht und als wertlos betrachtet.

Ich bin ein Rassist im Sinne davon, dass mir Ungleichheiten in Bezug auf Kultur und Hautfarbe in meinem Land sind fremd sind, ich eine Ignoranz ihnen gegenüber hege - und sie mir schlichtweg unangenehm sind.

Mein Leben war bestimmt von Möglichkeiten und Vergebung. Ich hatte zwar nie "viel", aber ich hatte immer den Vertrauensbonus.

Das gebe ich gerne zu. Das macht mich nicht zu einem schlechten Menschen. Es macht mich bereit für Veränderung. Zwei Dinge waren für diese Erkenntnis notwendig: Recherche und Ehrlichkeit.

In den vergangenen Jahren habe ich an zahlreichen unterschiedlichen Diskussionen zu diesem Thema teilgenommen, sie gelesen und mir angesehen. Dadurch war ich in der Lage, die zuvor genannte Realität zu erkennen. Das ist toll für mich, aber für diesen Artikel will ich noch ein bisschen weiter ins Detail gehen.

Ungleichheiten in Bezug auf Hautfarbe und Kultur in unserem Land sind mir unangenehm.

Tagein und tagaus lebe ich mein Leben und bin kaum gezwungen, mich mit dieser Realität auseinanderzusetzen. Natürlich rücken die Medien und die sozialen Netzwerke dieses Thema in den Fokus, aber das meine ich nicht.

Einen aussagekräftigen Blogpost oder einen inspirierenden Tweet dazu zu lesen hat nichts damit zu tun, sich mit etwas auseinanderzusetzen. Was ich meine ist, in einem Geschäft zur Seite genommen oder von der Polizei angehalten zu werden, jemanden zum ersten Mal zu treffen oder zu einem Vorstellungsgespräch zu gehen und automatisch zu erwarten, aufgrund seiner Person bewertet zu werden.

Ja, ich bin tätowiert und trage einen Bart, ich bin mir sicher, dass auch ich schon einmal in einer Situation pauschalisiert wurde, aber das kümmert mich nicht. Ich weiß, dass, wenn man mich erst einmal kennenlernt, eventuelle Vorurteile schnell der Vergangenheit angehören werden.

Und ich nehme an, dass trotz aller Vorurteile in meinem Fall im Zweifel immer für den Angeklagten entschieden wird. Ich lebe mein Leben und profitiere dabei von den Glaswänden anderer Menschen.

Menschen mit einer anderen Hautfarben können das nicht von sich behaupten. Sie sind gezwungen, sich jeden Tag damit auseinanderzusetzen. Vielleicht nicht immer auf eine von Hass und Vorurteilen getriebene Art und Weise (auch wenn ich mir sicher bin, dass das auch vorkommt), aber in ihren Fällen wird im Zweifel gegen den Angeklagten entschieden.

Ich lebe mein Leben und profitiere dabei von den Glaswänden anderer Menschen. Menschen mit einer anderen Hautfarbe können das nicht von sich behaupten.

Die Leute von der Security, die im Hinterkopf behalten, dass jemand mit einer anderen Hautfarbe das Gebäude betreten hat; die Frau, die bei ihrem Anblick noch schnell das Auto abschließt und all die Male, die sie von Polizisten angehalten werden, nur weil sie "schwarz fahren". (Und wir alle wissen, dass es passiert).

Ihr seht also, wenn ich mich schon unwohl fühle, mich mit einer furchtbaren Wirklichkeit auseinanderzusetzen, die ich aber meist umgehen kann, so müssen meine schwarzen Nachbarn und Freunde diese Realität doch jeden Tag am eigenen Leib spüren.

Als Konsequenz haben sie sich ein dickes Fell zugelegt und sind immer bereit für Diskussionen. Das kann schnell als aggressiv oder harsch missverstanden werden, denn es verursacht bei mir ein Gefühl der Angespanntheit.

Lasst es mich so ausdrücken: Wir alle kennen jemanden, der es immer schafft, dass sich alle im Raum irgendwie unwohl und betreten fühlen. Vielleicht ist es ein Freund oder ein Kollege, vielleicht ein Cousin oder die Schwägerin.

Wer auch immer es ist, wir sagen uns stets, dass es nicht unser Problem sei. ¬ Diese Menschen bewirken etwas in uns, denn wir fühlen uns bei ihren Worten oder Taten unwohl, statt Verantwortung für unser Empfinden zu übernehmen.

Solange ich es mir nicht eingestehen kann, dass ich mich unwohler dabei fühle, über Ungleichheiten aufgrund von Hautfarbe und Kultur zu sprechen, als Menschen, die sich jeden Tag damit auseinandersetzen müssen, werde ich nie zu einer Lösung des Problems beitragen können. Und wenn ich nicht zur Lösung beitragen kann, dann trage zu dem Problem bei.

Ich ignoriere die Ungleichheiten aufgrund von Hautfarbe und Kultur in meinem Land

Vor kurzem sah ich mir im Fernsehen einen Gottesdienst an. Andy Stanley, der Pastor, lud zwei Afro-Amerikaner, die zudem gläubige Christen sind, zu einer Diskussion zu den aktuellen Geschehnissen in unserem Land und Rassismus generell ein.

Sie beide erklärten, dass ihnen von klein auf genau eingetrichtert wurde, wie sie sich zu verhalten hätten, sollten sie je von der Polizei angehalten werden. Das ist Teil ihrer Erziehung, ihrer Realität.

Für sie gehört es zum Erwachsenwerden dazu. Genauso wie immer seine Rechnungen zu bezahlen und sich nicht hinters Steuer zu setzen, wenn man getrunken hat. Vielleicht hört sich das gar nicht so seltsam an, wenn man nicht weiß, was sich hinter "wie man sich verhält, wenn man von der Polizei angehalten wird" verbirgt.

Einem der Männer wurde gesagt, niemals nach dem Portemonnaie zu greifen. Ich weiß schon, dass man keine plötzlichen Bewegungen machen sollte, wenn man von der Polizei angehalten wird, aber die Heftigkeit, mit dem diesem jungen Mann diese Verhaltensweise eingetrichtert wurde, hat mich schon erstaunt.

Er hat es so sehr verinnerlicht, dass er sich angesichts der aktuellen Ereignisse teils selbst fragte, warum derjenige im Angesicht der Polizei denn nach seinem Portemonnaie gegriffen habe, es weiß doch jeder, dass man das nicht tun soll.

Meinen Söhnen bringe ich bei, die Polizei stets zu respektieren. Ich lehre sie, sich der Polizei nicht zu widersetzen oder wegzulaufen und immer aufrichtig und ehrlich zu sein. Aber ich will ihnen nicht beibringen müssen, dass sie nicht nach ihrem Portemonnaie greifen dürfen.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich meinen Kindern beibringen muss, sich vor den Personen zu schützen, die doch eigentlich für ihren Schutz verantwortlich sind.

Wenn Ignoranz als Mangel an Bildung, Bewusstsein und Wissen definiert wird, dann bin ich in Bezug auf die Ungleichheiten bezüglich Hautfarbe und Kultur in unserem Land ganz sicher ignorant. Das Schöne an Ignoranz ist jedoch, dass man sie leicht heilen kann. Aber man muss es auch wirklich wollen.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich meinen Kindern beibringen muss, sich vor den Personen zu schützen, die doch eigentlich für ihren Schutz verantwortlich sind.

Seit einiger Zeit macht ein Video die Runde. Es zeigt eine Gruppe von Menschen, die in einem Imbiss sitzen. Alle bis auf einen sind weiß. Die Kellnerin kommt und bringt allen Weißen einen Pie. Der Afro-Amerikaner fragt die Kellnerin, wo sein Pie sei. Daraufhin fragt einer der weißen Männer: "Warum machst Du so ein Theater? Alle Pies sind wichtig!" (all pie matter).

Es soll die Anspannung verdeutlichen, die momentan zwischen #blacklivesmatter und #alllivesmatter herrscht. Ich finde es ist eine großartige Verdeutlichung, aber einer der wichtigsten Faktoren wurde nicht bedacht.

Es wäre sehr viel treffender gewesen, wenn die weißen Männer eine Augenbinde getragen hätten. Denn ob wir wollen oder nicht, fast alle von uns sind blind bezüglich der Dinge, mit denen sich Schwarze jeden Tag auseinandersetzen müssen. Es ist nicht unsere Schuld, aber ob wir daran etwas ändern, liegt an uns.

Mein Unwohlsein und meine Ignoranz sind vor allem auf eines zurückzuführen:

Die Ungleichheiten aufgrund von Hautfarbe und Kultur in unserem Land sind mir fremd.

Ich lebe in New Jersey. Ich bin niemand, der in seinem ganzen Leben noch nie etwas mit Farbigen zu tun hatte. Ich bin niemand, der sich nur durch die Medien über fremde Kulturen informiert. Ich habe Freunde, Kollegen, Nachbarn, Mentoren und Familienangehörige, die farbig sind. Und trotzdem sind mir diese Ungleichheiten, die ihr Leben bestimmen, fern.

Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich in meiner Jugend recht rebellisch war. Und damit meine ich kriminell. Ich habe die falschen Entscheidungen getroffen und schlimme Dinge getan. Einiges werde ich nie wieder gutmachen können.

Trotzdem habe ich nie mehr als ein Wochenende im Gefängnis verbracht. Ich habe immer angenommen, dass Gott seine schützende Hand über mich hält und ich deshalb ein freier Mann bin. Deshalb durfte ich meine Lektion lernen, ohne dafür Zeit im Gefängnis verbringen zu müssen. Ich weiß, dass das stimmt. Trotzdem muss ich mir eingestehen, dass meine "Sie kommen aus dem Gefängnis frei"-Karte daher rührt, dass ich mir in 15 Minuten den schlimmsten Sonnenbrand einfangen kann.

Ich teile meine Dankbarkeit für die vielen Möglichkeiten, die ich hatte, auch immer wieder mit anderen Menschen. Ich konnte Dinge verwirklich und umsetzen, für die ich nicht die geringste Qualifikation besaß. Ich wurde zu dem Menschen, der ich bin, weil ich in vielen Situation hinter die Kulissen blicken durfte, ich konnte mich auf meinem Gebiet weiterentwickeln, und das finde ich selbst unerklärlich.

Ich habe ein gewisses... Privileg, und das liegt an meiner Hautfarbe. Dafür bin ich selbst nicht verantwortlich, aber die Verantwortung dafür, was ich damit anfange, liegt bei mir.

Zwar werde ich es nie genau wissen, aber ich frage mich manchmal doch, ob ich andere Erfahrungen gemacht hätte, wenn die Dinge anders lägen. Der Grundsatz „Im Zweifel gegen den Angeklagten", den Farbige ihr ganzes Leben lang zu spüren bekommen, ist etwas, dass ich nur langsam zu verstehen beginne.

Und dieses Verständnis ist wirklich nur ein intellektuelles Verständnis. Oft heißt es, die größte Entfernung in der Welt ist die zwischen deinem Kopf und deinem Herzen. "Im Zweifel gegen den Angeklagten" wird mir immer fremd bleiben, bis ich es selbst mit meinem Herzen spüre. Die Frage ist nur: wie?

Kenne jemanden.

Und damit meine ich nicht auf die Art, die Weiße gerne ins Gespräch bringen, wenn die Sprache auf Rassismus kommt. Dieses "Einer meiner besten Freunde ist schwarz." Ich meine, dass man selbst aktiv werden muss. Ich muss meine Berührungsängste überwinden, ich muss mich selbst informieren wollen, mir ein Bewusstsein schaffen, so dass meine Ignoranz verdrängt wird. Und es muss persönlich sein.

Mein Herz muss bei dem Gedanken, dass Menschen in diesem Land im Zweifelsfall stets schuldig sind, schmerzen. Es muss mich so sehr berühren, dass ich etwas dagegen tue. Mehr als nur einen Blogpost zu schreiben oder ein aussagekräftiges Video zu drehen. Ich muss eine ehrliche Beziehung zu Farbigen aufbauen, und den ganzen "ich sehe keine Farben"-Mist stoppen.

Ich muss die Farben sehen und sie um ihrer selbst willen zu schätzen lernen. Ich muss mich mit einer Kultur umgeben, die nicht meine eigene ist. Sie genießen, leben und aus ihr wachsen. Eine Kultur mit Höhen und Tiefen, so wie sie jede Kultur besitzt. Ich muss dem Geschehen so nahe kommen, dass ich bei einem Sieg applaudiere, bei einem Todesfall trauere und um Hilfe bitte, wenn es nötig ist. Ich muss meine farbigen Brüder und Schwestern als Familie betrachten.

Aufgrund meiner Hautfarbe habe ich eine gewisse Macht und ein gewisses Privileg. Deshalb muss ich mich nicht schuldig fühlen. Ich habe nicht darum gebeten oder es explizit gesucht, aber so ist es nun einmal. Ich bin nicht dafür verantwortlich. Aber die Verantwortung dafür, was ich damit anstelle, liegt bei mir.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Huffington Post USA und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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