Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Jeannine Klos Headshot

Der Tag, an dem mein Baby vertauscht wurde

Veröffentlicht: Aktualisiert:
BABY
GettyImages
Drucken

Um sechs Uhr in der Früh hörte ich den geschäftigen Lärm der Morgenschwestern mit ihren scheppernden Wagen auf den Fluren. Ich war noch sehr müde und versuchte wieder einzuschlafen. Auch Eva und ihr kleiner Romeo schlummerten noch tief und fest.

Aber so richtig wollte es mir nicht gelingen. Vielleicht lag es daran, dass es schon sehr hell in unserem Zimmer war - nicht umsonst war dies der längste Tag des Jahres. Und normalerweise werde ich immer wach, sobald es hell wird. Jetzt aber döste ich noch eine knappe Stunde vor mich hin, bis die Tür aufgerissen wurde.

"Guten Morgen!" Die Schwester der Frühschicht ging zum Fenster und schob den blassgelben Vorhang zur Seite. "Bitte einmal aufstehen, die Damen!", rief sie und machte sich sogleich daran, unsere Betten aufzuschütteln. Ohne ein weiteres Wort verließ sie unser Zimmer, um kurze Zeit später mit einem Babybettchen wieder hereinzukommen.

Sie schaute in meine Richtung. "Frau Klos? Ihre Leni." "Ja, hier", antwortete ich freudig. Dann stellte sie das Bettchen an mein Bett. Das Baby war wach und blickte mir direkt ins Gesicht. Ich erschrak so sehr, dass ich zusammenzuckte. Nein, das kann nicht sein!, blitzte es durch meinen Kopf. Jetzt ist es wirklich passiert!

Erstarrt und stumm saß ich in meinem Bett und versuchte mich zu beruhigen. Das kann nur ein Irrtum sein. Die Schwester hat sich sicher in der Tür geirrt. Die sagt jetzt sicher, ach, tut mir leid, das ist ja gar nicht Ihre Leni.

Das ist nicht mein Kind!

Doch die blondgelockte Schwester war schon fast wieder draußen und schien sich überhaupt keiner Schuld bewusst. "Hallo, stopp mal!", rief ich aufgeregt. "Das hier ist nicht mein Kind!" Sie drehte sich zu mir um, kam zurück und blickte auf das Namensschild, das unten am Rand des Kinderbettchens angebracht war. "Wie?", fragte sie in leicht pikiertem Tonfall. "Ihr Kind heißt doch Leni Klos, das steht doch hier an dem Bettchen." Dann blickte sie auf das dünne Handgelenk des Säuglings. "Und auf dem Bändchen hier."

Sie hielt das Ärmchen des Babys hoch. Ich beugte mich vor, um den Namen lesen zu können, aber die Buchstaben verschwammen vor meinen Augen, ich war in einem Schockzustand. Jetzt konzentrier dich, befahl ich mir. Ich schaute noch einmal, erst auf das Bändchen am Arm, dann auf das Schild am Bett, und ja, es stimmte - beide Male las ich den Namen meiner Tochter.
"Aber sie - sie sieht so anders aus", stammelte ich.

"Das ist normal, Säuglinge verändern sich manchmal über Nacht", entgegnete mir die Schwester resolut und rauschte auch schon davon. Mir wurde fürchterlich übel, und ich spürte, wie mein
Herz zu rasen anfing. Panik überfiel mich. Ich nahm das Baby, das offensichtlich gestillt werden wollte, aus seinem Bettchen und betrachtete es für ein paar Sekunden. Dann drehte ich mich zu Eva herum, die mich ganz ungläubig anschaute.

"Mir ist total schlecht. Das Kind sieht so anders aus. Was mache ich, wenn es verwechselt wurde?"

"Hä!? Das kann doch nicht sein. Lass mich mal schauen."

Eva stand auf, um zu mir herüberzukommen. Ihre Bemühungen in allen Ehren, aber sie war wirklich die Allerletzte, die hätte sagen können, ob das Baby nun anders aussah als am Tag zuvor oder nicht. Schließlich war man sehr mit seinem eigenen Baby beschäftigt, und gerade Romeo ließ ihr kaum eine ruhige Minute. Sie hatte Leni nicht mal bei der Begrüßung länger als ein paar Sekunden anschauen können.

Ich fühlte mich so elend wie noch nie in meinem Leben

"Das gibt es nicht. Sieh mal die Hände an. Die sind doch viel kleiner", sagte ich in meiner ganzen Hilflosigkeit zu ihr." Und diese weißen Pickel - was die für eine Neugeborenenakne hat", stellte ich zudem fest. "Diese Pickel hatte sie doch gestern noch nicht. Keinen einzigen. Und jetzt sind ihre Wangen damit übersät. Das kann doch nicht alles über Nacht kommen!" Ich fühlte mich so elend wie noch nie in meinem Leben.

"Ich - ich weiß nicht", stotterte Eva hilflos. "Ich kenne mich ja nicht aus. Aber das kann doch nicht sein, dass Babys verwechselt werden. Beruhig dich erst mal. Romeo hat sich in diesen zwei Tagen auch verändert."

Das Argument eines ebenfalls mutierten Romeo überzeugte mich reichlich wenig in dieser Situation. Dieses Baby, das das Namensschildchen meiner Tochter trug, sah völlig anders aus als das Baby, das ich noch einige Stunden zuvor in meinen Armen gehalten und gestillt hatte. "Aber die Kleine hier hat doch viel dunklere Haare, sie ist auch viel zierlicher, und ihre Finger sind kürzer", insistierte ich. "Ein Säugling schrumpft doch nicht über Nacht."

Ich hätte erbrechen und schreien können zugleich. Mit aller Macht versuchte ich, wieder einen klaren Gedanken zu fassen. Das Baby half mir dabei. Es fing an zu quäken, sicher weil es von Sekunde zu Sekunde hungriger wurde und die ganze Aufregung spürte. "Ich still sie jetzt erst mal. Wenn sie nicht trinkt, dann stimmt da wirklich was nicht", verkündete ich meinen Plan, der vor allem dazu diente, mich selbst zu beruhigen.

Ich legte die Kleine an meine Brust

Ich schob mein T-Shirt hoch und legte die Kleine an meine Brust. Sie suchte, indem sie ihren Kopf ein paar Mal hin und her drehte, dann dockte sie sich an und schmatzte genauso, wie die Tage zuvor.

"Das gibt es nicht", hauchte ich fassungslos. Eva hatte erwartungsvoll zugeschaut und schien nun völlig überzeugt. "Siehste, alles gut." Damit legte sie sich wieder in ihr Bett. Ich hingegen war alles andere als überzeugt. Ich starrte auf das Kind an meiner Brust und war völlig durcheinander.

Nun brauchte ich Ralf. Ich griff zum Telefon und rief ihn an. Als er abhob, sagte ich sofort: "Ich habe das Gefühl, die haben das Kind vertauscht!"

Ein paar Sekunden lang war am anderen Ende gar nichts zu hören. "Wie, die haben das Kind vertauscht? Jetzt dreh nicht durch!"

An seiner Stelle hätte ich wahrscheinlich auch nichts anderes geantwortet. Ich konnte es ihm wirklich nicht verübeln. "An dem Kind sieht alles anders aus. Das ist nicht unser Kind", versuchte ich ihm zu erklären, ohne hysterisch zu wirken.

Er antwortete in seiner gewohnt sachlichen Art. "Ich bin sowieso gleich da. Ich bring Yara noch in den Kindergarten, dann komme ich."

Obwohl ich wusste, dass er genauso wenig wie Eva den Blick dafür haben würde, ob unser Baby am vorangegangenen Tag Pickel gehabt hatte oder nicht, so hatte es doch etwas Beruhigendes, dass er bald da sein würde.

"Komm, wir gehen uns erst mal stärken, sonst räumen die noch das Frühstücksbuffet ab«, sagte Eva. Und als ich zögerte, fügte sie noch hinzu: "Etwas zu essen, tut dir sicher gut, und bis dein Mann kommt, sind wir längst wieder im Zimmer."

Ich wollte nicht mit dem Baby alleine sein

Die Vorstellung, allein mit diesem Baby hier im Zimmer zu bleiben und auf Ralf zu warten, ließ mich Evas Vorschlag folgen. Und so schoben wir wie schon am Tag zuvor unsere Babybetten vor uns her zum Frühstücksraum.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Aber an diesem Morgen war ich wie unter einer Glasglocke, nahm kaum etwas um mich herum wahr. Ständig musste ich das Baby, das meins sein sollte, anschauen. Und die immer gleichen Gedanken wummerten in meinem Kopf. Was mache ich, wenn mein Baby wirklich vertauscht worden ist?

Was mache ich dann bloß?, fragte ich mich in einer Endlosschleife, ohne eine Antwort zu finden. Ich hatte keinen Appetit und beendete das Frühstück so schnell wie möglich. Dann ging ich mit dem Baby ins Zimmer, um Ricarda anzurufen. Ich brauchte meine beste Freundin dringender als jemals zuvor. Ich wusste, dass sie schon in der Schule sein würde und hoffte inständig, dass sie gerade an ihr Handy gehen konnte. Ich hatte Glück.

"Ich bin's. Da stimmt was nicht mit dem Kind", platzte ich vollkommen aufgelöst heraus. "Ich glaube, es ist vertauscht. Aber ich weiß auch, dass das eigentlich nicht sein kann."

Ricarda spürte sofort den Ernst der Lage. "Ich kann jetzt nicht länger reden. Ich komm direkt nach der Schule zu dir."

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Übermorgen Sonnenschein. Als mein Baby vertauscht wurde" von Jeannine Klos. Das Buch erschien beim Verlag Bastei Lübbe AG unter der ISBN 978-3-404-60749-5. Es ist erhältlich auf der Homepage des Verlages.

Ihr könnt es ebenfalls bei amazon kaufen.

2016-09-14-1473849573-2644805-9783404607495klos.jpg

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Lesenswert: