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Jeanette Bolt Headshot

Das ist die Geschichte von Alex (16) und dem Gehirntumor, der ihn umgebracht hat

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ALEX BOLT
Alex Bolt starb mit 16 an den Folgen eines Gehirntumors | HuffPost
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Die Geschichte, die jetzt folgt, wird von zwei Stimmen erzählt. Die erste Stimme ist die des Gehirntumors, der meinen Sohn Alex umbrachte.

Die zweite Stimme ist meine. Die der Mutter, sechs Jahre später, auf dem Jakobsweg. Ich laufe im Andenken an meinen Sohn - und um Geld für die Forschung zu sammeln, damit keine andere Mutter jemals so etwas erleben muss. Irgendwo hinter den Pyrenäen, hinter den Rioja-Weinbergen, in der endlosen Weite von Kastilien wurde dieser Text geboren.

Eintrag eins
Endlich kann ich mich wieder austoben und wüten. Alles ist bereit, ein neuer Mensch, den ich zerstören kann, ein guter Mensch noch dazu. Man wird ihn sicher vermissen, hahahaha. Ich vermisse nichts, während ich meinen teuflischen Plan austüftle. Ich befinde mich in den unergründlichen dunklen Tiefen des menschlichen Gehirns und von hier aus werde ich mich ausbreiten.

Mein Sohn Alex war ein gesunder, sportlicher, ganz normaler 15-Jähriger, der alle Anzeichen dafür aufwies, einmal zu einem tollen jungen Mann heranzuwachsen, als er eines Morgens mit einem tauben linken Arm aufwachte. Sicher hatte er nur komisch gelegen, sagte ich mir und dachte mir nichts dabei. Als der Arm einige Tage später aber immer noch taub war, gingen wir zum Arzt und Alex wurde an einen Neurologen überwiesen. Noch vor dem Termin wurde auch sein linkes Bein taub und ich wusste, dass etwas nicht stimmte.

Eintrag zwei
Phase eins der Operation... die Initiierung eines Taubheitsgefühls in den Armen verlief nach Plan, obwohl ein unerwünschter Arztbesuch für kurze Spannungen sorgte. Aber kein Grund zur Sorge, ich werde nicht gefunden, nicht bevor es zu spät ist.

Wir schreiben den 21. März, die Beintaubheit ist abgeschlossen, aber ein unglücklicher Zwischenfall deutet sich an. Eltern sind besorgt, Sirenen heulen. Ein Test nach dem anderen. Ich spüre Bewegung um mich herum, höre besorgte Stimmen. Ein plötzlicher Mangel an Nahrung lässt bei mir die Alarmglocken schrillen - etwa eine Operation? Oder nur ein weiterer Test, kein Grund zur Sorge.

Mit Blaulicht wurden wir ins St. Georges Hospital nach London gebracht. Es war die schlimmste Nacht unseres Lebens, zumindest dachten wir das. Traurig, aber wahr: Es sollten noch viel schlimmere Nächte folgen.

Eintrag drei
Es wird schlimmer. Der Wirt leidet an ernsthaften Taubheitsgefühlen. Es wurde entschieden, dass man ihn öffnen muss. Ich dachte, ich wäre noch einmal davongekommen. Sie pumpen alle möglichen Substanzen in den Körper, die ich nicht identifizieren kann. Plötzlich gab es ein großes Rumpeln und Poltern von oben, dann verschwand es wieder. Das Nächste, woran ich mich erinnere, ist, dass ich angegriffen wurde. Pinzetten zupften an mir rum, mir wurden große Stücke Fleisch aus dem Körper gerissen. Wieder und wieder, sie rissen und drehten an mir... und dann war alles ruhig. Ich war alleine und leckte meine Wunden. Eine Weile werde ich nicht schreiben können, das ist genug Schmerz für den Moment.

Nach einem Scan dachten sie, mein Sohn hätte einen Abszess am Gehirn, sie dachten in der Nacht, sie müssten operieren, um den Druck zu nehmen. Das fühlte sich alles so falsch an. Alex hatte an dem Tag in der Schule beim Fußball noch ein Tor geschossen. Zwischen all den kranken Kindern auf der Station sah er gesund aus und war sonnengebräunt.

Wie in Trance unterschrieb ich die Einwilligungsformulare. Er sollte doch nicht operiert werden, stattdessen sollte am nächsten Morgen ein weiterer Scan folgen. Ich schlief auf einem Campingbett neben Alex und war fest davon überzeugt, dass der Morgen gute Nachrichten bringen würde, dass alles nur ein Versehen sei und wir gehen könnten. Aber das war nicht so und es brach mir das Herz.

Weitere 20 Tage verbrachten wir im Krankenhaus, wo Alex weiteren, besseren Scans unterzogen wurde. Mit jedem neuen Scan wurde es schlimmer und schließlich bekamen wir das Ergebnis, vor dem wir uns so gefürchtet hatten, die Worte, die keine Mutter hören will. Es war Krebs. Am nächsten Tag wurde er für eine Operation vorbereitet und als ich mich verabschiedete, sagte ich zu dem Anästhesisten: "Passen Sie gut auf ihn auf, er bedeutet mir so viel."

Nach vier zermürbenden Stunden wurde er zurück auf die Station gebracht. Es waren keine guten Nachrichten. Der Krebs war so fest mit gesundem Hirngewebe verwachsen, dass sie nicht den gesamten Tumor entfernen konnten. Man sagte uns, Alex hätte noch ein Jahr zu leben. Ein Jahr? Wie konnte sein Leben in einem Jahr vorbei sein? Alex wollte selber Arzt werden, weil so viele ihm geholfen hatten.

Eintrag vier
Argh. Auuuauauaua. Das ist nicht richtig, ich verbrenne! Ich brutzle wie ein trockenes Blatt in einem Lagerfeuer, aber das hier ist ein Feuer wie die Sonne. Es war kaum zu ertragen, ich kann riechen, wie ich selbst ionisiere und zerfalle, man spült mich einfach raus. Und als wäre das nicht schon genug jeden Tag, so werde ich auch noch mit einer dicken grellweißen Flüssigkeit angegriffen, die mich ausradiert. Aber ich fühle auch, wie die Kraft meines Wirts schwindet. Vielleicht kann ich meinen Plan doch noch vollenden.

Ein paar Tage später konnte Alex nach Hause, um sich zu erholen. Dann sollten die Bestrahlung und die Chemotherapie beginnen. Alex hat sehr gelitten, auf dem Weg zur Schule war ihm oft schlecht. Er wollte einfach nur ein normaler Teenager sein. Er hat es trotz allem geschafft, Spitzennoten in der Schule zu bekommen.

Eintrag fünf
Alleine, dunkel und schrumpelig, ein Schatten meiner selbst. Ich fühle nichts außer Scham und Schande, aber mit dieser langen Pause muss ich mich jetzt auf meinen finalen Schlag gegen dieses Überwesen konzentrieren. Es scheint jetzt stärker zu sein als jemals zuvor. Das liegt an seinem Glauben an den einen, den sie Gott nennen.

Die Behandlung schien anzuschlagen, der Tumor schrumpfte und Alex wurde jeden Tag stärker. Es war zu dieser Zeit, dass Alex sich dazu entschied, seinen christlichen Glauben zu konfirmieren.

Eintrag sechs
Vielleicht habe ich mich zu früh gefreut. Es ist zurück. Nicht diese weiße, brennende Flüssigkeit, Gott sei Dank. Es ist dieser kalte, sättigende Schmerz, der sich in meine, zugegebenermaßen sehr brüchige, Festung hineinfrisst. Ich weiß nicht genau, was es ist, aber es ist nicht gut und der Wirt schlägt zurück - es muss eine Art Waffe sein...

Gleichzeitig fühlt es sich an, als würde ich mit etwas anderem bombardiert, etwas, das nicht so greifbar ist, eine innere Stärke. Der Körper scheint mit seiner eigenen Kraft zurückzuschlagen. Es ist ein leichtes, blubberndes goldenes Licht, das mich umgibt und mir die Kraft raubt. Es untergräbt alles, wofür ich stehe, indem es Hoffnung, Frieden und Stärke schenkt. Ich brauche eine Idee, wie ich gegen die ich anbahnende Niederlage ankämpfen kann.

Wir fuhren gemeinsam in den Urlaub, aber als wir zurückkamen, ging es Alex wieder schlechter. Er konnte nicht mehr richtig sprechen und hatte Gleichgewichtsstörungen.

Nach einem weiteren Scan sagten die Ärzte uns, dass der Krebs in andere Teile des Gehirns gestreut hätte. Sie sagten uns, sie könnten nichts mehr tun. Er hatte noch acht Wochen zu leben.

Wir holten ihn nach Hause und kümmerten uns in den letzten zehn Wochen um ihn. Wir sind nie von seiner Seite gewichen, bis er im Kreis seiner Familie verstarb.

Als Mutter möchte man seine Kinder beschützen... Ich konnte ihn nicht mehr beschützen. Er kämpfte und kämpfte, aber schließlich musste ich ihm sagen: "Lass los, es ist Zeit." Der Krebs hatte gewonnen.

Es fühlte sich an, als würde ein Teil von mir fehlen, als hätte man mir mein Herz herausgerissen. Und ich wusste sofort, dass ich mit Hilfe der Brain Tumor Charity Geld für die Krebsforschung sammeln wollte.

Das ist jetzt sechs Jahre her und ich vermisse ihn immer noch sehr. Ich denke immerzu an ihn und frage mich, was er jetzt wohl tun würde. Das Spendensammeln hilft mir, in seinem Tod einen Sinn zu sehen. Die Vorstellung, dass ich anderen Müttern und Familien dabei helfen könnte, nicht die Verzweiflung zu erleben, die wir durchmachen mussten, ist ein großer Trost.

Bewusstsein. Inspiration. Zu wissen, dass Alex weiterlebt - das ist es, was eine Mutter will. Das Forscherteam, das vom Alex Bolt-Fond unterstützt wird, besteht aus sechs Wissenschaftlern und Ärzten. Zusammen ist es ihnen gelungen, sechs Unterschiede zwischen Tumoren bei Kindern zu identifizieren.

Sie hoffen, "dass ihre Arbeit eine bessere Behandlung ermöglichen wird, die dazu führt, dass mehr Kinder überleben und weniger leiden müssen."

Alex wäre so stolz.

Bitte helft auch.

Dieser Artikel wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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(jds)