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Ich verabschiede mich von meiner Tochter, zum ersten und letzten Mal

01/09/2015 19:09 CEST | Aktualisiert 01/09/2016 11:12 CEST

Letzte Woche hat für meine Kinder die Schule wieder angefangen. Und da gab es einen Moment. Einen, der niemandem außer mir aufgefallen ist. Die Kinder an unserer Bushaltestelle kletterten in den Bus, hasteten durch den Gang zu einem Platz und mein Sohn und meine Tochter stiegen als letzte in den Bus.

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"Hey!" rief mein Mann, das iPhone zückend, um ein letztes Foto zu machen. Sie drehten sich um und meine Tochter hatte einen Gesichtsausdruck, den ich als Lächeln der Angst bezeichne. Auf dem Foto seht ihr, dass sie nicht in die Kamera schaut, sondern zu mir. Mein Mann machte das Bild, sie drehte sich wieder um und war weg.

Die anderen Eltern verließen die Bushaltestelle und meine Mann und ich machten uns auf den Weg nach Hause. Alles, was ich wollte, war mich auf den Boden zu werfen, mir den Bauch zu halten und hysterisch zu weinen. Aber ich lief einfach still weiter. Ich konnte meinem Mann, der mich eh schon für erfrischend unausgeglichen hält, unmöglich sagen, dass ich soeben bis ans Ende meines Lebens vorgespult hatte.

Was mich an diesem Tag so gerissen hatte, war nicht ihr Blick. Den kannte ich schon. Was mich beunruhigte war, dass ich mich zum ersten Mal fragte, wie oft in meinem Leben ich dieses Lächeln noch sehen würde. Dieser Blick sagt Ich will nicht von dir weggehen und ich habe irgendwie ein bisschen Angst, aber ich muss jetzt gehen.

Ich werde diesen Blick sehen, wenn sie aufs College geht und ich werde beten, dass sie eine ganz fantastische Reise macht, auf der Freunde wichtiger sind als Verbindungsjungs und persönliche Entwicklung und Wachsen wichtiger als Alkohol.

Ich werde diesen Blick sehen, bevor sie den Gang zum Altar antritt und ich werde dafür beten, dass der Mann, dem sie entgegengeht, auch nur halb so ein guter Mann wie ihr Vater ist. Dass er sie wirklich sieht, versteht und liebt. Und dass er weiß, dass ich ihn umbringe, wenn er ihr wehtut.

Ich werde diesen Blick sehen, wenn sie selbst ein Kind bekommt und ich werde beten, dass sie auf ihre innere Stimme hört und dass sie sich nicht ständig hinterfragt und an sich selbst zweifelt und sich kritisiert, wie ihrer Mutter es getan hat.

Ich werde diesen Blick auch sehen, wenn ich eine alte, welke Frau bin und die Sorge in ihren Augen meinetwegen ist. Denn ich werde nur noch ein Schatten der Mama sein, die ich einst war.

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Und dann werde ich beten, dass sie sich erinnert.

Dass sie sich daran erinnert, wie ich ihr wieder und wieder ihre Lieblingsbücher vorgelesen habe, bis sie jede Zeile auswendig konnte. Wie wir mit ihren Barbies spielten bis ich am liebsten geschrien hätte.

Wie wir ein Jahr lang jedes Stofftier und jede Puppe Lily nennen mussten. Wie ich ihr erlaubte, Pflaster als Modeacessoires zu tragen. Wie ich sie zum Ballett geschickt habe und sie bei der Aufführung mitgemacht hat, obwohl sie eigentlich Angst davor hatte. Wie ich ihr sagte, dass sie liebevoll und intelligent ist -- und nicht nur hübsch.

Wie ich genau wusste, wie sie sich fühlte und was sie brauchte bevor sie es sagte. Wie meine Beine einst stark genug waren, um sie zu tragen und ihr hinterher zu rennen. Wie meine Hände noch nicht zitterten und meine Augen noch jeden Ausdruck auf ihrem Gesicht lesen konnten. Wie mein Haar noch blond war, wie ich springen, schreien und lauter als die anderen Mütter singen konnte.

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Wie sie mich hübsch fand. Wie sie sagte, dass sie für immer bei uns wohnen wollte. Wie ihr Papa und ich uns offen lieb hatten, umarmten, uns küssten und in der Küche tanzten. Wie sie nachts in ihrem Bett lag und weinte, weil sie Angst hatte, dass wir sterben würden wie die Großeltern von ihren Freunden und wie ich ihr sagte, dass das noch sehr lange nicht passieren würde.

Ich werde beten, dass sie sich daran erinnert. An all das.

Denn als meine Tochter heute in den Bus gestiegen ist, ist mir plötzlich klar geworden, dass eines Tages, in ferner Zukunft, wenn mein Leben verläuft wie geplant/erhofft/erbeten ich diejenige sein werde, die in die Augen dieser durch und durch Frau, die ich so liebe, dass es mich nachts wach hält, starren werde. Und dann wird es mein Blick sein, der sagt, Ich will nicht von dir weggehen und ich habe irgendwie ein bisschen Angst, aber ich muss jetzt gehen.

Bis zu diesem Tag bete ich, dass ich mich daran erinnere. An all das.

Dieser Beitrag erschien ursprünglich auf Jaye Watson Online.

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Dieser Blog erschien ursprünglich bei der Huffington Post USA und wurde von Franca Lavinia Meyerhöfer aus dem Englischen übersetzt.


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