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Sale, Super Sale, Hauptsache Sale - ein Plädoyer für den guten alten Schlussverkauf

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Erst dachte ich noch an eine Ausnahme. An ein Geschäft, das schlecht lief und einfach viel mehr Kunden gebrauchen konnte. "Mid Season Sale" prangte da an den riesigen Schaufenstern des ebenso riesig wirkenden Klamottenladens in der Nähe des Bahnhof Friedrichstraße in Berlin. Aha, mitten in der Saison sozusagen ein Schlussverkauf. Ich grübelte kurz - und beschäftigte mich dann aber schnell mit wichtigeren Sachen.

Kurz darauf aber flanierte ich an einem sonnigen Spätherbst-Nachmittag durch die Shopping-Zone rund um den Hackeschen Markt in Berlins Mitte. Für die gibt es eigens Falt-Stadtpläne, auf denen gefühlt 500 Läden verzeichnet sind. Und da war er plötzlich wieder, der "Mid Season Sale". Doch hier, auf dem Planeten Mitte, wohnten auch noch all seine Verwandten. Verwandte, deren Namen ich zumindest zum Teil noch nie gehört hatte. Okay, "Super Sale" und der stinknormale "Sale" - da konnte ich mir noch was drunter vorstellen. Aber was (um es mit Johannes B. Kerner zu sagen) - und diese Frage muss doch an dieser Stelle auch mal erlaubt sein - soll ein "PopUp Sale" sein? Und warum gibt es überhaupt einen "Opening Sale"? Da fällt mir ein, was macht eigentlich Johannnes B. Kerner? Ist er schon ein Fall für die gleichnamige Rubrik im Stern? Wobei ich nicht mal weiß, ob es die noch gibt? Gibt es den Stern noch? Aber ich schweife ab.

Ich bin, was Shopping betrifft, eher ein typischer Mann. Ich laufe nicht an Schaufenstern vorbei, um mich inspirieren zu lassen. Ich geh einkaufen, wenn ich das Gefühl habe, zum Beispiel wieder mal neue Schuhe zu brauchen, weil die alten kaputt gegangen sind. Eine Ausnahme gab es aber doch! Oder besser zwei: den Winter- und den Sommerschlussverkauf. Begriffe, die sehr deutsch klingen und natürlich sexy Abkürzungen haben: WSV und SSV. Wenn die begannen, gab es in der Tagesschau immer einen Beitrag, der vorzugsweise Frauen erst vor noch verschlossenen Türen und dann beim Sturm eines Kaufhauses wie Hertie zeigte. Was macht eigentlich Hertie - aber lassen wir das. Dann sagte eine Off-Stimme, dass dieses Mal zum Beispiel Textilien um bis zu 70 Prozent reduziert seien. Das erinnert mich an den Werbespruch "20 Prozent auf alles - außer Tiernahrung" der Baumarktkette Praktiker. Was macht eigentlich Praktiker - okay, ich bin schon ruhig. Da bin ich jedenfalls hin, zum WSV und SSV. Gefühlt immer. Um Sachen zu kaufen, die ich nicht brauchte, die aber gesenkt waren. Um bis zu 70 Prozent.

Liebe junge Leser: Ihr könnt es nicht wissen, aber WSV und SSV waren - ich hab da mal knallhart bei Wikipedia recherchiert - bis ins Jahr 2004 die einzigen erlaubten Schlussverkäufe im deutschen Einzelhandel. Per Gesetz. Lange Jahre hießen die auch noch Schlußverkäufe, aber das Fass mit der Rechtschreibreform in den 90er Jahren mache ich nun nicht auch noch auf. Sie dauerten immer jeweils zwei Wochen. Der WSV letzte Januar- und erste Februarwoche, der SSV letzte Juli- und erste Augustwoche. Und einen, zumindest auf den ersten Blick einleuchtenden Grund gab es auch noch für SSV und WSV: Es sollte Platz geschafft werden für die Ware der kommenden Saison. Ich gebe zu, spätestens Anfang der 2000er gab es dann Ware, die extra für den Schlussverkauf produziert wurde, inklusive gedruckten Preisschildern mit durchgestrichenen alten Preisen. Aber das war die Ausnahme.

Auf Schlussverkäufe konnte man sich verlassen. Man wusste, wann sie sind und was einen erwartet. Vor allem waren sie aber ob ihrer Seltenheit Höhepunkte im Jahr. Sogar für mich, den Shoppingmuffel. Und um es sicherheitshalber zu erwähnen: Ich bin kein Anhänger des Spruchs "Früher war alles besser." Aber heute heißt Schlussverkauf Sale - und findet gefühlt immer statt. Er ist einfach beliebig, austauschbar geworden. Und was passiert mit denen, die beliebig, austauschbar geworden sind. Sie landen, wenn sie Glück haben, in der Rubrik "Was macht eigentlich?". Hoffe ich mal.

Blog: www.fuaz.de