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Mit Kind zur Arbeit - das geht jetzt im ersten Co-Working Space in Köln

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Peggy Wahrlich kämpft für Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Sie sagt: „Das ist eines der wichtigsten Themen der Zukunft. Und ich will etwas bewegen." Gereift ist der Gedanke lange in ihr. Aber es brauchte diesen einen - und in ihrem Fall ziemlich absurden Moment - in dem sie sich gegen ihren alten Job und für etwas „Sinnvolles" entschied.

Früher, in ihrem Leben vor COWOKI, hat Peggy Wahrlich als Requisiteurin beim Fernsehen gearbeitet. Der Job habe ihr immer viel Spaß gemacht, erzählt sie im Gespräch. Aber das Thema „Vereinbarkeit von Familie und Beruf" hat sie als zweifache freiberufliche Mutter schon aus privaten Gründen umgetrieben.

Der entscheidende Moment

Bei einem Dreh für eine Fernsehproduktion hat Peggy Wahrlich die Aufgabe, im richtigen Moment, also wenn der Regisseur das Zeichen gibt, einen Weihnachtsbaum umzuwerfen. Sie selbst darf dabei natürlich nicht zu sehen sein und liegt unter einer dicken Schicht weißer Watte, die Schnee darstellen soll.

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„Das war der Moment, in dem ich genug Zeit hatte mich zu fragen: Was zum Teufel machst Du hier eigentlich mit 35 Jahren? Welchen Sinn hat Dein Job? Und deshalb beschloss ich noch auf dem Boden liegend: Jetzt ist Schluss, ich muss und will was anderes machen."

Der Neustart

Ein Co-Working-Space mit Kinderbetreuung kennt Peggy Wahrlich schon aus Berlin und Leipzig. In Köln, wo sie mit ihrer Familie lebt, gibt es das aber noch nicht. Sie nimmt also ihren ganzen Mut, die Erfahrungen von anderen, die Unterstützung von Freunden und Bekannten zusammen und gründet ein Unternehmen. Und leiht sich zum ersten Mal im Leben Geld bei der Bank.

Seit März 2017 ist das COWOKI eröffnet, die Kinderbetreuung startet im August.

JS: Für wen ist das Angebot der Kinderbetreuung gedacht und wie viele Plätze haben Sie?

PW: In erster Linie für Eltern, die mehr Vereinbarkeit wollen und ihren Job, meist selbständig, auch mit der Geburt ihres Kindes gleichberechtigt weiter ausüben möchten. Die städtisch geförderte Großtagespflege hat Platz für 9 Kinder. Wir planen eine zusätzliche Randzeitenbetreuung.

JS: Wie ist die erste Resonanz?

PW: Wie gewünscht haben wir voll ins Schwarze getroffen. Die öffentliche Aufmerksamkeit ist groß. Das Thema Vereinbarkeit betrifft viele und COWOKI hat in Köln ein neues Angebot geschaffen.

JS: Sind Ihre Arbeitsplätze nur für Kunden gedacht, die auch ein Kind mitbringen?

PW: Nein, im Gegenteil sprechen wir auch Kunden ohne Kinder an.... Eine bunte Mischung der Community ist uns wichtig. Wir beschäftigen uns mit klassischen Business-Themen sowie dem „Gründen in der Blüte des Lebens". Umorientierung und Sinnfragen bringen Menschen, nicht nur in der Elternzeit, in neue Fahrwasser. COWOKI bietet ein unterstützendes Netzwerk.

JS: Sie schließen mit Ihrem Angebot ja eine Lücke, die der Staat und die Kommunen allzu oft nicht ausreichend schließen. Fühlen Sie sich entsprechend Wert geschätzt und unterstützt?

PW: Ja und nein. Ich habe gute Unterstützung erhalten, aber es ist auch oft sehr kompliziert, was unverhältnismäßig viel Zeit, Energie und Kosten in Anspruch nimmt. Aktuell verlangt man den Gründungszuschuss zurück... Aus meiner Sicht skandalös, weil ich jetzt nachweisen soll, dass ich auch wirklich in der Gründungszeit hauptberuflich unternehmerisch tätig war. Was soll ich sagen - COWOKI ist nicht vom Himmel gefallen.

JS: Freiberufler wie ich müssen ja gerade am Anfang sparen. Was kostet ein Platz bei Ihnen und warum ist es ihrer Meinung nach gut investiertes Geld?

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PW: Erst wenn man die Vereinsamung im Home-Offices gespürt hat und im Cafe' nicht so richtig zum Arbeiten kommt, sehnt man sich nach einer produktiven Arbeitsatmosphäre und einer Communitiy zum Austausch. Das ist der Moment, in dem Menschen gerne das Coworken ausprobieren. Du gehst gefühlt zur Arbeit, wirst Teil eines Netzwerkes, erfährst Unterstützung und bekommst guten Kaffee. Im Vergleich zu einem eigenem Büro spart man mit einem Coworking-Arbeitsplatz dennoch Geld und kann die schon vorhandene Infrastruktur nutzen. Ein Monatspass kostet 300 € netto. Doch schon für 9 € netto kann man einen halben Tag ganz spontan und unverbindlich bei uns arbeiten. Weitere Tarife dazwischen finden sich auf unserer homepage.

JS: Was ist bei Cowoki nachhaltig? Und warum ist Ihnen das wichtig?

Neben der Vereinbarkeit liegen uns die Themen Ergonomie und Nachhaltigkeit sehr am Herzen.
Der gesunde Arbeitsplatz ist nicht mehr wegzudenken und COWOKI kann diesen mit reinstem Gewissen bieten. Unsere ergonomischen Büromöbel werden nachhaltig produziert und haben unser Konzept überzeugend und äußerst attraktiv gemacht. Der gesunde leckere Mittagssnack aus Bio-regionalen Zutaten gehört, dank Melanie von Gersdorff, sowieso schon zum guten Ton.

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Wir vermeiden Müll, indem wir Schraubgläser für „togo" nutzen und verleihen. Außerdem nutzen wir Öko Webhosting und beziehen Ökostrom. Meine Kollegin Julia Arnold setzt sich sehr für mehr Fahrradstellplätze ein und weist gerne auf unsere gute Erreichbarkeit durch öffentliche Verkehrsmittel hin. Unter „wünsch Dir was " träumen wir von einem regionalen Bauernmarkt, aber alles zu seiner Zeit.

JS: Was wünschen Sie sich zum Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf für die Zukunft in Deutschland?

PW: Ich wünsche mir ein breiteres Angebot für Familien, die sich, unserer Zeit entsprechend, eine flexiblere und gleichberechtigtere Arbeitsteilung wünschen. Es geht mir vor allem darum, alle Vorstellungen und Varianten von Familie leben zu können. Doch oft werden diese Entscheidungen nicht wirklich frei gefällt. Stichworte wie Besserverdiener - Teilzeitfalle - Altersarmut - mehr Elternzeit für Väter - gute Kinderbetreuung - besserer Wiedereinstieg für Mütter - mehr Flexibilität - Mobilität -Digitalisierung - treiben uns um.. COWOKI hat sich auf den Weg gemacht und bietet eine von vielen Lösungen und arbeitet zusammen mit anderen Bewegungen, die zu diesen Themen etwas zu sagen haben.

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