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"Ich hab die Schnauze voll davon, Verständnis für besorgte Bürger zu zeigen"

14/03/2016 15:01 CET | Aktualisiert 15/03/2017 10:12 CET
dpa

Andauernd lese ich, dass sie Angst haben. Und dass sie Verständnis brauchen. Wenn man ihnen zuhört und ihre Sorgen ernst nimmt, dann finden sie von ganz allein wieder zurück zu Demokratie und Menschenrechten.

Gemeint sind AfD-Wähler, Pegida-Demonstranten und die ganzen anderen Leute, die auf Facebook ihren Rassismus verbreiten und im realen Leben Flüchtlingsunterkünfte anzünden. Und ja, die hab ich jetzt einfach alle in einen Topf geworfen. Das war Absicht. Ich hab nämlich die Schnauze voll von Verständnis.

Die Sache mit der Toleranz

Eigentlich finde ich Verständnis großartig. Ich möchte in einem bunten Land leben. In einem Land, in dem es egal ist, welche Hautfarbe, Religion oder Sexualität ein Mensch hat. In so einem Land ist das Leben manchmal ein bisschen komplizierter.

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Wenn jeder eine andere Lebensweise und ein anderes Verständnis von der Welt mitbringt, dann sind eben alle ein bisschen gefordert.

Ich habe die Schnauze voll davon, Verständnis für „Besorgte Bürger" und „Patrioten" zu zeigen.

Ein Beispiel: Ich bin vor ein paar Jahren aus der Norddeutschen Provinz in ein Berliner Studentenwohnheim gezogen. Da hab ich ein paar Araber kennen gelernt, mit denen ich öfter Karten gespielt hab.

Da ich der einzige Deutsche war, wurde in der Runde meistens Arabisch gesprochen. Normalerweise war die Stimmung super, aber ich hatte immer wieder das Gefühl, dass sich die anderen plötzlich über irgendwas stritten.

Über was genau hab ich nicht verstanden und das Ganze war auch immer sehr schnell wieder vorbei. Die ersten Male war ich noch höflich, aber als es wieder lauter wurde, musste ich fragen: „Warum streitet ihr euch jetzt miteinander? Erst haben wir hier alle Spaß und plötzlich schreit ihr euch an. Was ist los?" Und plötzlich wurde ich von allen verwundert angestarrt. Es hatte nie einen Streit gegeben.

Seitdem weiß ich, dass Arabisch für meine deutschen Ohren aggressiv klingt. Aber das ist überhaupt nicht schlimm, im Gegenteil. Ich weiß jetzt, dass ich mich auf den ersten Eindruck meiner Ohren nicht verlassen kann.

Es ist nicht immer so, wie es auf den ersten Blick scheint

Wenn ich auf der Straße zwei Araber sehe, deren Gespräch für mich wie ein Streit klingt, dann erinnere ich mich an meine Freunde aus dem Studentenwohnheim und denke, dass der eine dem anderen vielleicht gerade einen Witz erzählt.

Dieser Abend hat mein Leben wirklich bereichert. Ich war erst in einer unangenehmen Situation und nachdem wir alle offen miteinander geredet hatten, habe ich fest gestellt, dass die Situation völlig in Ordnung war.

Das einzige Problem war, dass ich noch nicht gelernt hatte, die Klänge der für mich fremden Sprache mit den passenden Emotionen zu verbinden. Oder einfach gesagt: Alles eine Frage der Perspektive.

Die notwendige Bedingung, die solche Perspektivenwechsel erst möglich macht, ist Verständnis. Je mehr wir uns bewusst machen, dass wir alle Fehler machen und öfters mal keine Ahnung haben, desto mehr können wir voneinander lernen und miteinander wachsen. Das Problem ist, dass Verständnis immer von beiden Seiten kommen muss.

Verständnis beruht auf Gegenseitigkeit

Wenn eine Seite Verständnis zeigt, während die andere Seite aus menschenverachtenden Betonköpfen besteht, dann werden die Verständnisvollen irgendwann niedergemäht. Und genau das ist es, was gerade langsam aber sicher in Deutschland passiert.

Während die gesellschaftliche Mitte versucht, die neuen Rechten wieder zurück zum Pluralismus zu lotsen, werfen diese im Internet mit rassistischen Hetzparolen um sich.

Moderne Nazis die AfD wählen, sagen, dass sie ja eigentlich gar keine Nazis sind, aber dass sie ein paar berechtigte Sorgen hätten und wenn sie alleine sind, schreiben sie auf Facebook widerwärtige Kommentare über Menschen mit anderer Hautfarbe. Und sie scheißen auf demokratischen Diskurs.

Die Suche nach Kompromissen ist für sie ein Zeichen von Schwäche. Und die Ekelhaftesten von ihnen gehen nachts los und zünden Flüchtlingsunterkünfte an.

Nazis ziehen durch die Straßen und Gewalt und Hetze werden wieder Alltag

Das Schlimme ist: Die Ekelhaften werden immer mehr. Und niemand tut etwas dagegen. Ich weiß nicht, ob es möglich ist, so viele Nazis wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Und inzwischen ist es mir auch egal.

Ich hab nämlich langsam das Gefühl, dass sich um mich herum eine Welle des Hasses auftürmt, die das Land, das ich kenne, unter sich begraben könnte. Es herrschen bald Zustände wie in der Weimarer Republik. Nazis ziehen durch die Straßen und Gewalt und Hetze werden wieder Alltag.

Die toleranten und überlegten Leute werden einfach überrannt. Denn während sie noch überlegen, haben die Nazis schon wieder die nächste Scheibe eingeworfen und die nächste Parole gebrüllt.

Aber so weit will ich es dieses Mal nicht kommen lassen. Ich habe inzwischen wirklich Angst. Ich habe Angst vor der Zukunft und Angst vor Deutschland. Ich habe keine Angst vor den Flüchtlingen, die unsere Hilfe brauchen. Ich habe Angst vor all den Nazis, die plötzlich schreiend aus ihren Löchern gekrochen kommen. Und gerade deshalb muss ich den Mund aufmachen.

Als ich als Kind zum ersten Mal vom Nationalsozialismus und dem Holocaust erfahren habe, habe ich mich gefragt, was ich damals getan hätte. Und ich habe gehofft, dass ich mich trotz meiner Angst getraut hätte, den Mund auf zu machen.

Alles eine Frage der Zeit?

Vielleicht haben wir alle Glück und das hier ist nur eine Phase. Wenn wir Pech haben, hat Deutschland in ein paar Jahren wieder eine grausame Diktatur. Ich traue es Frauke Petry nicht zu, der nächste Hitler zu werden. Aber Adolf Hitler hat am Beginn seiner Karriere auch niemand zugetraut, der nächste Hitler zu werden. Ich weiß nur, dass ich jetzt mal was sagen muss.

Also an jeden Nazi: Keine Ahnung, was mit dir los ist. Du tust mir leid und ich finde dich zum Kotzen. Aber ich finde dich mehr zum Kotzen, als dass du mir Leid tust.

An alle Leute, die finden, dass man ja wohl stolz auf sein Land sein muss und dass die ganzen Flüchtlinge bei uns einfach nichts zu suchen haben und dass man sowas doch mal sagen darf und deswegen nicht gleich ein Nazi ist: Ihr seid Nazis.

Und an jeden, der Afd gewählt hat oder bei einer Pegida-Demo war, weil er oder sie sich irgendwie überfordert gefühlt hat und sonst nirgendwo richtig repräsentiert wurde: Du hast in letzter Zeit ein paar extrem dumme Entscheidungen getroffen. Aber das ist in Ordnung. Wir haben alle mal Phasen, in denen wir keine Ahnung haben.

Im Moment hast du den Eindruck, dass um dich herum viele Dinge passieren, die du nicht kontrollieren kannst. Das ist ganz natürlich. Veränderung gehört zum Leben dazu. Bitte geh weg von den Menschen, die schreien müssen, um ihre Meinung zu sagen. Komm zu uns, wir reden drüber. Dann gibt es noch Hoffnung.

Der Autor Janek Babiel ist Komiker in Berlin und ist Moderator seines eigenen Podcast "Auf jeden".

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