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Diese zwei Studenten versuchen einer ganzen Generation, den Weg an die Uni zu ermöglichen

27/03/2017 10:08 CEST | Aktualisiert 27/03/2017 10:08 CEST
hochschulen3.de

Die Studenten Phillip Walz und Kevin Siol sind zwei von über 7.000 Ehrenamtlichen in ganz Deutschland, die sich für mehr Bildungsgerechtigkeit engagieren. Im Januar 2016 belebten sie die Heilbronner Regionalgruppe von arbeiterkind.de wieder neu.

Der Verein ermutigt Schüler aus Familien ohne Hochschulerfahrung, als Erste in ihrer Familie zu studieren. Sie beraten, sie informieren, sie hören zu und sie machen Mut. Jeden dritten Mittwoch bieten Walz, Siol und ihre zwei Mitstreiterinnen einen offenen Treff um 20 Uhr im „Hans im Glück" am Neckarufer an.

In Städten wie Frankfurt und Gießen sind die Stammtische gut frequentiert, in Heilbronn geht es noch mühsam voran. „Man kann arbeiterkind.de in Heilbronn schon mit einem Startup vergleichen. Im Januar haben wir bei null angefangen, ohne Geld, ohne Sponsor, ohne Kontakte", resümiert Walz.

In Deutschland ist der Bildungsaufstieg am schwersten

Mittlerweile waren sie schon an drei Schulen eingeladen, haben auf zwei Messen mit einem eigenen Stand beraten, sind immer per Email erreichbar. Am liebsten aber ist beiden das persönliche Gespräch, in dringenden Fällen auch abends am Telefon.

Anfragen aus der Region werden von der Berliner Arbeiterkind-Hotline in die Regionalgruppen weitergeleitet. Wenn es keine Rolle spielen würde, aus welchem Elternhaus man kommt, dann würde man Arbeiterkind nicht brauchen.

Doch die Realität sieht anders aus. Deutschland gehört zu den Ländern, in denen der Bildungsaufstieg am schwersten ist.

Die 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks belegt: Von 100 Akademikerkindern nehmen 77 ein Studium auf, von 100 Nicht-Akademiker Kindern sind es gerade mal 23, obwohl doppelt so viele Schüler die Hochschulreife erreichen. Nach nur sieben Jahren hat Arbeiterkind ein Netzwerk von 75 Regionalgruppen aufgebaut.

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Das Angebot ist breit gefächert: Arbeiterkind bietet Informationsveranstaltungen, eine Telefon-Hotline, ein Peer-to- Peer-Mentoring, Stammtische, Infostände auf Messen und natürlich die Webseite arbeiterkind.de, mit der alles angefangen hat. Der Erfolg aller Anstrengungen ist bereits wissenschaftlich belegt.

Die Längsschnittstudie des Deutschen Instituts für internationale pädagogische Forschung von 2012 bis 2014 hat gezeigt: Nach den Informationsveranstaltungen von Arbeiterkind entscheiden sich Kinder aus Nichtakademikerfamilien viel häufiger für ein Studium und haben noch ein Jahr nach den Veranstaltungen einen deutlichen Informationsvorsprung. Auch in Heilbronn soll die Herkunft weniger Einfluss auf den Karriereweg haben.

Arbeiterkinder helfen einander

Walz ist selbst Arbeiterkind, er weiß, wovon er spricht. Nach seiner Ausbildung zum Industriekaufmann hat er gemerkt, dass er weiterkommen wollte, studieren wollte. Bei seiner Internetrecherche ist er dann auf "arbeiterkind.de" gestoßen.

Obwohl seine Familie hinter seinem Studienwunsch stand, konnten seine Eltern ihn inhaltlich nicht beraten.

"Arbeiterkind" hat diese Rolle übernommen: „Mein Mentor, ein Professor der HAW Lübeck, ist mit mir alle Möglichkeiten durchgegangen, hat die Studiengänge angeschaut und mir gesagt, dass ich es schaffen kann. Trotz Mathe", erinnert sich Walz. Im Januar 2016 belebte Walz gemeinsam mit seinen Mitstreiterinnen die Gruppe "Arbeiterkind" in Heilbronn neu.

Zu Beginn seines Studiums an der DHBW Heilbronn lernte er Kevin Siol kennen, auch Arbeiterkind, und überzeugte ihn von seiner Idee.

"Dieses Ehrenamt passt einfach gut zu mir. Es ist sinnvoll, ich mag es, mit Menschen zu arbeiten und meine Erfahrungen weiter zu geben", fasst Siol zusammen. Kevin Siol wollte schon immer studieren und fand in seinem Elternhaus uneingeschränkten Rückhalt.

Keine Alternative zur Ausbildung?

Das ist leider nicht oft der Fall. Viele Schüler aus Arbeiterfamilien sehen keine Alternativen zur Ausbildung und übernehmen ungefragt den Plan ihrer Eltern: eine Ausbildung machen und Geld verdienen. Auch Walz sieht das so:

"Geld spielt eine große Rolle. Man kann es spüren, je höher man kommt und je weiter man möchte. Viele Arbeiterkinder fühlen sich verpflichtet, die Familie nach der Schule finanziell zu unterstützen. Oft auch, weil sie es nicht besser wissen."

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Ihre Aufgabe sehen Siol und Walz darin, mit Mythen und Vorurteilen aufzuräumen.

"Hohe Studiengebühren?" - Gibt es nicht.

"Ohne Geld kann ich nicht studieren" - Doch, mit BAföG und Stipendien oder mit einem Dualen Partnerunternehmen an der DHBW.

"Aber ich verliere Geld" - Nein, der Wert am Arbeitsmarkt wird gesteigert.

Trotz materieller und immaterieller Unterstützung ist eins klar: Arbeiterkinder müssen härter arbeiten, um durch das Studium zu kommen. Ihre eigene Motivation entscheidet maßgeblich über ihren Erfolg.

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Für die Zukunft haben Walz und Siol viele Pläne: Zum neuen Studienjahr stellen sie Arbeiterkind bei den Erstsemesterbegrüßungen der Heilbronner Hochschulen vor.

Gemeinsam haben sie mit der DHBW Heilbronn erste Kontakte zur Landesvertretung aufgenommen und wollen vor allem das Duale Studium in Baden-Württemberg als Alternative zur Universität oder HAW noch bekannter machen. Gerade auch, weil dieses Modell die finanziellen Bedenken der Eltern oft entkräftet.

Beide freuen sich über neue Anfragen, aber natürlich auch über neue Hilfe in der Heilbronner Gruppe. Zu erreichen sind sie über heilbronn@arbeiterkind.de. Neben der Hochschule finden sie auch bei ihren Dualen Partnern - IBsolution GmbH und Steuerberatung Koppenhöfer - Unterstützung.

Der Beitrag erschien zuerst auf hochschulenhoch3.de

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