Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Jana Seelig Headshot

Modeblogs haben eine ganze Generation verlorener Mädchen gerettet

Veröffentlicht: Aktualisiert:
FASHION BLOGGER
Westend61 via Getty Images
Drucken

Mein Name ist Jana, ich bin 28 Jahre alt und Modebloggerin von Beruf. Nein, war Modebloggerin, bevor mir ein eigenes Buch dazwischenkam und ich einfach keine Zeit mehr fand, meinen Modeblog zu pflegen und mich auf der Mercedes-Benz Fashion Week Berlin über die neusten Trends zu informieren.

So ein Blog bedeutet nämlich verdammt viel Arbeit, zumindest dann, wenn man ihn gut machen will, ich meine, mit vernünftigen Fotos und Texten, die ein bisschen mehr aussagen als „Kauft diesen Nagellack, denn er ist gut!"

Und seien wir ehrlich: Dem wurde ich schon lang nicht mehr gerecht. Weil mir schlicht und ergreifend die Zeit fehlte. Die Muse. Eine vernünftige Kamera. Und jemand, der mich regelmäßig in meinen Outfits fotografierte, und wenn es nur um ein kurzes „Das bin ich in meiner liebsten Jogginghose"-Portrait ging. Naja, und dann kam mir eben noch dieses Buch dazwischen. „Minusgefühle". Ein Buch über mein Leben mit einer depressiven Erkrankung. „Ein wichtiges Buch", sagt man zu mir, „ein Projekt, das viel mehr Mehrwert schafft als ein Modeblog es jemals könnte."

Ich widmete mich dem Kampf gegen psychische Erkrankungen

Ich gab also den Blog auf und widmete mich einer „Mission", also dem Kampf gegen die Stigmatisierung von psychisch Erkrankten, wobei ich das Wort „Mission" niemals selbst benutzt habe. Es wurde mir so in den Mund gelegt. „Was du jetzt machst, ist wichtig", sagt man zu mir und „Sei froh, dass du die Chance hast, dich jetzt richtigen Dingen widmen zu dürfen, statt nur eine dieser zahlreichen Modebloggerinnen zu sein, die den Mädchen da draußen ein falsches Bild vom Leben vermitteln und die echten Probleme unter den Tisch kehren."

Jeder vernünftige Mensch weiß, dass niemandes Leben so aussieht wie auf den perfekt inszenierten Instagram-Bildern oder lernt eben genau das mit fortschreitendem Alter. Dass auch eine Chiara Ferragni schlechte Tage hat, an denen sie beschissen aussieht, sich die Seele aus dem Leib kotzt und heult, weil in ihrem Leben auch nicht alles richtig läuft.

Nur, weil gewisse Thematiken verschwiegen werden, weil sie beispielsweise nichts auf einem Modeblog zu suchen haben, heißt es nicht, dass sie nicht da sind und man sich damit nicht im Privaten, ganz allein für sich, auseinandersetzt.

Ein Mensch ist mehr als nur ein Blog

Was er nach außen trägt oder nicht, ist immer noch ihm selbst überlassen. Nur, weil jemand nur über Schminke und Klamotten redet, ist er nicht automatisch ein schlechter Mensch, der kein Gespür für „die Realität", „das echte Leben" hat. Genauso wie nicht jeder, der sich mit Aktivismus und großzügigen Spenden brüstet automatisch gut ist und keinen Wert auf sein Äußeres legt.

Es gibt sehr wohl Modeblogs und YouTube-Kanäle, die mehr Inhalte transportieren als „Kauf das, das ist gut!" Und selbst diejenigen, die nichts Anderes tun, als schöne Kleidung und hübsches Make-Up vorzustellen, haben ihre Daseinsberechtigung und vermitteln eine Botschaft. Auch wenn diese vielleicht erst auf den zweiten Blick deutlich wird.

Man braucht sich als junges Mädchen, als Frau, nicht für seine Vorliebe für eben diese Dinge zu schämen. Modeblogs können Inspiration sein. Freizeitbeschäftigung. Ein Ausgleich zu der Welt da draußen, die eben nicht immer so fluffig-pink ist wie die Lidschatten, die man im Internet so präsentiert bekommt.

Und habt ihr eigentlich mal an die ganzen Transfrauen dort draußen nachgedacht? Die, die dank unserer intoleranten Gesellschaft noch immer dazu gezwungen sind, sich über Schminktechniken im Internet zu informieren, statt einfach in die nächste Drogerie zu gehen und sich dort beraten zu lassen?

Oder die Jungs und Männer, die sich für schöne Kleidung und Make-Up interessieren? Sei es, weil sie sich selbst gerne schminken oder einfach auf der Suche nach einem schönen Geschenk für die Freundin, Mutter oder kleine Schwester sind?

Woher wollt ihr denn wissen, dass all diese Dinge, die auf solchen Kanälen vermittelt werden, nicht ihren ganz eigenen und durchaus als wertvoll anzusehenden Teil zum Leben beitragen? Mir ist durchaus bewusst, dass es bei Modeblogs gewisse Sachen gibt, die man kritisch hinterfragen muss. Wie bei allen anderen Themen, die so Tag für Tag durchs Netz gespült werden eben auch.

Aber wann ist es denn okay geworden, speziell jungen Mädchen ein eigenes Denkvermögen abzusprechen? Erinnert ihr euch noch daran, wie das damals war, als eure Eltern alles für euch entschieden, weil sie euch eine eigene Meinung, ein eigenes Denken und eigene Handlungen gar nicht zugetraut haben? Das fanden wir alle scheiße! Und jetzt tun wir, genau hier, im Netz, das Gleiche mit der Generation, die nach uns kommt.

Als ich mit dem Modeblog anfing war ich jung und dumm

Als ich meinen Modeblog gestartet habe, damals im Februar 2008, war ich jung und dumm. Ich konsumierte fast meine komplette Jugend lang, ohne nachzudenken, ohne zu hinterfragen, was ich tat, schminkte mich zu viel, trug wirklich hässliche Klamotten, einfach weil sie „in" waren und fing irgendwann an, das mit dem Netz zu teilen. Aus einer Leidenschaft heraus, die auf dem Dorf, aus dem ich komme, kein anderer mit mir teilte.

Doch irgendwann, ein paar Jahre später, hat es bei mir Klick gemacht und ich habe angefangen, mich ernsthaft mit meinem Konsumverhalten auseinander zu setzen - nicht obwohl, sondern gerade weil ich Modeblogs las und selbst auch einen schrieb. Dazu hat es niemanden gebraucht, der mir gesagt hat, was richtig und was falsch ist. Also niemanden außer mir selbst. Ich musste da erst reinwachsen, ganz für mich allein, musste älter werden und reifer, um gewisse Dinge zu begreifen, wie bei jedem anderen Thema auch.

Ich für meinen Teil war immer froh, dass es so etwas wie Modeblogs gab. Ganz egal, ob dort nur Outfits gezeigt wurden, neue Produkte vorgestellt oder exzellent recherchierte, konsumkritische Texte geschrieben wurden. Es war für mich immer Inspiration und Lehre zugleich - und zwar auf eine Art und Weise, wie es kein Fashion- oder Lifestylemagazin jemals geschafft hat.

Durch meinen eigenen Blog lernte ich, meine Meinung zu formulieren - eine Sache, die beispielsweise in der Schule viel zu oft zu kurz kommt. Ich lernte fotografieren und entdeckte so ein neues Hobby, das ich auch heute noch, wo ich selbst nicht mehr blogge, so gut wie oft zu pflegen versuche.

Lasst die jungen Leute einfach machen

Ich begriff, was Kritik eigentlich bedeutet und wie man am besten damit umgeht und sie annimmt. Ich hab mich selbst mit, aber auch durch den Blog ein großes Stückchen weiter entwickelt. In eine Richtung, die ich für mich eigentlich ziemlich gut finde.

Modebloggerin zu sein oder Modeblogs zu lesen hat mir ernsthaft nie geschadet - also lasst die jungen Leute da draußen einfach machen und sich für Kleidung und Make-Up interessieren, lasst sie YouTube-Videos gucken, lasst sie die falsche Schminke kaufen, ihre eigenen Blogs starten und vielleicht sogar ihr Geld damit verdienen.

Das ist nämlich alles gar nicht so schlecht, wie ihr immer glaubt. Und außerdem: Wenn ihr Modeblogs oder Beauty-Channel auf YouTube für das größte Problem haltet und ihren „Mehrwert" bemängelt, habt ihr euch in eurer viel zitierten „echten Welt" noch nicht richtig umgesehen. Aber das nur am Rande.

Hier könnt ihr Janas Buch kaufen.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Diese Mädchen tun etwas, was viele tun - Sekunden später sterben sie

Lesenswert: