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Erwachsensein ist genauso schlimm, wie ich immer befürchtet hatte

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HULA HOOP
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Es gibt Tage, an denen ich tierisch erwachsen bin und voller Stolz Erwachsenendinge tue. Wie zum Beispiel Steuern machen, Rechnungen pünktlich überweisen oder nachts noch Kaffee trinken.

Danach klopfe ich mir jedes Mal auf die Schulter und lobe mich selbst dafür, dass ich so eine anständige, verantwortungsvolle Erwachsene geworden bin, die ihr Leben voll im Griff hat.

Ich mache das nicht, weil ich erwachsen bin, sondern weil ich mir selbst beweisen will, dass ich erwachsen sein kann, wenn ich es muss. Das ist natürlich völliger Unfug, denn trotz meiner 28 Jahre kann ich - vom nächtlichen Kaffee trinken, das ich in der gleichen Regelmäßigkeit betreibe, in der die SPD ihre Wahlversprechen bricht, mal abgesehen - nichts davon. Auch nicht, wenn ich muss.

Mein Verständnis fürs Erwachsenenleben hört spätestens da auf, wo es nicht mehr reicht, zerknüllte Quittungen in der Handtasche aufzubewahren oder die Post, die man mühevoll aus dem Briefkasten geholt hat, auch zu öffnen. Das ist scheiße, das will ich nicht - und was ich nicht will, das kann ich auch nicht.

"Es gibt Tage, an denen ich tierisch erwachsen bin und voller Stolz Erwachsenendinge tue. Dann merke ich, dass ich sie nicht kann, weil ich nicht will."

Das war schon im Kindergarten so, wenn es darum ging, irgendwelche doofen Herzen aus Papier auszuschneiden und zog sich hin bis zu meiner Abiturprüfung in Wirtschaftslehre. In beiden Fällen habe ich ein unbearbeitetes Blatt Papier mit den Worten „Kann ich nicht" zurückgehen lassen, denn ich konnte es ja wirklich nicht. Weil ich nicht wollte.

Dass ich sowohl den Kindergarten meisterte, als auch die Abiturprüfung bestand, bestärkte mich in meiner Ansicht, dass man auch so durchs Leben kommt. Schließlich sind da ja noch andere Qualitäten, auf die man setzen kann.

Ausschneiden und das Errechnen des Break-Even-Points gehören halt einfach nicht zu meinen. Dafür kann ich tolle Sandburgen bauen und weiß, wie man ein Unternehmen nicht führen sollte (nämlich so, wie ich es führen würde).

Als ich in den Kindergarten kam, erzählte man mir, dass das nun der erste große Schritt ins Erwachsenenleben sei. Das Gleiche passierte, als ich zuerst in die Grundschule und dann aufs Gymnasium wechselte, als ich meinen ersten Pickel bekam, das erste Mal Liebeskummer hatte, zum ersten Mal legal Alkohol trinken durfte und dann nochmal, als ich mein Abitur in der Tasche hatte und meine erste eigene Wohnung bezog.

"Mir war als kleines Kind schon klar, dass ich später mal am Peter-Pan-Syndrom erkranken würde."

Jeder Schritt, den ich tat, war ein Schritt ins Erwachsenenleben hinein, für den ich gelobt, ja regelrecht mit Zeugnissen belohnt wurde - nur dass mich niemand gefragt hat, ob ich das eigentlich will. Das Ding ist: Ich hab's nie gewollt, und was ich nicht will, das kann ich nicht. Ich bin einer von diesen Menschen, die noch nie erwachsen sein wollten. Volljährig? Ja, aber bloß nicht erwachsen.

Ich fand erwachsen sein schon immer doof und jetzt, wo ich es bin - oder zumindest sein sollte - kann ich bestätigen, dass es genau so schlimm ist, wie ich immer befürchtet hatte. Mir war als kleines Kind schon klar, dass ich später mal am Peter-Pan-Syndrom erkranken würde - nur, dass ich damals nicht wusste, dass das wirklich eine Krankheit ist, die fast nichts mit dem zu tun hat, was ich mir darunter vorgestellt hatte.

Ich ging einfach davon aus, dass ich auch als Erwachsene noch gerne die Wendy lesen, LEGO spielen und Telefonstreiche bei ahnungslosen Opfern machen würde - und bis auf das Lesen der Wendy tue ich das tatsächlich noch sehr gern.

Für eine 28-Jährige, die bereits seit ihrem dritten Lebensjahr darauf getrimmt wird, erwachsen zu werden, gehört sich sowas eigentlich nicht - dabei weiß ich noch nicht mal ganz genau, was "erwachsen sein" eigentlich heißt und woran man misst, ob und wie erwachsen man ist. In LEGO-Steinen jedenfalls nicht.

Es gibt Tage, an denen ich tierisch erwachsen bin und voller Stolz Erwachsenendinge tue. Dann merke ich, dass ich sie nicht kann, weil ich nicht will, obwohl ich muss und stelle mir vor, was ein richtiger Erwachsener an meiner Stelle tun würde.

Vermutlich würde er die Quittungen, die er selbstverständlich nie so lose in die Handtasche wirft, abheften, seine Post öffnen, die Rechnungen sortieren und nach einer bestimmten Abfolge, die einem komplett logischen System folgt, überweisen, statt sie einfach in eine überquellende Schublade zu werfen und darauf zu hoffen, dass sie zu Staub zerfallen.

"Es ist total okay, wenn man einige Erwachsenendinge nicht beherrscht und stattdessen lieber LEGO spielt und Telefonstreiche macht."

Erwachsene benutzen bestimmt auch Teller, wenn sie essen und schmieren sich ihr Brot nicht direkt in der Hand. Sie werfen ihren Müll nicht einfach auf den Zimmerboden und stolpern maximal über LEGO, wenn ihre eigenen Kinder gerade damit spielen.

Ich bewundere diese Menschen sehr, und zeitgleich will ich nicht sein wie sie. Weil ich dieses ewige, trotzige Kind in mir mag. Also das, das nie erwachsen werden will und auch alles versucht, um genau das zu vermeiden.

Auf eine gewisse Art und Weise bin ich wohl erwachsen geworden. Ich verdiene zumindest mein eigenes Geld (auch das, so hat man mir erzählt, ist ein wichtiger Teil im Prozess des Erwachsenwerdens) und habe mein Leben okay-gut im Griff - nicht zuletzt, weil ich endlich erwachsen genug bin, um einfach jemanden anzurufen, der meine Steuern für mich macht oder mir den Break-Even-Point zu ermitteln.

Dafür kann man sich auch schon auf die Schulter klopfen und sich selbst loben, dass man so eine anständige, verantwortungsvolle Erwachsene geworden ist, die ihr Leben voll im Griff hat, weil sie weiß, wann sie die Verantwortung mal abgeben darf, damit mehr Zeit fürs Kind sein bleibt.

Für mich ist das so ein kleiner Beweis dafür, dass man gar nicht so erwachsen werden muss, wie immer alle tun, und dass es total okay ist, wenn man einige Erwachsenendinge nicht beherrscht und stattdessen lieber LEGO spielt und Telefonstreiche macht.

Und, dass man auch darauf stolz sein darf, dass man das Kind in sich behalten hat, obwohl es von Anfang an darauf getrimmt wurde, so schnell wie möglich erwachsen zu werden. Die meisten finden das Erwachsenwerden doch eh nur so lange erstrebenswert, bis sie es wirklich sind - oder?

Jana Seelig ist Bloggerin und Autorin des Buchs „Minusgefühle".

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