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"Harry Potter und das verwunschene Kind" ist ein Verrat an einer ganzen Generation

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Simon Winnall via Getty Images
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Es gibt wohl kein Werk, das meine Kindheit und Jugend so geprägt hat wie "Harry Potter". Als Harry lernte, dass er ein Zauberer ist und ab sofort die Hogwarts-Schule für Zauberei und Hexerei besuchen würde, war er genauso alt wie ich, als ich das erste Mal einer des Bücher von Joanne K. Rowling in den Händen hielt - nämlich 11.

Nachdem die Enttäuschung, dass ich fälschlicherweise keinen Brief von Hogwarts bekommen hatte und ein langweiliges Leben als Muggel führen musste, erst einmal vorüber war, gab es für mich kein Halten mehr.

Ich ging zu Mitternachtslesungen, schwänzte die Schule, wenn ein neues Buch erschien, weil ich mich einfach nicht von der Lektüre losreißen konnte, sah alle Filme am Premierentag und wurde das, was man einen "echten Fan" nennt, inklusive Zauberstab und Slytherin-Uniform.

Dass Joanne K. Rowling im Verlauf der sieben Bücher all meine Lieblingscharaktere getötet hat, habe ich ihr mittlerweile fast verziehen, auch wenn mich insbesondere das unvorhergesehene Ableben von Sirius Black damals in eine mehrere Tage andauernde depressive Episode riss.

Sie hat einige Charaktere auf dem Gewissen

Mit "Harry Potter und das verwunschene Kind" hat die Britin nun aber den Vogel abgeschossen - und mehr als nur ein paar Charaktere auf dem Gewissen.

Der Veröffentlichung des 8. Bandes habe ich - genau wie Millionen anderer Fans - über ein Jahr lang entgegengefiebert. Punkt Mitternacht am 31. Juli war es dann soweit und natürlich begann ich sofort mit dem Lesen. Die erste Enttäuschung machte sich schon nach wenigen Sätzen breit.

Es ist eben ein Skript und kein Roman, und alleine dadurch sehr viel anders als das, was man von Harry Potter und Joanne K. Rowling so gewohnt ist. Holprig, irgendwie, und dadurch anstrengend zu lesen.

Zur Seite legen wollte ich das Buch dennoch nicht, schließlich wollte ich unbedingt wissen, wie es Harry, Ron und Hermine nach dem Sieg über Lord Voldemort erging.

Im Nachhinein kann ich nur sagen: Ich wünschte, ich hätte "Harry Potter und das verwunschene Kind" nicht einmal angefasst. Ich wünschte, es würde nicht existieren. Ich wünschte, die Reihe hätte mit dem Satz "alles war gut" einfach geendet, denn was danach kam, war alles andere als gut. Und zwar auf allen Ebenen.

Dieser Teil enthält Spoiler zu „Harry Potter und das verwunschene Kind".

Der achte Teil der Reihe beginnt da, wo der siebte Band geendet hat, nämlich 19 Jahre nach der großen Schlacht von Hogwarts und dem Sieg über Lord Voldemort.

Harrys Sohn Albus Severus Potter kommt als Erstklässler in die Schule, die zuvor auch sein Vater besuchte und wird dem Hause Slytherin zugeteilt.

Soweit, so gut, schließlich hatte der Sprechende Hut schon bei Harry selbst mit dem Gedanken gespielt, diesen nach Slytherin statt nach Gryffindor zu schicken. Albus' bester und einziger Freund wird Scorpius - der Sohn von Harrys erklärtem Erzfeind Draco Malfoy.

Dieser entpuppt sich schnell als Sympathieträger des neuen Bandes, während Albus Severus sich als hochnäsiges Arschloch entpuppt und diesen Charakterzug gerne mit der Berühmtheit seines Vaters rechtfertigt. Zwischen den beiden jungen Zauberschülern entsteht eine unübersehbar sexuelle Spannung.

Die Chance, homosexuelle Charaktere in ihr Jugendbuch einzubauen, bleibt ungenutzt

Mehr als einmal wird eine potenzielle Liebesbeziehung zwischen Albus und Scorpius angedeutet - was sich für den Leser am Ende doch nur als Trugschluss herausstellt, denn natürlich sind die beiden, wie alle anderen Protagonisten in Harry Potter, heterosexuell.

Die Chance, offen homosexuelle Charaktere in eine der wichtigsten Jugendbuchreihen unserer Zeit einzubauen, die natürlich auch von queeren Menschen gelesen und gefeiert wird, wurde von Joanne K. Rowling komplett ungenutzt gelassen.

Dass laut ihrer eigenen Aussage Albus Dumbledore schwul gewesen sein könnte, tröstet kein Stück über diese Tatsache hinweg.
Auch Feminismus scheint die Autorin, die mit Hermine Granger eine Identifikationsfigur für Millionen junger Mädchen geschaffen hat, dann doch nicht ganz verstanden zu haben.

Durch ein paar ungeschickte Eingriffe in die Vergangenheit mithilfe eines Zeitumkehrers, verändern Scorpius und Albus Severus die Zukunft so, dass Ron und Hermine kein Paar werden.

Ein Schlag ins Gesicht aller Frauen dieser Welt

Während Ron eine andere Frau kennenlernt und heiratet, wird aus Hermine eine unverheiratete Lehrerin, die selbst die verhasste Dolores Umbridge an Grausamkeit noch toppt. Und das alles nur, weil sie keinen Mann an ihrer Seite hat.

Das hat nicht nur mit dem Charakter der Hermine, wie wir sie aus den ersten sieben Büchern kennen, ziemlich wenig zu tun, sondern ist gleichzeitig auch ein Schlag ins Gesicht aller Frauen dieser Welt, denn es impliziert, dass Hermine, die schlauste Hexe von allen, ohne Ron niemals einen hohen Posten im Zaubereiministerium bekommen hätte - und hält damit auch an dem Bild fest, dass Frauen, die keinen Partner haben, prinzipiell frustriert sind und keine Aussicht auf eine vielversprechende Karriere haben. Und das ist nun wirklich vollkommener Quatsch.

Dass Lord Voldemort, der zeitweise nicht mal einen eigenen Körper besaß und seine Seele in acht Teile gespalten hat, Lord Voldemort, an dem de facto überhaupt nichts menschlich war, dann auch noch irgendwo zwischen Buch 6 und 7 der Originalreihe mit Bellatrix Lestrange ein Kind gezeugt haben soll, das die dunkle Seite mithilfe des jungen Potters wieder auferstehen lassen will, ist einfach nur ein schlechter Scherz.

Ein Verrat an einer ganzen Generation

Insgesamt hat sich Joanne K. Rowling mit dem inhaltlich komplett vorhersehbaren Werk, das von vorne bis hinten keinen Sinn ergibt und den anderen sieben Bänden mehr als einmal widerspricht, keinen Gefallen getan.

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Die Welt, die sie zuvor in sieben Büchern aufgebaut hat, die Welt, die Teenagern und jungen Erwachsenen auf dem ganzen Globus über Jahre hinweg Halt gegeben hat, hat sie auf nur 300 Seiten komplett zerstört.

Vielleicht ist sie jetzt um ein paar Millionen reicher - doch hoffentlich um mindestens genauso viele Fans ärmer. "Harry Potter und das verwunschene Kind" ist ein Verrat an einer ganzen Generation. Ein Verbrechen, für das sie meiner Meinung nach lebenslänglich in Askaban landen sollte.

Jana Seelig ist Autorin des Buchs "Minusgefühle". Hier könnt ihr das Buch kaufen.

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