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Wir sind die Generation der Verlierer und Versager

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PhotoAlto/Laurence Mouton via Getty Images
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Ich muss mit euch ├╝ber unsere Generation reden. Ich wei├č, das Wort Generation ist ausgelutscht und an dieser Stelle auch nicht so ganz richtig, so wie es eigentlich nie richtig benutzt wird, aber mir f├Ąllt kein besseres Wort daf├╝r ein, also spreche ich jetzt von der Generation.

Unserer Generation, um genau zu sein. Wir sind die Generation des Vergleichens und Verglichenwerdens. Vermutlich sind das alle Generationen irgendwie, doch bei unserer ist es besonders krass.

Wir sind mit Vergleichen aufgewachsen. Oder besser: dem verglichen werden. Schon in der Grundschule wurden wir an anderen gemessen. Wir haben das nicht selbst gemacht, zumindest nicht bewusst, glaube ich, aber unsere Eltern hatten immer ein Auge darauf, dass wir besser sind als alle anderen. Nicht einfach gut, nein, wir mussten besser sein.

Von fr├╝hester Kindheit an wurde uns eingetrichtert, dass nur die Besten zu etwas werden, auch wenn man uns nie gesagt hat, zu was genau man eigentlich werden kann, wenn man gro├č wird. Man hat uns nur gesagt, dass wir was werden m├╝ssen, und dass wir daf├╝r eben die Besten sein m├╝ssen.

Das Vergleichen ging weiter

Sobald wir aus der Schule nach Hause kamen, ging das Vergleichen weiter. Wer hat das gr├Â├čte Haus in der Nachbarschaft? Wer den sch├Ânsten Garten? Wer verdient das meiste Geld? Wessen K├╝he geben die meiste Milch? Wer f├Ąhrt das dickste Auto? Und wer hat nichts davon und ist ein gro├čer Loser?

Wir kamen um die Vergleiche nicht herum, und irgendwann fingen wir an, unsere Leistungen selbst mit denen anderer zu vergleichen. Das fing ganz harmlos an mit der Frage, wer in der Mathematik-Klausur die wenigsten Fehler gemacht hat, ging weiter damit, wer die sch├Ânsten (und irgendwann auch die teuersten) Schuhe hat und f├╝hrte ├╝ber den Kampf, als erstes die Person zu sein, die Sex hat hin zu Wettbewerben, in denen es darum ging, mehr Alkohol zu konsumieren als alle anderen.

All das waren schwachsinnige K├Ąmpfe; Vergleiche, die niemanden von uns so richtig weiter brachten und trotzdem angestellt werden mussten. Weil wir es so gelernt hatten.

Denn: Wer damit aufw├Ąchst, sich st├Ąndig vergleichen lassen zu m├╝ssen oder andere beim Vergleichen beobachtet, f├Ąngt selbst irgendwann an, das zu tun. Und da wir zu jung waren, um unsere H├Ąuser, Autos oder Geh├Ąlter miteinander zu vergleichen, taten wir das eben mit anderen Dingen.

Der Beste zu sein f├╝hlte sich immer gut an

Auch wenn vieles davon aus heutiger Sicht wirklich schei├če und keinesfalls erstrebenswert war: Der oder die Beste zu sein f├╝hlte sich immer gut an.

Egal, ob man in der Mathematik-Klausur die wenigsten Fehler gemacht oder alle anderen unter den Tisch gesoffen hatte. Wir hatten etwas, auf das wir stolz sein konnten, so wie unsere Eltern stolz auf die Dinge waren, die sie ihren Nachbarn, Freunden und Angeh├Ârigen voraus hatten.

Manchmal ging es darum, wer eine bestimmte Band zuerst kannte, also damals schon, als sie noch keiner kannte und sie Konzerte vor f├╝nf Leuten gespielt haben, ohne Plattenvertrag, nur mit selbstgebrannten CDs im Koffer.

Ein anderes Mal wurde verglichen, wer die d├╝nnsten Beine hatte, die l├Ąngsten Haare, den sch├Ânsten Mund. Alles musste h├Âher, schneller, weiter sein. Alles wurde zum Wettkampf. Einem Wettkampf, der nie aufh├Ârte, nicht einmal dann, als wir endlich gro├č waren. Gro├č und die Besten, zumindest in irgendwas die Besten.

Mittlerweile sind wir erwachsen geworden oder sollten es zumindest sein. In irgendetwas waren wir die Besten, und wenn unsere Eltern Recht hatten damals, so sollten wir alle jetzt irgendwas geworden sein. Ich meine, etwas abseits von erwachsen.

Wir vergleichen alles: Studium, Job, Beziehung, Follower

Doch wie stellt man eigentlich fest, ob man etwas geworden ist? Richtig: Man vergleicht sich mit den anderen. Vergleicht Studienabschl├╝sse und Jobs, Geh├Ąlter und Wohnungen, Facebook-Likes und Follower auf Twitter, man vergleicht Beziehungen, die Anzahl der Kinder, die aus diesen hervorgegangen ist oder wie pomp├Âs eine Hochzeit war und schaut, wo im Leben man besser abschneidet als andere.

Und dann kommt man eigentlich immer zu dem Schluss, dass man geiler ist als alle anderen. Dass man besser abgeschnitten hat. Und das aber auch nur, weil man sich in den Dingen mit anderen misst, von denen man wei├č, dass man gut ist.

Ich wei├č, dass ich in meinem Job erfolgreicher bin als viele meiner Freunde und das l├Âst in mir ein gutes Gef├╝hl aus. Ein Gef├╝hl von "ich hab den anderen etwas voraus".

Dass das lediglich daran liegt, dass die meisten meiner Freunde noch studieren, blende ich dabei ganz geschickt aus. Wenn ich mich vergleiche, will ich mich schlie├člich gut dabei f├╝hlen und nicht etwa daran denken, dass ich mein Studium abgebrochen habe und nur deshalb im Gegensatz zu ihnen jetzt schon einen Job habe, in dem ich ├╝berhaupt so etwas wie erfolgreich sein kann.

Es war doch schon immer so, dass die Sachen, in denen man schlecht war, unter den Teppich gekehrt wurden. Meine Eltern sprachen mit den Eltern meiner Klassenkameraden nie dar├╝ber, dass ich der totale Oberloser in Chemie war, sondern nur dar├╝ber, dass ich unschlagbar gut in Deutsch war.

Sie erw├Ąhnten auch nie den morschen Zaun unseres Gartens, der das ganze Grundst├╝ck total heruntergekommen aussehen lie├č, sondern nur die prachtvollen Tomaten, die darin wuchsen.

Und so, wie ich das Vergleichen von ihnen ├╝bernommen habe, habe ich eben auch ├╝bernommen, mich nur in den Sachen zu vergleichen, in denen ich wirklich gut bin. Also messbar gut und nicht nur "ich pers├Ânlich empfinde das als gut"-gut.

Ich bin in so vielen Bereichen ein absoluter Loser.

M├╝sste ich mich mit den Sachen auseinandersetzen, die ich nicht kann, w├╝rde ich vermutlich irgendwann verzweifeln. Dann fiele mir n├Ąmlich auf, dass ich im Gegensatz zu vielen anderen Menschen in meinem Alter nicht in der Lage bin, eine Beziehung zu f├╝hren, die l├Ąnger als sechs Monate geht.

Dass ich zwar genug Geld habe, um ein Kind zu versorgen, es aber trotzdem niemals schaffen w├╝rde, weil dazu so viel mehr geh├Ârt als nur finanzielle Sicherheit.

Mir fiel auf, dass ich in so vielen Bereichen ein absoluter Loser bin, schon immer ein Loser war und vermutlich immer ein Loser sein werde, dass ich daran zu Grunde gehen w├╝rde. Einfach, weil von mir erwartet wird, in allen Vergleichen als Beste abzuschneiden, dabei hab ich da ├╝berhaupt keinen Bock drauf.

Man kann nicht in allen Dingen gut sein und schon gar nicht besser als alle anderen, und je l├Ąnger ich ├╝ber all diese Dinge nachdenke, desto mehr f├Ąllt mir auf, dass es gar nicht darauf ankommt, der oder die Beste zu sein, sondern darum, mit dem gl├╝cklich zu sein, was man ist. Auch wenn das bedeutet, dass wir alle irgendwo Versager sind.

Mehr von Jana Seelig k├Ânnt ihr auf ihrer Website nachlesen.

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