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Das Gefühl der Gefühllosigkeit

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"Wie fühlt sich eine Depression eigentlich an?" Es ist das gefühlt einhundertste Mal, dass mir ein Reporter diese Frage stellt, und auch das einhundertste Mal, dass ich sie nicht befriedigend beantworten kann.

Was ist schon eine Depression? Befragt man Google, so erhält man als Antwort: "negative Gedanken, Konzentrationsstörungen und Entscheidungsschwierigkeiten, Erschöpfung, Rastlosigkeit, innere Unruhe, Schlaf-, Ernährungs- und Sexualprobleme, Traurigkeit, Verzweiflung, Resignation, Freudlosigkeit, Lustlosigkeit, Interessenlosigkeit, Gefühllosigkeit, innere Leere, Gleichgültigkeit, Schuldgefühle, Minderwertigkeitskomplexe, Hoffnungslosigkeit, Ausweglosigkeit, Vereinsamung, Angstzustände und Ängste" sowie eine Liste körperlicher und psychosomatischer Beschwerden.

Diese Gefühle kennt so ziemlich jeder. Auch ich hab solche Beschwerden oft, wenn ich gerade keine depressive Episode habe. Eine Depression ist mehr als das. Vor allem aber eine Wechselwirkung all dieser Komponenten.

Wenn ich deprimiert bin, fühle ich mich erschöpft, unruhig, rastlos, traurig und auch irgendwie hoffnungslos.

Wenn ich depressiv bin, fühle ich nichts davon. Wenn ich depressiv bin, und nicht bloß einfach deprimiert - und diese zwei Worte werden im allgemeinen Sprachgebrauch einfach viel zu häufig gleichgesetzt -, existiert da nichts außer einem schwarzen Loch, in dem ich sitze, das ich aber noch nicht einmal so richtig wahrnehmen kann, weil es mehr ein Nichts ist als ein schwarzes Loch.

Eine unendliche Geschichte

Früher habe ich mir das Nichts aus Michael Endes "Unendlicher Geschichte" auch immer als großes, schwarzes Loch vorgestellt. Heute weiß ich, dass das Nichts viel schlimmer ist als das. In einem Loch, da sind ja wenigstens noch Wände um dich rum, die dich auf irgendeine Art beschützen - doch an den Stellen, wo das Nichts ist, gibt es auch nichts, das dich beschützt.

Wer nur in ein tiefes, schwarzes Loch gefallen ist, aus dem er nicht herauszukommen glaubt, kann sich also irgendwie noch "glücklich" schätzen. Wer die "Unendliche Geschichte" gelesen hat, weiß, dass das Nichts nicht mal ein Loch zurücklässt. Von einem "schwarzen Loch" kann man bei einer Depression also nur dann reden, wenn man das astronomische schwarze Loch meint. Zu viel Masse auf zu kleinem Raum. Zu viele Gedanken in einem zu kleinen Gehirn.

Wahrscheinlich äußern sich Depressionen am ehesten in ausbleibenden Taten - also im Nichtstun.

"Man sagt ja immer, schwere Depressionen seien wie ein Schlaganfall der Seele", unterbricht der Reporter meine Gedanken. "Wie würden Sie das beschreiben?"

"Können wir bitte endlich aufhören, unsere Krankheiten zu vergleichen?"

Keine Ahnung, woher soll ich denn wissen, wie sich ein Schlaganfall anfühlt? Und können wir bitte, bitte endlich aufhören, Krankheiten miteinander zu vergleichen? Ein Schlaganfall ist ein Schlaganfall. Eine Depression ist eine Depression. Eine Person, die niemals einen Schlaganfall hatte, kann nicht nachvollziehen, wie sich so etwas anfühlt.

Mit der Depression ist das genauso. Erst wenn man sie einmal erlebt hat, versteht man, was ein Depressiver eigentlich meint, wenn er von seinen Gefühlen - oder auch seinen Nicht-Gefühlen - erzählt. Und außerdem glaub ich gar nicht an die Seele, von daher kann mit ihr auch gar nichts falsch sein. Alltagspsychologie, my ass. Das Problem sitzt ganz eindeutig in meinem Gehirn, checkt ihr das denn alle nicht?

Mein Mitbewohner sagt immer, ich solle aufhören, Depressionen erklären zu wollen. Insbesondere den Menschen, die nicht wüssten, was man dabei wirklich fühle. Einmal saßen Max und ich gemeinsam in der Küche und versuchten, uns gegenseitig unsere Gefühle während einer Depression zu beschreiben - wir scheiterten kläglich. Selbst ein Depressiver kann einem Depressiven nicht verständlich machen, was er gerade spürt.

Es ist nicht beschreibbar

"Erzählen Sie doch einfach mal, was Sie im Allgemeinen fühlen." Der Reporter gibt nicht auf, ist auf der Suche nach einer Antwort, die er in seinen Artikel schreiben kann. Eigentlich ja ganz schön, dass er versuchen will, Menschen, die nicht an einer Depression leiden, zu vermitteln, was ein Depressiver fühlt. Doch es ist einfach nicht beschreibbar.

"Einfach mal" erzählen, wie es einem so geht, das fällt ja schon gesunden Menschen ziemlich schwer. Auf die Frage "Wie geht es dir?" antwortet man eigentlich immer mit "gut", auch wenn das gar nicht stimmt. Sobald aber jemand anfängt, auf die Frage ehrlich zu antworten, schaltet das Gegenüber oft ganz schnell ab. Es geht meistens mehr um eine Art Small Talk, ein wenig geheucheltes Interesse, sonst nichts. Gefühle zeigen ist nicht leicht. Gefühle in Worte fassen noch viel schwerer. Und Nicht-Gefühle zu beschreiben ist wohl das Schwerste von allem.

Ich habe aufgehört, die Frage "Wie geht es dir?" zu beantworten, wenn ich merke, dass mein Gegenüber nicht auf eine ernst gemeinte Antwort aus ist. Ich hab allerdings auch aufgehört, sämtliche Gebrechen, die man als Depressiver so hat, aufzuzählen. "Scheiße" muss als Antwort reichen. Und mit "scheiße" kann eigentlich jeder etwas anfangen, weil es jedem schon mal scheiße ging.

Natürlich ist eine echte Depression "nicht einfach nur scheiße", sondern noch viel mehr als das, aber wie soll ich dem Reporter das so erklären, dass er mich versteht? Das kann ich nicht. Ich kann nur sagen, wann sie da ist und wann nicht.

"Wenn die Depression ein Lied wäre, dann wäre das ›Black Orchid‹ von Blue October", antworte ich dem Reporter und kritzle eine große schwarze Wolke auf den vor mir liegenden Notizblock.

Dieser Beitrag ist ein Auszug auf dem Buch "Minusgefühle".

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