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Christliche Werte und christliche Normen: Zwei Paar Schuhe

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PRIEST
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Normen, die nur für Christen gelten können, wurden in Teilen für die Ablehnung der Homoehe bemüht. Daran ist vieles falsch. Ein Plädoyer für klarere Definitionen.

Als letzte Woche, ohne jede Vorwarnung, von der SPD der Koalitionsfrieden aufgekündigt wurde, um die Öffnung die Ehe für homosexuelle Paare in einem noch nie da gewesenen Hau-Ruck-Verfahren mit Gewalt durch den Bundestag zu drücken, passierte, was bei wichtigen gesellschaftlichen Entscheidungen häufig passiert: es gab ein all zu verständliches Besinnen auf vermeintlich christliche Werte.

Denn dort, wo seine rationalen Argumente ein Ende finden, Fragen von so großer Natur sind, dass sie durch alltäglichen Interessenausgleich nicht beantwortet werden können, verschränkt so mancher Abgeordnete verständlicher Weise die Arme und verweist auf seine christliche Überzeugung und zuweilen auch gar auf das Alte Testament.

Diese Methode hat auch einen Vorteil: wer ihm widerspricht, ignoriert seine individuelle Freiheit, seine Entscheidungen mit seinem zuweilen religionsbegründetem Gewissen zu prüfen: Diskussion beendet.

Ich oute mich gern als jemand, der die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare immer befürwortet hat. Denn wenngleich sie für mein Leben keine absehbare Bedeutung hat, ist mir bewusst, dass es viele Menschen gibt, für die sie einen hohen persönlichen Stellenwert hat.

Doch auch wenn meine Meinung zur Öffnung stets sehr klar war, kann ich viele Argumente der „Nein"-Sager nachvollziehen.

Sei es die Frage des Kindeswohls, seien es rechtliche Bedenken oder sei es die vollkommen nachvollziehbare Ablehnung der Art und Weise, mit der die SPD sich dieses Gesetz, mit Schützenhilfe der Opposition, herbeigewurschtelt hat - all das sind legitime Gründe.

Manche halten einer Überprüfung wohl nur wenig, andere wiederum gar nicht stand - doch dies ist eher eine politische, als eine (theo-)logische Frage. Ich halte wenig davon, Kritiker als Wer diese Bedenken äußert, ist gewiss nicht „ewig gestrig" oder gar „homophob" abzustempeln und wer meint, mit solchen Diffamierungen um sich schmeißt, hat den Meinungspluralismus unserer pluralistischen Gesellschaft unter Umständen nicht ganz verstanden.

Es gibt nur ein Argument, das ich nicht in Gänze verstehe: Die Ehe von Frau und Mann sei ein christlicher Wert und christliche Werte müssen verteidigt werden.

Letzteres ist gewiss über jeden Zweifel erhaben, denn christliche Werte, auf denen unsere Gesellschaft basiert und die meiner Partei ihren Namen verleihen, bieten Antworten für eine Vielzahl von Problemen, sind ewig geltend und oft auch all zu weltlich.

Sie anzuzweifeln oder sie zu missachten führt in unserer Gesellschaft immer zu logisch begründbaren Ablehnungsprozessen. Doch stellt sich mir die Frage, ob die heterosexuelle Ehe solch ein Wert sein kann.

Christliche Werte sind etwas anderes als christliche Normen.

Den Schwachen zu helfen und diese Hilfe als Sinn an sich anzuerkennen oder den Wunsch, dass wir uns einander kein Leid zufügen, dies ist universell, weil letztendlich unabhängig jeder religiösen Überzeugung.

Auch betrifft die Orientierung an solchen Werten uns alle, denn es kann jedem Einzelnen von uns passieren, dass wir eines Tages zu schwach werden um selbständig Leben zu können und uns geholfen werden muss.

Jede selbstlose Hilfe ist uns dann nur all zu willkommen. Doch wie verhält es sich im Vergleich hierzu mit der Homoehe? Hat die nun leicht veränderte Möglichkeit als homosexuelles Paar zu heiraten, anstatt eine Lebenspartnerschaft zu begründen, eine solche, Lebensverändernde Einwirkung auf unsere gesamte Gesellschaft wie es der Wegfall der Nächstenliebe hätte?

Ich möchte das Gebot der heterosexuellen Ehe gerne als christliche Norm bezeichnen. Vergleichbar mit dem Verbot außerehelichen Geschlechtsverkehrs oder dem Gebot am Sonntag alle Arbeit ruhen lassen zu dürfen, um in der Kirche den Gottesdienst zu feiern; doch nicht als christlichen Wert.

Christliche Normen sind nämlich keineswegs universell. Es gab und gibt Religionen, die sexuelle Freizügigkeit propagieren und die Frage, ob nun der Freitag, der Samstag oder der Sonntag der heiligste aller Wochentage ist, spaltet schon die in ihrer Wurzel verwandten, abrahamitischen Weltreligionen.

Doch sind sich Gesellschaften und Religionen aller Zeitalter in vielen Dingen oft einig, die wir heute als christliche Werte beschrieben, wenngleich dieser Begriff zuweilen irreführend ist, denn die christlichen Werte sind älter als das Christentum selbst.

Die griechischen Gelehrten kannten sie schon in ähnlicher Form und ein Verbot der Homosexualität war in der athener Gesellschaft der Antike wohl noch undenkbarer als in der unseren.

Die christlichen Werte, sind potentiell interreligiöse Werte, an denen wir die Entwicklung unserer Gesellschaft messen können, die uns für alle Zeit als Kompass dienen können und deshalb auch besonders schützenswert sind.

Welche Werte können die Ewigkeit überdauern?

Wir sollten aufhören, den Begriff unserer christlichen Werte für christliche Normen zu missbrauchen, die zwar für gläubige Christen einen enormen Stellenwert haben, aber nicht als Wert für die gesamte Gesellschaft dienlich sind.

Denn die christlichen Werte gelten für uns alle, unabhängig von Religion, hoffentlich für ewige Zeiten - auch wenn Muslime, Buddhisten, Juden oder Atheisten sie verständlicher weise anders nennen möchten.

Die christlichen Normen jedoch können nur für Christen einen Geltungsanspruch erheben und sind deshalb als Argument in einem säkularen Gesetzgebungsverfahren gänzlich ungeeignet.

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