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Warum rechte Gewalt schlimmer ist als linke

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LINKE RECHTE GEWALT
dpa/ Getty / huffPost
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Medienschelte ist in diesen Tagen in.

Gerade kriegen die Journalisten einen mit, weil sie angeblich auf dem linken Auge blind seien. Der Vorwurf konkret: Über linke Gewalttaten werde zu wenig berichtet, über rechte dagegen sehr viel.

Rechts- und linksextreme Gewalttaten müssten in den Medien endlich gleich behandelt werden, forderte kürzlich in der Huffington Post der ehemalige "FAZ"-Herausgeber Hugo Müller-Vogg.

Medien verharmlosen linke Gewalt nicht

Hand aufs Herz: In den Zeitungen meines Stammkiosks stehen die Meldungen über die linken Krawalle in Berlin auf Seite eins. Dass über diese linke Gewalt nicht angemessen berichtet würde, bleibt eine Legende.

Und etwas Zweites ist wichtig: Natürlich müssen die Medien der rechten Gewalt mehr Raum einräumen - denn sie ist gefährlicher. Straf- und Gewalttaten von rechts haben für Deutschland eine größere Bedeutung als jene von links. Mit Relativierung und Verharmlosung hat das nichts zu tun.

Und das schlägt sich in der Berichterstattung nieder.

Lasst uns mit den nüchternen Zahlen beginnen. Das sind einige Erkenntnisse aus dem aktuellen Verfassungsschutzbericht:

1. Die Zahl rechter Straftaten stieg 2015 um ein Drittel, die der Gewalttaten um 42,2 Prozent.
2. Fremdenfeindliche Hasskriminalität stieg 2015 um 77 Prozent.
3. Strafbare Hasspostings stiegen 2015 um 176 Prozent.

Insgesamt dokumentierten die Behörden 2015 eindeutig mehr rechte als linke politisch motivierte Kriminalität: Vier Mal so viele.

Diejenige, die derzeit die Medien kritisieren, verweisen häufig auf eine Zahl im Verfassungsbericht. Nämlich, dass es 2015 mehr links- als rechtsextremistische Gewalttaten gab, 1.608 gegenüber 1.408.

Hier lohnt aber ein genauerer Blick auf die Statistik. Denn bei den linken fallen allein fast 500 Straftaten in den Bereich Landfriedensbruch und Widerstandsdelikte. Mit körperlicher Gewalt haben diese Straftaten mit den seltensten Fällen etwas zu tun.

Wer dagegen auf die Fälle von schwerer Gewalt schaut, der sieht: Rechtsextreme begingen 2015 deutlich mehr Körperverletzungen als Linke, bei Anschlägen mit Sprengstoff stehen auf der Seite der Rechtsextremisten 18 Fälle, auf der Linken 4.

Rechte Gewalt hat eine andere gesellschaftliche Dimension

Richtig bleibt aber, dass linke Gewalt zunimmt. Auch die Gewalt gegen Menschen nimmt zu. Es sind eben nicht nur zertrümmerte Schaufenster von Goldschmuckgeschäften, die Eingang ins Strafregister finden. Und wenn ein rechtsextremer Rassist mit Gehirnerschütterung im Krankenhaus landet, muss das ebenso Mitleid und Verabscheuung hervorrufen wie bei jedem anderen Menschen auch. Über diese Fälle müssen auch die Medien berichten.

Aber nicht nur ein Blick auf die Zahlen rechtfertigt eine ausführlichere Berichterstattung über rechte Gewalttaten. Auch die gesellschaftliche Dimension der rechten Gewalt unterscheidet sich von der der Linken.

Deutschland erlebt gerade keine umstürzlerische Bedrohung von links. Die brennenden Autos, verletzten Polizisten und bedrohten Politiker der AfD - von denen die Medien in den vergangenen Wochen entgegen anders lautender Vorwürfe immer wieder berichteten - stehen für die Verrohung unserer Gesellschaft.

Dennoch: Der Verfassungsschutzbericht attestiert einen „seit Jahren andauernden Bedeutungsverlust linksextremistischer Positionen" und eine „ƒmachtgesellschaftliche Marginalisierung und mangelnde Anschlussfähigkeit".

Rechtes Gedankengut findet bei der Mitte Anschluss

Ganz anders urteilen die Sicherheitsdienste bei ihrem Blick nach rechts. Da sehen sie eine „Anti-Asyl-Agitation", die von „einer schwindenden Abgrenzung zum Rechtsextremismus und einer Akzeptanz von Gewalt und Militanz in Teilen der Bevölkerung geprägt" ist.

Wenn man sich diese Urteile ansieht, dann wird klar, dass über rechte Gewalt mehr berichtet werden muss. Die politische Gefahr für das Land kommt derzeit von rechts.

Der Rassismus und die Menschenfeindlichkeit der rechten Gewalt sind bei mehr Menschen in Deutschland anschlussfähig als die linke Gewalt. Die Mitte der Gesellschaft tendiert immer mehr nach rechts als links.

Die Anschläge auf Unterkünfte für Geflüchtete verübten nicht nur Kameradschaften sektiererischer Neonazis, sondern auch biedere Familienväter legten Hand an, bevor sie zum Kegeln gingen.

Rechte Gewalttäter haben den Menschen als Ziel

Schließlich ist die Schnittmenge der AfD mit dem Weltbild jener, die zu rechter Gewalt greifen, offensichtlich.

Auf der linken Gegenseite gibt es solch eine Partei nicht; Autonome und Linkspartei haben kaum Überschneidungen.

Was wollen die?

Schließlich ist da noch die Frage des Motivs. Linke Gewalttäter, so falsch sie auch liegen mögen, träumen von einer Gesellschaft mit gleichen Rechten für alle, ohne „Ausbeutung" und ohne Diskriminierung. So jedenfalls steht es in ihren Manifesten, die sie regelmäßig im Netz posten.

Rechte Gewalttäter wollen diskriminieren, spalten und Hass säen: Sie suchen sich Sündenböcke und erheben sich über Andere bei ihrer Suche nach einer angeblich homogenen Gesellschaft gleichen Blutes.

Deutschland droht ein rechter Terrorismus

Linke Gewalttäter wenden Nazi-Methoden an, um Nazis zu bekämpfen, wie sie auch der Linken-Ministerpräsident Bodo Ramelow vor einigen Wochen verurteilte. Damals marschierten Linke vor dem Haus des AfD-Mannes Björn Höcke auf.

Das ist töricht und schlimm - aber die rechte Gewalt unterscheidet sich dennoch von der der Linken. Rechte Gewalttäter hegen Hass direkt gegen Menschen und bekämpfen sie mit Gewalt. Linke sehen eher das System als Feind und bekämpfen deren Symbole, was auch dicke SUVs sein können. Diese Unterschiede spiegeln sich auch im Verfassungsschutzbericht.

Rechte und linke Gewalt sind eben nur vor dem Gesetz gleich. Die rechte Gewalt steigert sich schließlich hinein in einen Terrorismus wie den der NSU. Dieser so genannte „Untergrund" tötete gezielt, und noch immer ist unklar, wie viel die Behörden davon wussten, inwiefern sie unterließen oder gar deckten. Wo ist die RAF von heute?

Wo ist ein Linksterrorismus, der loszieht, Menschen abknallt und dazu lustige Filme vom Rosaroten Panther zeigt - und wo die Behörden, die dem leichtfertig zuschauten?

Die Kritiker der Medien sollten sich mal locker machen. Und genau hinschauen, wo es wirklich brennt.

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