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Mit diesem geheimen Plan würde Seehofer Kanzler

05/03/2016 10:36 CET | Aktualisiert 06/03/2017 11:12 CET
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Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer ist ein Mann mit einem Plan. Er will Bundeskanzler werden. Das flüstert er nicht einmal, es gibt ja Angela Merkel. Noch - würde Seehofer hinzu denken. Denn der CSU-Parteichef verfolgt seit Monaten eine stille Strategie, bei der am Ende alles darauf hinausläuft, dass er für die Union das Kanzleramt übernehmen soll.

Seehofer ist eine Art Lukas der Lokomotivführer der Politik. Sich selbst traut er eine Menge zu, anderen weniger. Er ist mehr einsamer General. Und Führungsqualitäten hat er durchaus, warum dann nicht ganz oben stehen?

Für diesen Plan gibt es keine offenen Beweise, er kursiert nicht im politischen Berlin. Niemand spricht ihn aus. Womöglich hegt und pflegt ihn Seehofer ganz allein. Aber es gibt viele Hinweise.

Merkel muss erstmal weg

Hier das Szenario in Kürze: Seehofer hält sich nicht nur für einen guten Regierungschef, nur so machen seine monatelangen Sticheleien gegen Merkel Sinn. Stürzte sie, erschiene er als einzig möglicher Kandidat. Und könnte mit Karl-Theodor zu Guttenberg ein erfolgreiches Duo bilden.

Das ist der Plan: Merkel muss erstmal weg. Seit Monaten inszeniert er sich als ihr Gegenspieler, der dennoch zu ihr hält. Offener Putsch geht nicht, denn Königsmörder endeten in der Geschichte gemeinhin tragisch. Seehofer verfolgt eine Dialektik aus Attacke und Schmeichelkurs. Deshalb auch der Besuch am Freitag bei Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán: Bei dieser Koketterie mit Merkels härtestem Widersacher in der EU versetzt er der Kanzlerin einen weiteren Stich.

Seit Monaten lässt er seine CSU die Miene des steten Bedenkenträgers aufsetzen. Er mahnt und warnt vor den Folgen von Merkels Politik der offenen Grenzen. In Berlin läuft so mancher CSU-Bundestagsabgeordnete herum und erzählt, wie groß die Probleme und wie lange Merkel schon im Amt seien. Das Kalkül: Alles hat einmal ein Ende, auch ihre Kanzlerschaft. Für den richtigen Zeitpunkt ist Seehofer gewappnet.

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In den Medien steht er da wie jemand, der mit seiner Kritik und seiner Klageandrohung in eine Sackgasse gelaufen sei. Die Umfragewerte der AfD in Bayern, gerade bei neun Prozent, bereiteten ihm schlaflose Nächte; wo er doch um sein Erbe bangt, der CSU nach den Jahren der Schmach mit Erwin Huber und Horst Beckstein wieder die absolute Mehrheit beschert zu haben. Die will er nicht mehr hergeben.

Horst Seehofer der weiße Ritter

Doch die AfD kann Seehofer bekämpfen und parallel an seinem Kanzlerplan weiter arbeiten. Er werde 2018 nicht mehr für die CSU bei den Landtagswahlen als Spitzenkandidat antreten, hat er schon lange gesagt. Immer wieder gibt es Gerüchte, er sei gesundheitlich angeschlagen.

Aber die Öffentlichkeit weiß schlicht nicht, wie es um Seehofers Gesundheit tatsächlich geht. Gut möglich, dass der 66-Jährige noch für viele Jahre Hochstressarbeit planen kann.

Sollte Merkels Aufnahmepolitik doch scheitern, stünde er als weißer Ritter bereit. Als jemand, der eigentlich in die Pension zu seiner Modelleisenbahnanlage im Hobbykeller wollte, aber den halt nun die Pflicht ruft. Wer sonst sollte nach Merkel übernehmen? Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) wäre wegen seines Alters nur ein Übergangskandidat.

Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hat ihren Ehrgeiz zu offensiv nach außen gestülpt, man würde sie nicht lassen wollen. Und Julia Klöckner ist, unabhängig vom Ausgang der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz, zu jung und unerfahren. Ansonsten herrscht in der Union schlichte Leere auf weiter Flur. Es gibt nur Seehofer.

Derzeit ist der Hass auf Seehofer in der CDU groß. Er stänkert gegen die Chefin, das kommt in einer Partei, die noch Wert auf Strukturen legt, nicht gut an. Wäre aber Merkel weg, obsiegte Pragmatismus. Dann würden die Karten neu gemischt, die Zornesfalten gegen Seehofer verfliegen: Denn die Wahlaussichten mit ihm sind besser als mit anderen Kandidatinnen oder Kandidaten.

Seehofer kann auch guter Schwiegersohn

Er wäre durchaus präsentabel. Seehofer kann Bierzelte füllen, auch in Ostfriesland oder Sachsen-Anhalt. Er kann wirken als Mann, der dem Volk nahe ist. Er beherrscht die Klaviatur der Mitte, war jahrelang akzeptierter Fachpolitiker für Soziales und Gesundheit. Er ist nicht so kantig-grantelig rechtskonservativ wie einst Franz Josef Strauß und nicht so indirekt-näselnd verknotet wie Edmund Stoiber - beide CSU-Granden strebten erfolglos die Kanzlerschaft an.

Seehofer will dieses Endziel der Christsozialen erreichen und damit passenderweise die Krise der CSU übertünchen: Bundespolitisch läuft da nichts mehr rund für die Bayern. Herdprämie und Autobahnmaut verbucht die CSU auf der Habenseite; die Partei steht für Rohrkrepierer in Berlin.

Und so wird sich Seehofer auch in den kommenden Monaten als Gegenpol zu Merkel in Stellung. Ihre Regierung nannte er eine „Herrschaft des Unrechts". Heute klingt das lächerlich, ist seine Partei an dieser Herrschaft ja beteiligt. Aber er bezweckt zweierlei: Einerseits steht er heute als eine Art Robin Hood der Merkelgegner da. Und andererseits wird in nicht allzu langer Zeit seine Äußerung in der Erinnerung wie alles verblassen und nur noch im kollektiven Bewusstsein als das Anprangern eines „Unrechts" überleben. Das ist geschickt.

Mit Guttenberg zum neuen Dreamteam

Ähnlich clever ist Seehofers Manöver mit Karl-Theodor zu Guttenberg. Der gefallene Star der CSU könne an die Spitze der CSU zurückkehren, orakelte Seehofer selbst; Guttenberg war 2011 als Bundesverteidigungsminister zurückgetreten und nach Amerika geflüchtet: Man hatte ihm nachgewiesen, dass er seine Doktorarbeit mit Plagiaten überzogen hatte. Darüber wurde ebenso gelacht wie nun über Seehofers Vorstoß, zumal Guttenberg vorerst ablehnend zurückschrieb: „Unabhängig davon würden die berechtigten Gründe für meinen Rücktritt sowie mein lausiger Umgang damit eine Rückkehr nicht rechtfertigen."

Es sei denn, man ruft ihn. Mehrmals. Lauter. Ganz ernst sieht Seehofer in Guttenberg den einzigen in der CSU, der Bayern für die Partei halten kann - wenn er selbst nach Berlin abreist. Guttenberg würde ihm den Rücken frei- und Markus Söder fern halten: Mit Bayerns Finanzminister ist Seehofer in tiefer Abneigung vereint, den will er unbedingt verhindern.

Und wenn Guttenberg ein Comeback will, muss er es genauso anstellen wie jetzt. Er muss sich zerknirscht geben, demütig. Nur so kann er die Plagiatsaffäre hinter sich lassen und einen Neustart hinlegen.

Die Zeit spielt den beiden PR-fähigen Populisten Seehofer und Guttenberg in die Hände. Söder dagegen agiert im Vergleich zu ihnen hölzern. Seehofer und Guttenberg können eine verunsicherte Nation mit Versprechen überziehen, den harten Hund geben und dabei gut aussehen. Beide sind in einer Win-Win-Situation. Ob das für Deutschland gut wäre, steht auf einem anderen Blatt. Auf jeden Fall ist es Seehofers geheimer Plan „A2".

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