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"1-Euro-Steak mit ein bisschen Menschenhandel, bitte"

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FLEISCHINDUSTRIE
dpa
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Ein Gespräch von Jan Rebuschat mit Peter Kossen.

Die Arbeit in der Fleischindustrie zählt zu den schwierigsten. Oft handelt es sich um Arbeiter mit Werkverträgen oder um Leiharbeiter, die aus dem Arbeitnehmerschutz herausfallen. Sechs Tage die Woche und fünfzehn Stunden am Tag sind keine Seltenheit. Es handelt sich um "Ausbeutung" und "moderne Sklaverei."

Prälat Kossen, Sie haben mit Blick auf die deutsche Fleischindustrie von „Ausbeutung" und „moderner Sklaverei" gesprochen. Können Sie an konkreten Fällen verdeutlichen, was Sie damit meinen?

Viele Menschen leben und arbeiten in der deutschen Fleischindustrie zu äußerst schweren Bedingungen. Es handelt sich vorwiegend um Arbeiter mit Werkverträgen oder Leiharbeiter, die oftmals faktisch aus dem Arbeitnehmerschutz herausfallen. Wir haben häufig dadurch Situationen, dass Menschen sechs Tage in der Woche zwölf oder sogar fünfzehn Stunden am Tag arbeiten und hierfür letztlich nur knapp 1.000 Euro bekommen. Mein Bruder ist Arzt und wird regelmäßig mit völlig überarbeiteten Arbeitsmigranten konfrontiert. Sie altern sichtbar und leiden an gesundheitlichen Problemen - aus Angst vor Kündigung lassen sie sich meist gar nicht krankschreiben, ein verbreitetes Phänomen.

'Das sind Geschichten wie aus dem frühindustriellen Europa.*

Ganz genau. Oft ist der Arbeitgeber zugleich der Wohnungsgeber; das sind nicht selten Wohnbedingungen, wie man sie eigentlich nur aus dem Geschichtsunterricht kennt. Das heißt: Da werden Menschen in heruntergekommenen Zimmern „gehalten" und teilen sich ein Bett im Drei-Schicht-System. Und dafür zahlen sie auch noch eine horrende Miete von ihrem ohnehin schon geringen Lohn, der z. B. durch unbezahlte Überstunden oft unter dem gesetzlichen Mindestlohn liegt. Nicht zuletzt durch ihre Wohnsituation geraten Leute in Abhängigkeit von ihrem Arbeitgeber. Es gibt Fälle, bei denen die Arbeiter dem Arbeitgeber ihren Pass aushändigen. Auf skrupellose Art und Weise werden Menschen in großer Zahl ausgenutzt und ausgebeutet. Es handelt sich um einen gesellschaftlichen Graubereich.

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Wird dieses System bewusst aufrechterhalten?

Ja. Es ist ja so, dass ganze Bereiche der Wertschöpfungskette ausgelagert werden. Die eingesetzten Subunternehmer entscheiden sich dann ganz bewusst für Werkverträge und gegen Arbeitsverträge und werben gezielt Menschen aus Rumänien, Bulgarien, Ungarn, Tschechien und Polen. Das geht oft so, dass die Arbeiter in abgelegen Unterkünften untergebracht werden, so dass man sie nur wahrnimmt, wenn sie vielleicht irgendwo einkaufen. Das ist eine Parallelwelt mitten in Deutschland. Und sie ist genauso gewollt.

Gibt es regionale Brandherde oder ist dies ein bundesweites Phänomen?

Es ist ein inzwischen bundesweites Phänomen. Angefangen hat es bei den ganz großen Unternehmen der Fleischindustrie, doch mittlerweile machen es viele auch in anderen Branchen. Es hat schlechte Schule gemacht.

Es strahlt aus auf andere Zweige?

Ja, und das ist Gefährliche daran. In der Logistik bei den Lkw-Fahrern, beim Bau, bei den Regalauffüllern von Discountern,in der Hotel-Branche, im Metallbau, in der Getränkebranche zum Teil. Dieses Modell wird genutzt um den Gewinn zu steigern und Lohndumping zu betreiben, ohne dass es geahndet wird.

Warum greifen die zuständigen Behörden nicht ein?

Es wird versucht, dagegen anzugehen. Doch die zuständigen Behörden sagen selbst, dass sie personell (und finanziell) überhaupt nicht in der Lage sind, das zu kontrollieren. (Es ist) Dadurch entsteht ein krimineller Sumpf.

Wenn sie von einem „kriminellen Sumpf" sprechen - ist das rhetorisch überspitzt oder sprechen wir von Straftaten?

Ja, diesen Sumpf gibt es gerade in der Szene der Subunternehmer, welche als „Dienstleister" zum Beispiel für große Fleischunternehmen auftreten. In diesen Bereichen haben wir es manchmal mit Menschenhandel zu tun, die internationale Rockerszene ist hier stark involviert. Sie können in unserer Zeit mit Menschenhandel viel mehr Geld machen, als mit Drogenhandel. Diese Parallelwelt kauft man sich auch mit ein.

Wie ist es zu einem solchen System gekommen?

Es wurde vor allem durch die wirtschaftliche Öffnung des Ostens nach dem Zerfall der Sowjetunion möglich. Seitdem werden gezielt Menschen aus den osteuropäischen Ländern nach Deutschland geholt, um zu niedrigstem Lohn zu arbeiten.

Wer sind die „Herren" dieses Systems?

Es gibt verschiedene Seiten, die hiervon profitieren. Natürlich haben die großen Firmen selbst ein Interesse daran, die einzelnen Schritte in der Wertschöpfungskette kostengünstig zu halten; sie profitieren eindeutig von diesem System. Dann das Netz der Subunternehmer, welche durch diese Praktiken Unsummen an Geld verdienen. Es ist letztlich der ganze Handel, der damit verdient; ob er nun von den Bedingungen weiß oder nicht. Klar, es gibt Betriebe, die dieses System nicht mittragen und es anders und menschlicher versuchen. Doch die geraten hierdurch natürlich in wirtschaftlichen Druck, weil die Konkurrenten billiger produzieren können.

Aber es ist natürlich auch der Verbraucher, der scheinbar davon profitiert, wenn er sich ein billiges Schnitzel oder Kotelett kauft. Da muss man sich fragen: Müssen, nein: dürfen hochwertige Lebensmittel in Deutschland so billig sein?

Eine Selbstverpflichtung der Fleischunternehmern zur Einhaltung der gesetzlichen Standards halten sie für keine Lösung?

Nein. Meines Erachtens ist es ein bloßes Lippenbekenntnis, welches die Situation nicht verbessern wird. Das Problem ist, dass diese Situation in der Öffentlichkeit oft nicht als Unrecht erkannt wird.

Sehen Sie die Politik in der Pflicht?

Ja. Es gab zwar Fortschritte wie die Einführung des Mindestlohns - doch ein Gesetz ist nur so gut, wie es auch in der Praxis durchgesetzt wird. Gesetze müssen erstmal mit Leben gefüllt werden. Doch die zuständigen Behörden müssen auch die notwendigen Mittel haben, um das Gewerbe zu kontrollieren und die Einhaltung der gesetzlichen Standards zu gewährleisten. Dass dass so ist, sehe ich im Moment nicht.

Nun gut, jetzt könnte man sagen: „Das sind erwachsene Leute, diese Arbeiter. Wenn sie sich sehenden Auges auf so etwas einlassen, sind sie selbst dran Schuld." Was sagen Sie dazu?

Ich kenne die Biographien mancher dieser Leute. Sie erleben prekäre Lebensumstände in ihren Heimatländern und erhoffen sich ein besseres Leben hier. Sie sehen diese Arbeit oft als einzige Chance und lassen sich daher darauf ein. Die Perspektivlosigkeit dieser Menschen wird hier bei uns in unserer Wohlstandsgesellschaft brutal ausgenutzt. Man kann nicht sagen, dass diese Menschen einfach andere Arbeit machen sollen. Es ist eine Not, die diese Menschen auf den Weg bringt. Viele dieser Menschen kennen sich mit der rechtlichen Situation nicht aus und haben vielleicht sprachlich und finanziell gar nicht die Möglichkeit, sich einen Rechtsbeistand zu holen. Sie spielen das miese Spiel mit, weil sie sich erhoffen, dass es irgendwann mal besser wird. Doch das wird es nicht.

Viele Menschen werden das bestimmt anders sehen als Sie. Ich höre jetzt schon den Einwand des Ökonomen: „Ja, der Geistliche Herr Kossen hat nun mal sehr idealistische Vorstellungen und keine Ahnung von der wirtschaftlichen Realität". Was antworten Sie diesen Menschen?

Wie gesagt: Das Produkt würde auch nicht viel teurer werden, wie die NGG (Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten) glaubwürdig dargestellt hat. Es gibt außerdem viele unrechtmäßige Mitverdiener in diesem Sumpf, die vielleicht auf den ersten Blick nicht wahrgenommen werden. Wir schaffen durch dieses System auf alle Fälle ein riesiges Meer an Menschen, welche arbeitsbedingt krank werden, medizinisch versorgt werden müssen, in Altersarmut geraten und trotz schwerster Arbeit ihr Leben lang „Aufstocker" bleiben und Sozialtransfers brauchen, um überleben zu können.

Das Schnitzel ist billig und die große Rechnung kommt dann später?

Ja. Die Sozialtransfers, die da notwendig sind, die tragen wir alle als Steuerzahler ja mit. Das sind Quersubventionen, die durch nichts legitimiert werden. Das System schadet nicht nur den Betroffenen, sondern auch der gesamten Gesellschaft.

Sind nicht die Verbraucher das Zünglein an der Waage, die durch Ihre Entscheidung für billiges Fleisch das System überhaupt erst ermöglichen?

Natürlich spielen die Verbraucher eine Rolle. Man muss sich schon fragen, warum manche Leute viel Geld für einen Grill ausgeben, um dann das 1-Euro-Steak darauf zu grillen. Es gibt natürlich auch Leute mit wenig Geld, die sich über günstiges Fleisch freuen. Die NGG hat aber ausgerechnet, dass das Kilo Fleisch im Einkauf für den Verbraucher nur etwa 5 Cent teurer wäre, wenn alle gesetzlichen Standards eingehalten werden. Doch die zuständigen Behörden müssten durch entsprechende Kontrolle gewährleisten, dass das Geld der fairen Arbeit auch zugute kommt. Vielleicht durch ein Siegel „Faire Arbeit". Und klar: Die Verbraucher können durch Konsumentscheidungen mächtigen Druck auf die Industrie ausüben.

Vielen Dank für das Gespräch.

Peter Kossen wurde 1968 geboren in Wildeshausen geboren und wuchs in Rechterfeld im Landkreis Vechta auf. Nach dem Studium der Theologie und Philosophie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster sowie an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom wurde Kossen 1996 zum Priester geweiht. Kossen ist Ständiger Vertreter des Bischöflichen Offizials sowie Monsignore und Offizialatsrat in Vechta.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf der Debattenplattform "The European".

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