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Bei einem Noteinsatz klauten Gaffer uns Feuerwehrmännern das Essen

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FIREMEN GERMANY
Stringer Germany / Reuters
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Es war ein großer Einsatz, ein langer Tag: Als Ende Oktober die Diskothek "Nautic Club" in Timmendorfer Strand in Flammen aufging, wurden meine Kameraden und ich von der Raketauer Freiwilligen Feuerwehr zum Einsatz gerufen.

Zehn Stunden vor Ort versuchten wir, das Feuer in Schach zu halten - eine anstrengende, auszehrende Angelegenheit.

Zur Stärkung wurde ein Büfett mit Brötchen und Kaffee aufgebaut. Selbstverständlich für uns Rettungskräfte - dachte ich. Denn zufällig bemerkte ich zwei Personen, die sich unter der Absperrung hindurchzwängten und sich an der Verpflegung zu schaffen machten.

Ich fragte sie zunächst höflich, ob sie eine Berechtigung hätten, hier zu stehen. Als Antwort bekam ich zu hören: "Nein, aber wir sind interessierte Bürger." Und: "Warum haben Sie denn nur Kaffee? Haben Sie keinen Tee?"

Pöbeleien sind Alltag

Da ist mir - wie man so salopp sagt - die Hutschnur gerissen. Ich forderte die beiden Herren, die übrigens keinesfalls bedürftig aussahen, eindringlich auf, den Einsatzort zu verlassen. Eine Entschuldigung? Fehlanzeige.

Mir ist im Laufe meiner sechsjährigen Tätigkeit für die Freiwillige Feuerwehr und in meinen 20 Jahren im Ehrenamt bereits viel passiert: Gaffer, die unsere Arbeit behindern. Pöbler, die uns wüst beschimpfen, wenn wir Straßen sperren müssen. Nicht aus Spaß, sondern um Leben zu retten - oder Tote zu bergen.

Doch dies hier überbot dann doch an Dreistigkeit so ziemlich alles, was ich davor erlebt hatte. Das war Gaffen in einer neuen Dimension. Ich musste meinem Ärger irgendwie Luft machen - und richtete mich in einem Facebook-Post an die beiden Männer.

Mehr zum Thema: Familie bricht in München in gefrorenen See ein - was zwei Gaffer dann tun, macht fassungslos

Was dann folgte, hatte ich so aber niemals erwartet. In weniger als 24 Stunden kommentierten mehr als 3400 Menschen meinen Beitrag, knapp 3000 drückten auf "Gefällt mir", und weit mehr als 24.500 teilten ihn und verbreiteten ihn weiter.

Es waren vor allem viele Feuerwehrkameraden, die sich an mich wandten. "Du sprichst uns aus dem Herzen" oder "Du bist unser Sprachrohr", hieß es da.

Mir wurde erst da bewusst, wie ernst es eigentlich um unsere Gesellschaft steht, in der diese Dinge Alltag für die ehrenamtlichen Rettungskräfte zu sein scheinen.

Aufstand der Anständigen

Ich möchte betonen: Idioten existierten schon immer - und sie sind eindeutig in der Unterzahl. Die ganz große Mehrheit der Bürger ist anständig und schätzt unsere Arbeit. Allerdings gab und gibt es Entwicklungen, die mir Angst machen.

Etwa, dass wir Feuerwehrmänner in einzelnen Bundesländern nun Schutzwesten tragen sollen. Schutzwesten als Helfer? So weit darf es nicht kommen.

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Ich möchte etwas verändern, als Einzelner aber kann ich zu wenig bewegen. Deshalb wende ich mich an die Presse, plane weitere Fernsehauftritte.

Wenn wir in einer Gesellschaft leben wollen, die solidarisch miteinander umgeht, dann sollten wir alle etwas dafür tun. Sind Sie dabei? Schreiben Sie mir hier und auf Facebook unter "Feuerwehrmann Jan Rühmling" - das Teilen meiner Seite ist ausdrücklich gewünscht!

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Xing Klartext.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der Huffington Post zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

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