BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Dr. Jan Pierre Klage Headshot

Unternehmerisches Querdenken: Endlich Zeit für die Weltreise

Veröffentlicht: Aktualisiert:
CLIMATE CHANGE
Pablo Demetrio Scapinachis Armstrong via Getty Images
Drucken

Viele Unternehmen setzten immer noch auf Rezepte, die sich in der
Vergangenheit bewährt haben. Künftig aber kommt es auf etwas völlig anderes an, auf Geschäftsmodelle, die ständig und radikal in Frage gestellt und erneuert werden müssen.

Teil 1: Neues entsteht nicht aus Vorsicht

Wir begreifen und betrachten Arbeit und Unternehmen heute immer noch durch die gleiche Brille, die wir schon seit einigen Jahrzehnten aufhaben. Wir denken und handeln in Aufbau- und Ablauforganisationen, Hierarchien und Leitbildern. Wir akzeptieren, dass es eine Führungskraft gibt, die wiederum einer Führungskraft untersteht und so weiter.

Weil sich all das in der Vergangenheit als produktiv erwiesen hat. Und weil Veränderung ein dickes Brett ist, das es erst einmal zu bohren gilt. Aber unsere Arbeitswelt ist seit einiger Zeit nicht mehr durch Bewahrung und Verwaltung bestimmt, sondern durch Musterbrüche und Erneuerung.

Ideen und Kreativität

Ideen und Kreativität sind der Rohstoff, auf den diese neue Wirtschaft baut. Das ist neu. So neu, dass einem ganz schwindelig werden könnte. Dabei ist die Liste derer, die bereits erfolgreich ihre Komfortzone verlassen haben schon beachtlich lang. Und sie wächst jeden Tag weiter.

Denn auch wenn es sich in einer digitalen Welt neu und ungewohnt anfühlt, sich alternative Formen des Organisierens und Denkens vorzustellen, so wirkt die neue Welt, die sich da abzeichnet, auch einladend und zutiefst menschlich, denn sie schafft Rahmenbedingungen, in denen sich Offenheit, Kreativität und Leidenschaft entfalten können.

Ohne Fleiß kein Preis...

...ist in Deutschland keine Redensart, sondern ein Grundgesetz. In der Industriegesellschaft ging es schließlich schon immer um Mengen und Massen, um alles, was sich messen lässt. Und was darf man auch von einem Volk erwarten, das lange Zeit vor allem funktioniert hat. Befehl und Gehorsam, Fleiß und Genügsamkeit.

Das sind die Säulen unserer Geschichte seit der Reichsgründung anno 1871. Soldaten standen stramm und gehorchten. Sie hörten zu, sie diskutierten nicht. Ein Grundmuster, das sich auch während der Industrialisierung gut nutzen ließ. Schließlich verlangten Unternehmer nach Arbeitern, die ohne zu mucken am Fließband stupide Handgriffe verrichteten.

Funktionierende Befehlsempfänger

Entsprechend sahen die Erziehungsideale aus. Man brauchte vor allem funktionierende Befehlsempfänger, die sich in das bewährte Gefüge nahtlos einreihen konnten. Ein Blick in die Erziehungsratgeber dieser Zeit zeugt davon: Schläge, Einsperren und Erniedrigen waren empfohlene Mittel der Erziehung.

Aber auch die Hirten der christlichen Kirchen haben ihren Beitrag dazu geleistet, Gehorsam und Genügsamkeit tief in ihren Schäfchen zu verankern: der Pfarrer oben auf der Kanzel, die potenziellen Sünder unten auf der harten Holzbank. Vorbei und vergessen? Nein! Geschichte ist nicht, was gestern war, sondern was bis heute wirkt. Zu tun, was einem von oben aufgetragen wurde, galt für uns schon immer als normal.

Das größte Hindernis

Wer alte Zöpfe abschneiden will, braucht also vor allem Mut. Oder umgekehrt: Das größte Hindernis auf dem Weg zu innovativem Denken und Entscheiden ist die Angst. Die Furcht vor dem Musterbruch. Wer viel Geld in die Hand nimmt, setzt lieber auf das Sichere und Gewohnte, als etwas Neues auszuprobieren.

In allen unternehmerischen Prozessen, die heute zu einer positiven Veränderung führen sollen, geht es im Grunde genommen um ein neues Verständnis von Risiko und von Mut. Mut in der Buchhaltung ist natürlich Blödsinn und ein mutiger Arbeiter am Fließband eine latente Gefährdung.

Aber dort, wo etwas Neues entstehen soll, braucht es Freiraum und Entschlossenheit. Dinge entwickeln sich nicht aus Vorsicht. Und wer den Innovatoren im Unternehmen nicht genügend Raum gibt, sondern stattdessen nach einem einheitlichen Risikodenken strebt, macht etwas falsch.

Vier Monate auf Weltreise

Andreas Glemser, Inhaber der 1998 von ihm gegründeten COCOMIN AG in Leinfelden-Echterdingen bei Stuttgart, startete 2005 mit seinen damals 50 Mitarbeitenden ein gewagtes Experiment. Er stellte ihr Vertrauen und ihre Selbstverantwortung radikal auf die Probe.

Obwohl gut 90 Prozent der Akquise über ihn liefen und eine Reihe wichtiger Mandate anstanden, entschied er sich dazu, für vier Monate mit seiner Familie auf Weltreise zu gehen und während dieser Zeit nicht erreichbar zu sein.

Nach seiner Rückkehr arbeitslos

Viele sprechen dabei von Selbstorganisation, hier wurde die Tragfähigkeit der Idee radikal erprobt. Mit der Folge, dass Glemser nach seiner Rückkehr arbeitslos war. Nicht etwa, weil es sein Unternehmen nicht mehr gab, sondern weil seine Mitarbeitenden eigenständiger und erfolgreicher agierten als zuvor.

Umsätze wurden gesteigert, neue Kunden gewonnen, innovative Produkte lanciert. Seitdem kann sich der Inhaber den wirklich strategischen Fragen zuwenden, für die er vor seinem Experiment nie Zeit hatte.

Jan Pierre Klage ist Autor von "did it my way!: Geschichten von mutigen Machern, Querdenkern und Revolutionären"

Lesenswert:

Video:Stahlkoloss RU 800 S: Das Netz dreht völlig durch - wegen dieser genialen Maschine

Video:Tsunami, Vulkanausbruch, Invasion: Die Einwohner dieser Insel haben schon jedes erdenkliche Unglück erlebt

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter
blog@huffingtonpost.de
.

Hier geht es zurück zur Startseite