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Vom Übernehmer zum Unternehmer: Wegschlagen, was nicht dazugehört

13/09/2015 13:58 CEST | Aktualisiert 13/09/2016 11:12 CEST
Alberto Coto via Getty Images

Früher war alles besser! Das ist Blödsinn. Aber war früher nicht alles etwas übersichtlicher, also auch normaler? Da stimmen deutlich mehr Menschen zu. Normal ist, woran wir uns gewöhnt haben. Das macht die Vergangenheit so hübsch übersichtlich - und die Gegenwart so irritierend. Das Neue. Das Unbekannte. Die Veränderung. Wozu soll das gut sein? Wie viel schöner ist doch die Sicherheit, die sich aus der Routine ergibt. Das gute Gefühl des Vertrauten.

Unsicherheit führt übrigens auch dazu, dass kreative Ideen unbewusst abgelehnt werden. Zu diesem Ergebnis kamen Jennifer Mueller und ihre Forscherkollegen von der Wharton School in Pennsylvania. Unsicherheit würgt Kreativität ab. Man will sie vermeiden und sucht nach sicheren Problemlösungen. Das ist der Moment, in dem unsere Glaubenssätze ins Spiel kommen. Aussagen, an die wir im Sinne des Wortes „glauben".

Schauen wir kurz bei Wikipedia vorbei. Dort wird Glauben als „innere Sicherheit" umschrieben, die „keines Beweises bedarf". Sichtweisen, die wir in unseren Wertekanon übernehmen, ohne sie zu überprüfen. Solche Glaubenssätze stehen am Anfang jeder Veränderungsarbeit. Wenn Menschen nämlich glauben, dass sie etwas nicht können, werden sie unbewusst einen Weg finden, das Eintreten einer Veränderung zu verhindern und das Ergebnis anschließend so zu interpretieren, dass es mit ihren bestehenden Glaubenssätzen übereinstimmt.

Wie Glaubenssätze entstehen

Glaubenssätze entstehen nicht von heute auf morgen und lassen sich deshalb auch nur recht schwer wieder verändern. Die meisten dieser Leitsprüche haben wir von Bezugspersonen wie unseren Eltern, Freunden oder Lehrern übernommen. Später kamen sich wiederholende Erfahrungen hinzu. Hat man einen Glaubenssatz immer und immer wieder gehört, wird man ihm irgendwann tatsächlich Glauben schenken und am Ende vielleicht sogar von seiner Richtigkeit überzeugt sein.

Und gerade weil er uns diese innere Sicherheit gibt, die keinen Beweis braucht, wird er von uns auch nicht überprüft oder sein Nutzen für uns kontrolliert. Wir entwickeln ihn nicht weiter. Er ist festgemauert in uns, im Unterbewusstsein abgespeichert. Sind unsere Leitsätze positiv („Ich kann alles schaffen"), geben sie uns Kraft und helfen uns, besser mit Rückschlägen und Enttäuschungen umzugehen. Sind sie aber negativ („Aus Dir wird eh nichts"), wirken sie wie ein Knüppel, der uns zwischen die Beine geworfen wird: Im entscheidenden Moment rudern wir zurück, machen elementare Fehler, sabotieren uns selbst.

Vom Glaubenssatz zur Haltung

Einen Glaubenssatz übernimmt man, eine Haltung hingegen muss man sich erarbeiten. Jeder muss sich - und zwar immer wieder aufs Neue - zu einer Haltung durchringen. Übernommene Glaubenssätze haben eine lange Haltbarkeitsdauer. Sie sind einfache Formeln zur Bewältigung der Realität. Haltungen dagegen sind Produkte des Erkennens und Verstehens, und sie sind immer eine persönliche, nie eine beliebige Sache. Die einzige Chance, zwischen den Zahnrädern der Glaubenssätze nicht zermahlen zu werden, liegt im Pragmatismus.

Der englische Multiunternehmer Richard Branson ist ein schönes Beispiel dafür. Die Frage, was er eigentlich noch nicht getan hat, lässt sich beinahe schneller beantworten als die Aufzählung dessen, was er alles tut. Vom Gründer eines Studentenmagazins hat er sich zum Konzernherrn hochgearbeitet, der eine Fluggesellschaft, eine Eisenbahn, eine Cola-Produktion, einen Finanzdienstleistungsbetrieb, einen Reiseveranstalter und eine Musikproduktionsfirma besaß, um nur einige seiner zweihundert Unternehmen zu nennen.

Vom Schulaussteiger wurde er zur Kultfigur, den die meisten Schüler in Großbritannien auf die Frage nach einem Vorbild nennen. Er ist ein Volksheld, ein Beispiel dafür, dass man trotz geringer Mittel mit guten Ideen vieles erreichen kann. Kann man das alles stemmen, wenn man übernommenen Glaubenssätzen folgt? Oder anders gefragt: Welche Haltung steckt hinter einem solchen Lebensweg? Ganz einfach. Er hat sie sogar zum Titel seiner Autobiografie erhoben: „Business ist wie Rock'n'Roll".

Oder nehmen wir Markus Lüpertz. Er ist einer der bedeutendsten deutschen Künstler - einer der bescheidensten ist er nicht. Wegen seines egozentrischen Auftretens und seines extravaganten Lebensstils wird er auch gerne als „Malerfürst" bezeichnet. Eine bemerkenswerte Grundhaltung von Lüpertz lässt sich einem Interview entnehmen, das er der Süddeutschen Zeitung 2011 gegeben hat: „Ich will nicht geizig sein, also bin ich großzügig. Ich mag keinen Neid, also bin ich nicht neidisch. Ich will groß, stark, schön sein. Also bin ich es."

Noch ein Versuch? Gerne. Nehmen wir noch die Modemacherin Vivienne Westwood. Sie ist seit vielen Jahrzehnten bekannt dafür, dass sie der britischen Mode das Fürchten lehrt. Sie kleidete Punkrockbands ein und schockierte mit ihren Kreationen. Sicherheitsnadeln, Plateauschuhe, Tweed und das Schottenmuster waren ein großer Teil ihrer Mode.

Ihre wichtigste Grundhaltung hat sie einmal in einem Interview Anfang der achtziger Jahre offengelegt. Ich habe es erst neulich in einem Foto- und Interviewband von Terry Jones („Vivienne Westwood"), dem Gründer des britischen Modemagazins „i-D" wieder gefunden: „In der Mode muss man wie überall andauernd die Regeln brechen."

Wegschlagen, was nicht dazugehört

Wenn diese Beispiele Sie motivieren konnten, Ihren eigenen Glaubenssätzen nun auch an den Kragen zu gehen und sie durch eine persönliche Haltung zu den Dingen zu ersetzen, habe ich einen kleinen Tipp für die ersten Schritte: Vergessen Sie zunächst einmal das Offensichtliche. Setzen Sie am Anfang Ihrer ganz persönlichen Veränderungsarbeit die Ziele ruhig ein wenig höher, als sie erreichbar scheinen.

Unsere prominenten Beispiele machten es im Grunde genommen ja auch nicht anders. Hindernisse in Form überlieferter Einschätzungen oder Bewertungen waren für sie einfach nicht existent. Ihre Einstellung ließ keinen Platz dafür. Sie übernahmen keine gebrauchten „Glaubenssätze". Oder anders gesagt: Bis heute sind sie keine „Übernehmer", sondern „Unternehmer", die einen eigenen Blickwinkel auf die Dingen entwickelt haben.

Wer Glaubenssätze überwindet und zu einer eigenen Haltung findet, könnte auch mit Michelangelo antworten. Als der gefragt wurde, wie er seine wunderschönen Skulpturen erschaffe, antwortete er: „Ich schlage nur weg, was nicht dazu gehört."

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