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Basteln statt Chatten: Warum Innovation Nähe braucht

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ARTS AND CRAFTS
Mark Blinch / Reuters
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Kreativität ist zu einem elementaren Bestandteil unserer Arbeitswelt geworden. Sie braucht Muße und den persönlichen Austausch, die Digitalisierung aber erzwingt Beschleunigung und Vereinfachung. Skeptiker sehen darin eine Entwicklung, die zu Verlusten an Innovation und selbstständigem Denken führt. Auswege aus dieser Kreativitätsfalle lassen sich ausgerechnet bei denen finden, die uns das alles eingebrockt haben: Im Silicon Valley.

Digitalisierung ist kein Megatrend. Digitalisierung ist eine Revolution, eine vollständige Umwälzung, die bis in den kleinsten Winkel unserer Gesellschaft wirkt. Eine unaufhaltsame Entwicklung, die Strukturen und Fähigkeiten zulässt, aber auch einfordert, die wir zuvor nie für möglich gehalten haben.

Vorbei sind die Zeiten, in denen man einer Ausbildung nachging und anschließend bis zum Ruhestand ein und denselben Beruf ausübte. Und vorbei sind die Zeiten, in denen Mitarbeiter klare Aufgaben bekamen, die eine nach der anderen abgearbeitet werden mussten.

Wir leben in einer Welt, in der die Fähigkeit immer wichtiger wird, Gedanken neu zu kombinieren und Ideen zu entwickeln Wer es jetzt schafft, Grenzen auszublenden, Perspektiven zu wechseln und Kreativität zuzulassen wird zu den Gewinnern dieser Zeitenwende gehören.

Kreativität braucht Muße und den persönlichen Austausch, die Digitalisierung aber erzwingt Beschleunigung und Vereinfachung. Längst haben sich unser Lebensstil und unser Lebensgefühl verändert. Für viele Fragen, die uns im Alltag begegnen, bemühen wir schon lange keine grauen Zellen mehr. Der Griff zu Laptop oder Smartphone genügt, um das geballte Internetwissen abzurufen. Das hat seinen Preis. Umgeben von allwissenden digitalen Helfern lernen wir, immer weniger selbst zu lernen.

Räumliche Nähe haben wir längst durch Erreichbarkeit ersetzt. Dank mobiler Geräte können Gespräche nun als Dauerzustand verlaufen - parallel zu anderen Offline-Aktivitäten. Die Zahl unserer E-Mails steigt. Die Erwartung, dass der Empfänger sie auch liest, bleibt gleich hoch. Wenn ich eine E-Mail nach zwei Stunden nicht beantwortet habe, wird nachgehakt.

Man setzt sich dabei nicht nur unter Druck, sondern verändert auch die Art und Weise, wie man kommuniziert: Fragen werden ganz unbewusst so modifiziert, dass sie vom Empfänger ohne großen Aufwand sofort beantwortet werden können. Das wiederrum lässt das Niveau und die Qualität unserer Fragen und Antworten spürbar absinken.

Uns fehlt die Zeit zum Denken

Auch die unendlichen Recherchemöglichkeiten machen uns zu schaffen: Die mit der Informationsmenge mitwachsende Schwierigkeit, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden lähmt. Im Informationsüberangebot tragen wir scheinbar Relevantes schnell zusammen. Dabei bleibt der Sinn für Qualität leicht auf der Strecke. Viele meiner Studenten können die Bedeutung von "Suchen" und "Nachdenken" schon nicht mehr auseinanderhalten.

Sie suchen bei Google und finden eine von vielen Antworten, die sie akzeptieren. Die Ergebnisse sind gut genug, um sie davon zu überzeugen, dass der Prozess abgeschlossen ist. Dabei geht die Arbeit jetzt erst los: Es müssten Theorien angewendet werden, Antworten in den historischen oder gesellschaftlichen Kontext gestellt werden.

Wir sind so damit beschäftigt zu kommunizieren, dass wir gar keine Zeit mehr haben, zu denken und wirkliche Verbindungen einzugehen. Eltern simsen am Esstisch und Manager in Besprechungen. Man schickt sich eine SMS, auch wenn der Kollege nebenan sitzt. Die Erledigung des E-Mail-Aufkommens tritt an die Stelle der eigentlichen Arbeit. Schätzungen gehen von vier bis fünf Stunden E-Mail-Arbeit am Tag aus.

Aber wer wirklich kreativ sein und etwas zu Ende bringen will, muss sich ausklinken. Das Volumen und die Umlaufgeschwindigkeit unserer modernen Kommunikation sind an einem Punkt angekommen, bei dem wir nicht mehr mithalten können.

Kreativität braucht Nähe

Wir sind von Kopfarbeitern zu Klickworkern geworden. Skeptiker sehen darin bereits eine Entwicklung, die eigene Fähigkeiten verkümmern lässt und zu Verlusten an Innovation, selbstständigem Denken führt. Eine gefährliche Kreativitätsfalle, aus der es einen Ausweg braucht. Erste Ansätze dafür lassen sich ausgerechnet bei denen entdecken, die uns das alles eingebrockt haben: Im Silicon Valley. Dort sitzen sie alle - die großen Internetkonzerne, die kleinen Start-ups und die Finanziers des digitalen Wandels.

Hier leben und arbeiten die, die über uns so gut wie alles wissen, während sie von sich selbst so gut wie nichts preisgeben. Sie verdienen mit unseren Daten Milliarden, beherrschen den Informationskreislauf, sind aber weder per E-Mail noch per Handy zu erreichen. Virtuelle Welten sind dort nämlich out. Mehr noch: Wenn es um Kreativität und Zusammenarbeit geht sind sie nirgendwo so unbeliebt wie bei den eigenen Erfindern. Kreativität braucht Nähe.

Christoph Keese vergleicht in seinem gleichnamigen Buch das Silicon Valley mit einem großen Ameisenhaufen: Jeder kommuniziert dort mit jedem. Herrschaftswissen gibt es nicht, und Hierarchien sind unsichtbar. Jeder sieht, was gerade los ist. Physische Nähe ist hier genauso wichtig wie die Abwesenheit strenger Regeln. Innovation entsteht im Silicon Valley durch den freien und ungehemmten Austausch von Menschen auf kleinstem Raum.

Aber auch die Erkenntnis, dass Menschen haptische Wesen sind, ankert dort tief. Hirnforscher wissen: Lerninhalte können sich nur im Langzeitgedächtnis verankern, wenn der Arbeitsspeicher nicht ständig mit unwichtigen digitalen Infohäppchen zugemüllt wird. Folglich geht es beim Lernen gerade auch um Haptik und die analoge Qualität.

Und so boomen im Silicon Valley seit einigen Jahren die Waldorfschulen. Die Kinder der digitalen Elite lernen dort ohne Bildschirme, aber mit viel physischer und menschlicher Interaktion, handwerklichem Arbeiten und Basteln. Denn im Schulkonzept ist vorgesehen, dass mindestens bis zur achten Klasse nicht an Computern unterrichtet wird, um der Phantasie nicht zu schaden.

Ausgerechnet die digitalen Eliten wollen ihre Kinder nähen, stricken, eggen und ernten sehen. Und sie begrüßen es, dass jedes eingeschaltete Smartphone an Waldorfschulen vom Lehrer einkassiert wird. Auch für Steve Jobs Kinder waren iPhones und iPads zu Hause übrigens tabu.

Garagen statt Parkhäuser

Derart analoge Einsichten rücken die Legende von der Garage, in der das gesamte Silicon Valley das Licht der Welt erblickt haben soll auch gleich in ein anderes Licht. Man kann es ja fast nicht mehr lesen: Harley-Davidson, Walt Disney, Delta Airlines, Mattel, Cisco oder Google: allesamt Garagengründungen.

Bei Harley-Davidson mag das ja noch angehen, aber bei einem Computerhersteller? Bill Hewlett und Dave Packard dürften die ersten gewesen sein, die damit angefangen haben. Weil das Geld für mehr fehlte. Per Münzwurf sollen sie in ihrer Garage in Palo Alto, Kalifornien, 1939 darüber entschieden haben, ob ihre neue Firma denn nun Hewlett-Packard oder Packard-Hewlett heißen sollte.

Auch Steve Jobs und Stephen Wozniak nutzten den Mythos von der Garage aus, als sie mit dem Bau der Apple-Computer begannen. Jobs glaubte, auf diese Weise leichter Bauteile und Tipps von Bill Hewlett zu bekommen. Und er bekam sie auch. Wenn ein Amerikaner von einer Garage redet, meint er offensichtlich etwas anderes als der Deutsche, der Fahrräder an der Wand und allerhand Gerümpel vor Augen hat. In der Garage scheint es dem Amerikaner um mehr zu gehen, um Freiheit, Verwirklichung, Schöpferisches.

Natürlich ist seine Garage für ihn ein Rückzugsort vor Ehefrau, den Hypotheken und der Tiefkühlkost. Daneben sind Garagen aber auch kleine und übersichtliche Schutzzonen. Und klein ist fein, denn klein heißt beweglich und flink. Klein braucht wenige Regeln. Vielleicht gibt es auch deswegen den Mythos von der Garage, in der alle großen Ideen das Licht der Welt erblickt haben.

Miteinander reden statt chatten, gemeinsam basteln statt googeln und kurze Wege statt komplexer Strukturen. Das Silicon Valley weist den Weg: Auch in einer nahezu vollständig vernetzten Welt funktioniert Innovation nicht ohne persönliche Beziehungen.

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