BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Jan-Martin Klinge Headshot

Wie behinderte Kinder in Inklusionsklassen zu Außenseitern werden

Veröffentlicht: Aktualisiert:
INKLUSION KLASSE
dpa
Drucken

Ich arbeite seit einigen Jahren in einer Inklusionsklasse an einer größeren Gesamtschule. Nach einem reibungslosen Start in der fünften Klasse, als Neugierde und kindliches Miteinander das Klima prägten, haben sich mit den Jahren hier und da größere Probleme eingestellt.

Inklusion nennt sich die Einbindung von Menschen mit Behinderungen in den normalen Schulalltag, die in Deutschland in den letzten Jahren mehr und mehr umgesetzt wurde - nicht immer zur Zufriedenheit von Lehrern und Eltern.

Eine Ganztagsschule bietet der Inklusion besondere Chancen, aber auch Herausforderungen. Ich erinnere meine Schüler immer wieder daran, wie oft sie sich mit ihren Geschwistern streiten und nun, in einer Ganztagsschule, müssen sie sich mit 27 Geschwistern von morgens 8 bis nachmittags um 15 Uhr auseinandersetzen. Das sei eben anstrengend. Besonders, wenn einige Kinder anders sind.

Immer wieder berufen wir dabei den sogenannten Klassenrat ein. Heutzutage ist das eine pädagogische Institution, die über eine eigene Homepage und einen eigenen Wikipedia-Artikel verfügt - bei mir ist es einfach ein ordinärer Stuhlkreis, indem man Sorgen und Probleme anspricht.

Die Rollstuhlkinder müssen die Klasse nicht aufräumen - das ist ungerecht

Einmal merkte ein Mitschüler an, er empfände es als unfair, dass alle Kinder die Klasse aufräumen müssten - nur die Rollstuhlkinder würden sich raus nehmen, obwohl - wie er sofort hinzufügte - er verstünde, dass sie aus dem Rollstuhl heraus natürlich stark eingeschränkt seien.

Das war eine ungemein fundierte Aussage.

Obwohl er weiß, dass man im Rollstuhl keinen Besen schieben kann und auch kaum an den Boden heranreicht, empfindet er es als unfair.

Mehr zum Thema: Wie ich meinen unperfekten Körper lieben lernte

Ich glaube, ein ganz großer Teil der Schwierigkeiten im Bereich Inklusion geht auf solche Empfindungen zurück - und natürlich betrifft das nicht nur Rollstuhlkinder.

"Wieso darf Jonathan sich (scheinbar) ohne Konsequenzen wie ein Affe aufführen, aber ich muss direkt Nachsitzen?" (ADHS)

"Wieso zählen bei Ayleen die Rechtschreibfehler nicht, aber ich habe wegen meiner Fehler eine Note schlechter?" (LRS)

Die unterschiedliche Behandlung der Schüler ist aus Lehrerperspektive zwingend notwendig - und führt trotzdem zu Frust. Mit den Monaten und Jahren kann sich dieser Ärger mehr und mehr aufbauen und die Betroffenen zu Außenseitern machen: Irgendwann "bestraft" die Klasse Ayleen für die Bevorzugung aus einem inneren Gerechtigkeitssinn heraus mit Ausgrenzung. "Dann spielt sie eben nicht mehr mit uns!"

Der Frust der Mitschüler überträgt sich häufig auf ihre Eltern

Bei Inklusionskindern wiegt dieser Punkt noch deutlich schwerer: Ihre "Sonderbehandlung" ist viel offensichtlicher und tritt viel stärker zu Tage, als bei anderen Kindern. Der Frust der Mitschüler überträgt sich häufig auf ihre Eltern, die ihrerseits fragen: "Und mein Kind...?!"

Am Freitag haben wir im Fach NW den Brennerführerschein gemacht. Die Schüler sollten den Bunsenbrenner kennen und beherrschen lernen. Dazu etwas Wasser in einem Reagenzglas erhitzen - nichts spektakuläres.

Zumindest nicht für normal große Kinder.

Die Arbeitstische der NW-Räume sind jedoch zu hoch für Kinder im Rollstuhl. Und die Gas- und Stromanschlüsse sind ebenfalls zu hoch. Man bräuchte barrierefreie, höhenverstellbare Anschlüsse - es ist also eine Frage des Geldes.

Zunächst haben wir, wie an vielen anderen Schulen auch, das Problem pragmatisch gelöst: Hinter dem Lehrerpult sind die Anschlüsse niedriger, also haben die Kinder dort an ihrem niedrigen Tisch experimentiert. In der 6. Klasse kräht da kein Hahn nach - aber wie sieht die Zukunft aus?

Mehr zum Thema: Wer nicht die Wahl hat: Der Ausschluss tausender Deutscher von den Wahlen lässt die Demokratie in Schieflage geraten

Im Fach Chemie müssen die Schüler früher oder später kompliziertere Experimente durchführen - wie sollen sie das ohne Pult machen? Wie, wenn ihnen die Feinmotorik fehlt, um Reagenzgläser halten und Versuchsaufbauten sicher konstruieren zu können? Wie sollen die Fachlehrer Noten vergeben, wenn einzelne Kinder wesentliche Teile des Unterrichts nicht teilen können?

Das Mädchen kann nicht hämmern und schleifen

Die gleiche Problematik gibt es auch in anderen Fächern: Mit Glasknochen stellt das Fach Technik eine unüberwindliche Hürde dar - meine Mädchen können einfach nicht wie die anderen sägen, schleifen und hämmern.

Aber wie erkläre ich dem zappeligen Jonathan, dass er für sein krummes Häuschen nur eine "4" bekommt, während ein Kind mit einer Behinderung im Rahmen seiner Möglichkeiten womöglich nur ein Brett zurecht sägt und dann eine "2" erhält?

Irgendwann sorgt die Klasse für eine "ausgleichende Gerechtigkeit" und bestraft die Sonderbehandlung der Kinder: Sie werden zu Außenseitern.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Dies sind keine trivialen Probleme, weil sie gravierende Auswirkungen auf das Klassenklima haben und dieses ist entscheidend für den Lernerfolg der Schüler. Gehen sie gerne zur Schule? Fühlen sie sich gerecht behandelt? Habe ich das Gefühl, der Lehrer arbeitet gegen mich?

Wie man sieht, ist Inklusion im Alltag wirklich kompliziert

Es ist nicht damit getan, behindertenfreundliche Toiletten zu bauen oder barrierefreie Türen. Inklusion ist ein anstrengender Prozess, der nur durch eines funktionieren kann: Kommunikation, Kommunikation, Kommunikation.

Meine Schüler müssen verstehen lernen, dass Menschen im Rollstuhl nicht im gleichen Maße aufräumen können. Sie müssen verstehen lernen, dass Menschen mit Glasknochen nicht wie sie Hämmern und Sägen können.

Sie müssen wissen und fühlen, dass wir Lehrer sie gerecht behandeln - auch wenn jeder anders ist. Bisher sind wir da auf einem richtig guten Weg, echter Frust existiert bei uns nicht - aber die angesprochenen Probleme werden kommen.

Es bleibt aufregend.

Mehr von Jan-Martin Klinge gibt es auf www.halbtagsblog.de

(kap)

2016-10-24-1477314417-8667323-image_1465815956.jpeg

Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der HuffPost zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

Diskutiert mit und schickt uns eure Erlebnisse an Blog@huffingtonpost.de.