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Ich arbeite als Psychologe mit Flüchtlingen - und frage mich, woher sie die Kraft zum Weiterleben nehmen

21/09/2017 11:26 CEST | Aktualisiert 21/09/2017 11:28 CEST
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Woher kommt diese Kraft? Wie schaffen diese Menschen es nur weiterzuleben? Diese Fragen stelle ich mir sehr oft.

Ich bin Psychotherapeut und arbeite seit 18 Jahren mit traumatisierten Menschen in Deutschland und im Ausland - vor allem mit Frauen, aus Kriegsgebieten wie Afghanistan, dem Iran, Irak, Syrien, der Türkei, Tschetschenien, Bosnien und afrikanischen Staaten.

Menschen, die zu Tausenden hier in Deutschland leben und nicht wirklich ankommen können, weil sie krank geworden sind von dem, was man ihnen in ihrer Heimat angetan hat.

Wenn wir ihnen nicht helfen, ihnen eine Therapie ermöglichen, werden sie sich nicht integrieren können. Weil sie keine Chance haben, sich auf ein neues Leben einzulassen.

Meine Patientin hat erlebt, wie ihr Mann erschossen und ihr Kind gefoltert wurde

Ein Beispiel: Ich habe eine 26-jährige Patientin aus dem Nordirak. 2014 ist der IS in ihr Dorf einmarschiert. Die Kämpfer haben 20 Mitglieder ihrer Familie erschossen, darunter ihren Mann, ihren Vater und mehrere ihrer Brüder.

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Sie haben die Frau und ihre damals zwei, fünf und sechs Jahre alten Kinder gefangen genommen und an andere IS-Kämpfer verkauft.

Die Frau sprach Kurdisch, kein Arabisch. Die Kämpfer haben sie gezwungen, den Koran zu lesen und zu rezitieren, der in Arabisch verfasst ist. Wenn sie einen Fehler machte, haben die Kämpfer sie vergewaltigt. Und ihre Kinder geschlagen und gefoltert.

Ich werde hier nicht im Detail erklären, was diese Leute mit dem zweijährigen Mädchen gemacht haben. Nur so viel: Sie haben es in der Hitze für sieben Tage in eine Blechbox gesperrt. Die Mutter durfte dem Kind nur abends ein wenig Wasser geben. Nach einer Woche waren Teile des Körpers des Kindes abgestorben. Aber es lebte noch. Da haben die Kämpfer es umgebracht.

Die Frau sagte mir, sie hätte den Tod ihres Mannes und ihres Vaters vielleicht noch ertragen können. Aber nicht den ihres kleinen Mädchens.

Ohne Hilfe schafft sie es nicht, mit so etwas fertig zu werden.

Ein Viertel der Menschen im Krieg entwickelt eine posttraumatische Belastungsstörung

Studien zeigen, dass etwa die Hälfte der Menschen, die einen Krieg erleben, mit den Erlebnissen alleine zurechtkommen. Ein Viertel erleidet ein Trauma, findet aber nach drei bis sechs Monaten aus eigener Kraft wieder in den Alltag zurück. Ein Viertel dagegen entwickelt eine posttraumatische Belastungsstörung. So wie meine 26-jährige Patientin.

Das heißt, allein von den Menschen, die im Jahr 2015 nach Deutschland kamen, bräuchten etwa 200.000 eine Behandlung. Nur zehn Prozent bekommen sie auch.

Das ist nicht nur für die Menschen tragisch, sondern auch für die Gesellschaft.

Sobald sie die Augen schließen, kommen Erinnerungen an Folter hoch

Diese Menschen leiden unter Albträumen, Unruhe und Angst. Sobald sie die Augen zumachen, kommen die Erinnerungen an Vergewaltigung und Folter hoch.

Wer gesund ist, denkt er sich zum Beispiel nichts, wenn ihm auf der Straße ein paar Menschen entgegenkommen. Wer traumatisiert ist, kann Panik bekommen, weil er fürchtet, angegriffen zu werden.

Ich habe mit achtjährigen Mädchen gesprochen, die mehrmals vergewaltigt wurden. Sie schauten mir in die Augen und fragen mich: Warum tun Menschen sowas?

Diese Kinder haben das Vertrauen verloren. In ihre Eltern, die sie nicht schützen konnten. Und in die Menschen an sich.

Wer keine Hilfe bekommt, kann in die Isolation und die Sucht abrutschen

Wenn man es nicht schafft, den Kindern zu zeigen, dass es auch gute Menschen gibt, wenn man den Erwachsenen ihre Angststörungen nicht nehmen kann, besteht die Gefahr, dass die Menschen ihr Wesen verändern. Es kann sein, dass jemand seiner Familie gegenüber nichts empfindet, dass ein Vakuum entsteht - obwohl er es nicht will.

Vor allem Jugendliche können in die Sucht abrutschen, um sich von ihren Problemen abzulenken. Frauen greifen vor allem zu Medikamenten, Männer eher zu Alkohol und anderen Drogen.

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Manchmal entwickeln die Menschen Aggressionen gegen sich, selten gegen andere. Häufiger ist aber die soziale Isolierung.

Viele Menschen leiden auch unter körperlichen Beschwerden. Sie haben Kopf- oder Bauchschmerzen oder orthopädische Probleme. Dabei fehlt ihnen körperlich nichts. Es sind psychosomatische Reaktionen.

Das zu erkennen, ist für die Ärzte, die die Flüchtlinge in Erstaufnahmeeinrichtungen untersuchen, schwierig. Erstens müssten sie eine entsprechende Ausbildung haben und zweitens Zeit. Normalerweise haben sie beides nicht. So aber bleibt ihnen oft nichts anderes übrig, als Medikamente zu verschreiben, die das Problem nur verschieben, aber nicht lösen können.

Wir bräuchten 1800 Therapeuten in Deutschland

Um den Menschen zu helfen, bräuchten wir 20 bis 60 Therapeuten pro Stadt, 1800 insgesamt für Deutschland. Wir können dieses Personal nicht herzaubern. Wenn wir jetzt anfangen, die Menschen auszubilden, werden sie in fünf bis sechs Jahren einsatzfähig sein. Aber wir reagieren viel zu langsam.

Wir brauchen auch spezialisierte Dolmetscher. Denn anderes als bei Behördengängen können in der Traumatherapie ja nicht zum Beispiel die Kinder für die Eltern übersetzen. Eine Frau wird nicht über eine Vergewaltigung sprechen, wenn ihr Kind zuhört. Aus Scham, und um das Kind zu schützen.

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Ob Flüchtling, ob Deutscher - wir sind alle nur Menschen. Mit Ideen, Hoffnungen, Meinungen. Darüber könnt ihr euch hier austauschen?

Weil die Therapeuten nicht nur in Deutschland fehlen, helfe ich als Dekan einer neuen Fakultät für Psychotherapie und Psychotraumatologie der Universität Dohuk im Nordirak, Therapeuten vor Ort auszubilden. Im März haben wir mit der Ausbildung begonnen, die es in dieser Form sonst nirgends im Iran, Irak und in Syrien gibt.

Es ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Der Nordirak hat fünf Millionen Einwohner, plus zwei Million Flüchtlinge - und nicht mehr als 30 Psychiater.

Der Mangel an Therapeuten ist ein gesellschaftliches Problem

Der dramatische Personalmangel hier wie auch im Nahen Osten ist auch ein gesellschaftliches Problem. Wer unter posttraumatischer Belastungsstörung leidet, der kann sich nicht konzentrieren, ist vergesslich, angespannt, ängstlich, nervös und unsicher.

Man stelle sich vor, da sitzt der Flüchtling zwar in einem Sprachkurs, ist körperlich anwesend. Aber während der Lehrer vorne über Grammatik spricht, muss der Flüchtling an die Vergewaltigung denken, die er erlebt hat. Bilder von Enthaupten sieht er vor seinen Augen.

Er muss sich erst orientieren, ausreichend stabilisiert werden und dann natürlich einen Sprachkurs besuchen, um in Deutschland zurecht zu kommen.

Nur wer gesund ist, kann sich integrieren.

Wenn der Körper weh tut, weil die Seele verletzt ist

Um den Menschen helfen zu können, muss man wissen: Die medizinische Reaktion auf schreckliche Erlebnisse ist weltweit gleich. Aber die Bewertung des Erlebten, die Reaktion und der Umgang damit sind unterschiedlich. Das muss man in der Therapie berücksichtigen.

Wer in Europa sozialisiert ist und schon von Psychotherapie gehört hat, bringt seine Beschwerden eher mit seinen schlimmen Erlebnissen in Verbindung und sucht nach psychologischen Lösungen.

In Gesellschaften wie der arabischen, in denen die Therapie keine Rolle spielt, äußern sich die seelischen Probleme stärker in körperlichen Beschwerden.

Diese Patienten legen sich ins Bett und nehmen Medikamente ein. Sie glauben, mit passiver Schonhaltung und Ruhe gingen ihre Schmerzen weg.

Ich sage ihnen, es funktioniert genau umgekehrt. Sie müssen sich ablenken, Sport machen, das fördert auch die Produktion von Glückshormonen.

Vor zwei Wochen sah ich meine Patientin zum ersten Mal lächeln

Bei meiner 26-jährigen Patientin sehe ich Fortschritte. Vor zwei Wochen habe ich sie das erste Mal lächeln sehen, nach drei Jahren.

Sie hatte mir erzählt, dass sie von ihrer Nachbarin Fahrradfahren gelernt hat. Und dass sie jetzt ihren Kindern endlich nicht mehr hinterherrennen muss.

Sie hat gelernt, dass es für sie eine Perspektive gibt. Sie kann nicht vergessen, was passiert ist, das soll sie auch nicht. Aber ich möchte ihr helfen, dass das Grauen nur ein Teil ihres Lebens ist. Nicht ihr Leben.

Dass sie die Kraft aufbringt, um ihre Zukunft zu kämpfen, beeindruckt mich. Und macht mir Hoffnung.

Der Text wurde von Susanne Klaiber aufgezeichnet.

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