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Jan-Henrik Wiebe Headshot

Ich wurde auf einer AfD-Versammlung attackiert

Veröffentlicht: Aktualisiert:
JENA
dpa
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Die AfD wird wohl in zehn Tagen in den Bundestag einziehen. Es wäre der erste Einzug einer mindestens teilweise rechtsextremen Partei in das Bundesparlament. Ein besorgniserregendes Signal.

Was mir am Dienstag bei einer Wahlkampfveranstaltung in Jena passiert ist, zeigt, wie gefährlich die Sympathisanten dieser Partei sind.

Die örtliche AfD hatte Spitzenkandidatin Alice Weidel in die thüringische Großstadt geladen. Zwischen 150 bis 250 Menschen kamen vorbei - und mehr als fünfmal so viele AfD-Gegner.

Noch bevor der rechtspopulistische Star-Gast an das Rednerpult schritt, heizte die Thüringer Vize-Fraktionschefin Wiebke Muhsal die Stimmung an.

Sie griff Artikel eines Kollegen aus der Lokalzeitung auf. Muhsal erzeugte sofort eine pressefeindliche Stimmung - die ich kurze Zeit später selbst zu spüren bekam.

Vorne brave Leute, hinten das Thügida-Spektrum

Vorne, in der Nähe der Bühne, waren die Leute noch verhältnismäßig ruhig. Dort standen brave, bürgerliche Leute, die die AfD immer noch hat.

Doch hinten standen Angehörige des Thügida-Spektrums (der Thüringer Ableger von Pegida, Anm. d. Red.), dazu ältere, aggressive Leute. Daneben protestierten vereinzelt Gegendemonstranten, die ihren Unmut über die AfD mit einigen Pfiffen und Rufen kundtaten. Von ihnen ging jedoch keine Aggression aus, soweit ich das sehen konnte.

Aus der Ferne beobachtete ich, wie es plötzlich zu einer Auseinandersetzung zwischen den AfD-Sympathisanten und den jungen Gegendemonstranten kam.

Polizei musste einschreiten

Ich näherte mich der Szenerie, um diese mit meinem Handy aufzuzeichnen. Sofort und ohne Vorwarnung kam ein älterer Herr mit Deutschlandjacke auf mich zu, er wollte mir das Handy aus der Hand schlagen - was ihm aber misslang.

Dann kam unerwartet ein zweiter Mann von der Seite. Ihn hatte ich vorher gar nicht im Bild. Auch er attackierte mich ohne Zögern.

Glücklicherweise schritt dann die Polizei ein: Ein Zivilpolizist schnappte sich den ersten, ein sächsischer Beamte den zweiten Mann.

Todesdrohung per E-Mail

Sowohl vom ersten Angreifer als auch von mir nahm die Polizei die Daten auf - beide Männer nahmen weiter an der Versammlung teil.

Ich werde in den nächsten Tage eine Anzeige erstatten. Sie könnte für die Männer eine Abschreckung sein - aber ich glaube, sie wird wohl kein Gewicht haben.

Mit ist zwar nichts passiert, ich wurde nicht verletzt. Dennoch fühlte ich mich in diesem Moment als Pressevertreter sehr eingeschüchtert.

Mehr noch: Ich wurde anschließend per E-Mail bedroht. Auch das werde ich bei der Polizei ansprechen. Da die Mail aber über einen anonymen Anbieter verschickt wurde, haben die Ermittler keine Chance, den Urheber nachzuvollziehen.

Das ist schade, ich hätte ihm gerne geantwortet.

Ich lasse mich von rechten Schlägern nicht entmutigen

Klar ist: Ich mache jeden Einschüchterungsversuch öffentlich. Zwar bietet man diesen Leuten damit eine Plattform. Allerdings möchte ich die zunehmende Verrohung von Leuten zeigen, die mit der AfD sympathisieren.

Ich will diese krasse demokratiefeindliche Haltung nicht einfach hinnehmen. Es darf in Deutschland kein Sicherheitsrisiko sein, als Journalist zu einer Veranstaltung einer Partei zu gehen, die demnächst Abgeordnete nach Berlin entsendet.

Ich lasse mich von rechten Schlägern nicht entmutigen.

Auch deshalb werde ich voraussichtlich zur kommenden AfD-Wahlparty in Erfurt gehen.

Der Text wurde von Marco Fieber protokolliert.

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