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Bis aus einem Jugendlichen ein Extremist wird, dauert es manchmal nur ein halbes Jahr

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Bis aus einem Jugendlichen ein Extremist wird, dauert es manchmal nur ein halbes Jahr.

So schnell kann es gehen, bis er vom ersten Kontakt mit einem IS-Anwerber anfängt, über eine Ausreise in das Kriegsgebiet der Terrororganisation oder einen Anschlag nachzudenken. Doch dann ist es noch nicht zu spät. Ganz im Gegenteil.

Wir begleiten beim Violence Prevention Network derzeit 255 Radikalisierte in ganz Deutschland. Bei unserem Verein melden sich Gefängnis-Beamte, weil Insassen plötzlich verdächtig werden. Sportvereine. Oder etwa Lehrer, die Alarm schlagen.

Ganz häufig melden sich auch besorgte Eltern, Geschwister, Freunde, die sagen: Hier entwickelt sich gerade etwas in die völlig falsche Richtung. Wir wissen nicht, was wir tun sollen.

Ich erinnere mich an den Fall eines jungen Mannes, der zum IS ausreisen wollte. Die Sicherheitsbehörden fingen ihn am Flughafen ab und kontaktierten uns.

Er kam aufgrund seines stabilen Umfelds nicht gleich in Untersuchungshaft, sondern durfte zurück zu seinen Eltern. Dort schloss er sich über Wochen in sein Kinderzimmer ein und meine Kollegen versuchten vergeblich, mit ihm zu reden.

Dann haben sie ihm einen Zettel unter der Tür durchgeschoben, auf den hin er geantwortet hat. So baute sich langsam ein Vertrauensverhältnis auf und die Kollegen brachten den Jungen recht schnell davon ab, weiterhin ausreisen zu wollen.

Das ist meist aber nur der erste Schritt.

Wir begleiten Betroffene oft über Jahre. Wir reden zum Beispiel sehr intensiv mit ihnen über ihre Ziele im Leben, die oft extrem unrealistisch sind. Manche wollen Arzt werden, haben aber keinen Schulabschluss. Dann gibt es vielleicht andere Berufe, die besser passen - und darüber sprechen wir mit den Betroffenen.

Mit jedem Geburtenjahrgang wachsen neue Radikalisierte nach

Unsere Arbeit kostet deswegen viel Zeit und Energie. Wir würden uns für unseren Verein eine dauerhafte Finanzierung wünschen, weil Präventionsarbeit eine mühseelige, langfristige Sache ist, die nicht irgendwann abgeschlossen ist.

Mit jedem Geburtenjahrgang wachsen neue Radikalisierte nach. Leider fehlt dafür noch das Bewusstsein bei vielen Politikern. Immer noch, muss ich leider sagen. Denn das Problem der Radikalisierung ist kein neues.

Mehr zum Thema: Ich war radikaler Islamist - es gibt nur eine Sache, die wirklich gegen Terror hilft

Die erste, massive Fallzunahme im Arbeitsfeld Islamismus gab es 2014, als der IS militärische Erfolge erzielte. Mittlerweile ist es so, dass die Zahl der neuen Fälle auf einem stabilen, hohen Niveau ist. Darunter sind viele Jugendliche, die sich immer schneller radikalisieren.

Geändert haben sich die Ziele der Radikalisierten. Bis 2016 hinein wollten sie mehrheitlich nach Syrien ausreisen. Das änderte sich mit den militärischen Niederlagen, die der IS hingenommen hat. Eine Ausreise ist einfach nicht mehr attraktiv.

Die Radikalisierung kann in einem Anschlag in Deutschland enden

Mittlerweile kann man davon ausgehen, dass eine Radikalisierung in einem Anschlagsszenario hierzulande enden kann. Nicht wenige junge Männer spricht das Ideal des Märtyrer-Todes an. Sie haben Lebenserfahrungen gemacht, die mit ihrer Religion nicht vereinbar sind: Kriminalität, Rauschgift, Gewalt, Sex.

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Das wird in ihren Augen dazu führen, dass sie in der Hölle landen. Mit 20 Jahren haben sie das Gefühl, ihr Leben bereits weggeworfen zu haben. Da ist der Märtyrer-Tod die beste Versicherung, doch noch akzeptiert zu werden.
Wir versuchen, den jungen Menschen die Angst vor der imaginierten Hölle zu nehmen, in dem wir mit ihnen der Frage nachgehen, wie sie so geworden sind, wie sie sind.

Die Warnhinweise beachten

Es gibt Alarmzeichen für Jugendliche, wenn sie an islamistische Anwerber geraten. Wenn jemand versucht, die Welt schwarz-weiß zu zeichnen, von Feindbildern spricht oder von einer einzigen Wahrheit spricht, zu der es keine Alternativen gibt. Das deutet immer darauf hin, dass der Jugendliche gerade manipuliert werden soll.

Ich kann Jugendlichen deswegen nur raten, neugierig zu bleiben und solche Äußerungen unmittelbar zu hinterfragen. Der gesunde Menschenverstand hilft einem da schon sehr weiter. Er ist der beste Schutz gegen eine Radikalisierung.

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