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10 Dinge, die ich Eltern "normaler" Kinder sagen will

03/04/2017 12:01 CEST | Aktualisiert 03/04/2017 12:01 CEST
MariaDubova via Getty Images

Wenn du mein Kind auf der Straße treffen würdest, würdest du denken, es sei absolut normal. Charmant und clever sogar. Was du nicht weißt, ist, dass meine Tochter ihr junges Leben damit verbracht hat, mit Störungen und Krankheiten zu kämpfen, die du nicht siehst.

Viele Kinder leiden an Depressionen, Panikstörungen (was nicht dasselbe ist wie die üblichen Anfälle von Teenagern), ADHS, Konzentrationsstörungen, oppositionellem Trotzverhalten, Legasthenie, Wahrnehmungsstörungen und/oder sind autistisch. Oft werden sie gerade noch als "normal" wahrgenommen, ihre Symptome werden dann als schlechtes Verhalten oder (unser Liebling) schlechte Erziehung gewertet.

Es ist aber nicht so einfach. Hier sind einige Dinge, die Eltern von "neuro-divergenten" Eltern wissen sollten.

1. Das Problem ist NICHT, dass unsere Kinder sich nicht genügend anstrengen

Die Wahrheit ist, dass unsere Kinder gegen unglaubliche Probleme kämpfen, und das ist anstrengend. So viele von ihnen sind erschöpft davon, sich in der Schule ständig zusammenreißen zu müssen. Viele können ihre Schwierigkeiten kompensieren und arbeiten hart daran, "normal" zu sein. Aber das hört schnell auf, wenn sie nach Hause kommen. Dort knicken sie geradezu ein.

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2. Wir haben alles versucht

Bitte erzähl uns nicht, dass wir nur dies ausprobieren müssen und dass unser Kind nur jenes machen muss. Glaubst du nicht, wir hätten schon jede erdenkliche Lösung in Erwägung gezogen?

Glaubst du nicht, dass wir uns nicht jede einzelne Sekunde eines jeden Tages darum sorgen, dass unser Kind nicht da ist, wo es sein sollte und wie zur Hölle es seinen Weg in der Welt finden soll? Natürlich tun wir das. Wir haben wirklich schon an alles gedacht. Wir sind niemals sorgenfrei und für manche wird es das ganze Leben lang so weitergehen.

Und trotzdem passiert es immer wieder, dass die Menschen uns nicht glauben, Lehrer, Ärzte, Mitarbeiter in Schulen, Schwiegermütter. Wir müssen für jedes Entgegenkommen kämpfen, jeden Arzttermin, jeden Versicherungsfall, alles.

3. Wir haben uns den Kopf zerbrochen über die Entscheidung, ob wir unserem Kind Medikamente geben wollen

Eltern treffen die Entscheidung, ihren Kindern Medikamente zu geben, nicht einfach so. Vor allem nicht, wenn es um verschreibungspflichtige Substanzen geht. Wir machen das nicht, um "eine schnelle Lösung" zu finden. Als ob es einfach wäre, jeden Monat zur Apotheke zu gehen, die Geldbörse zu zucken, dein Kind dazu zu überreden, jeden Tag seine Pillen zu nehmen.

Wir haben mit Ärzten und Lehrern gesprochen, wir haben unsere Kinder testen lassen, wir haben eine Million Formulare ausgefüllt, wir erlebten schlaflose Nächte, weil wir uns gefragt haben, ob wir wirklich die richtige Entscheidung getroffen haben.

4. Unsere Kinder stehen vor anderen Konsequenzen als "normale" Kinder

Ein autistisches Kind wird NICHT unbedingt essen, wenn es hungrig genug wird. Ein Kind mit Panikstörungen wird NICHT unbedingt aus seinen Fehlern lernen und seine Hausaufgaben von nun an nicht mehr vergessen. Stattdessen wird es sich von seinen Störungen und Unsicherheiten überwältigen lassen und komplett aufgeben, während es sich für seine eigenen Fehler fertig macht.

Es wirkt so, als würden wir unsere Kinder verhätscheln. Es wirkt so, als wären wir Helikoptereltern. Aber es ist nicht so einfach. Wir können unsere Kinder nicht einfach nur frei spielen und lernen lassen, ihre Konflikte selbst zu lösen, weil sie nicht wie "normale" Kinder reagieren.

5. Eine autoritäre Haltung wirkt bei diesen Kindern nicht

Diese Art von Erziehung wird die Störung sehr wahrscheinlich verschlimmern oder zu einem kompletten Zusammenbruch des Kindes führen. Grenzen zu ziehen ist extrem wichtig, aber wir können nicht erwarten, dass unsere Kinder ihr Verhalten ändern, wenn wir sie auf ihr Zimmer schicken oder ihnen Stubenarrest geben. Das würde zeigen, dass wir ihre Probleme komplett missverstehen.

6. Wir verbringen Stunden damit, mit unseren Kindern zu üben - was du nicht siehst

Wir wenden so viel Energie auf, um die Gehirne unserer Kinder zu trainieren, damit sie in der Lage sind, ihre Schwierigkeiten in den Griff zu kriegen und in der Welt da draußen klar zu kommen.

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In unserem Fall waren das Stunden von kognitiver Verhaltenstherapie, um zu lernen, mit Angststörungen umzugehen und nicht zusammenzubrechen. Stunden, die wir damit verbracht haben, unser Kind bei Panikattacken und depressiven Episoden zu unterstützen.

7. Wenn wir zu spät kommen oder ein Event verpassen, ist das nicht, weil wir unorganisiert sind oder dich nicht respektieren

Wahrscheinlich war es ein Schreianfall oder eine Panikattacke und wir konnten unser Kind nicht dazu überreden, sein Zimmer zu verlassen oder zu duschen und sich die Schuhe anzuziehen.

Und ich komme 30 Minuten zu spät, weil es eben so lange gedauert hat, mein Kind durch eine Panikattacke zu kriegen, und dann habe ich fünf Minuten gebraucht, um im Auto zu weinen und mich zusammenzureißen. Und wir können nicht zu jedem Event kommen, weil es einfach so SCHWIERIG ist und wir immer müde sind. Wir ignorieren dich nicht.

8. Es hört niemals auf

Wir können nicht einfach einen Babysitter nehmen, unsere Kinder bei der Jugendfreizeit lassen, sie für Gruppensport anmelden, ihnen die Freiheiten eines normalen Teenagers lassen. Jede Entschedung ist auf irgendeine Art und Weise angespannt. Das ist jedes Mal so, und wir warten nur darauf, dass alles wieder mal auseinanderfällt.

9. Wir fühlen uns alleine

Es ist schwierig, mit anderen Eltern ehrlich über unsere Kinder und ihre Errungenschaften zu sprechen. Dein Kind hat es auf die Bestenliste geschafft? Prima. Meins hat sich nicht getötet. Juhu! Kein toller Gesprächsstoff.

10. Unsere Kinder werden oft ausgeschlossen und haben Schwierigkeiten, Freunde zu finden und zu behalten

Und das bricht unsere Herzen. Jedes Mal wieder.

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Deswegen eine Bitte: Wenn die urteilende Stimme in deinem Kopf (in meinem gibt es sie auch) wieder laut wird und dir sagt, dass Eltern heutzutage ihre Kinder nicht im Griff haben - sag Stopp.

Lass auch die nettere Stimme zu Wort kommen, die dich daran erinnert, dass wir nicht wissen können, was genau in den Leben anderer Menschen vorgeht, und dass wir alles tun, was in unserer Macht steht. Wir tragen eine schwere Last, und wir brauchen Hilfe dabei - nicht noch zusätzliches Gewicht, verursacht durch dein Urteil.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der "Huffington Post USA".

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