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Wie erneuerbare Energien die Armut auf der Welt beseitigen können

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Am 4. November 2016 trat das erste völkerrechtlich verbindliche Klimaabkommen in Kraft: Das Pariser Abkommen.

Dadurch soll die Erderwärmung auf deutlich unter 2 Grad begrenzt werden - wenn möglich sogar auf nur 1,5 Grad - und damit die gefährlichsten Folgen des Klimawandels verhindern.

Die Weltgemeinschaft strebt damit die Treibhausgasneutralität in der zweiten Jahrhunderthälfte an. Zur Mitte des Jahrhunderts muss daher die Nutzung von Kohle, Öl und Gas im Energiesektor beendet sein.

Das Pariser Abkommen signalisiert daher nichts Geringeres als die weltweite Energiewende, weg von fossilen und hin zu 100% erneuerbaren Energien.

Das Abkommen bedeutet aber auch einen Wendepunkt für die Entwicklungspolitik, da eine ausreichende Energieversorgung zentrale Voraussetzung für wirtschaftliche und soziale Entwicklung ist.

Investitionen in den Energiesektor, sowie die Ausarbeitung von energiepolitischen Plänen spielen in der Entwicklungspolitik eine zentrale Rolle. Der Zusammenhang zwischen einer nachhaltigen Energieversorgung und Armutsbekämpfung wird erstmalig auch von der internationalen Staatengemeinschaft aufgenommen.

So ist eines der 17 Nachhaltigkeitsziele, die die UN im September 2015 als Agenda 2030 verabschiedet hat, Zugang zu bezahlbarer, verlässlicher, nachhaltiger und moderner Energie für alle zu sichern.

Sowohl die UN Nachhaltigkeitsziele als auch das Pariser Abkommen rufen somit einen Paradigmenwechsel in der Entwicklungs- und Energiepolitik hervor, der auf dem Grundsatz einer 100% Erneuerbaren Energieversorgung aufbaut und Staaten dazu verpflichtet, beide Bereiche ganzheitlich miteinander zu verknüpfen.

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Energiearmut bedeutet Einkommensarmut

Noch immer haben Entwicklungsländer mit der weit verbreiteten Armut zu kämpfen und stehen damit vor der Herausforderung, ihrer Bevölkerung Zugang zu Energiequellen sowie eine sichere Versorgung zu gewährleisten.

Die Internationale Energieagentur (IEA) schätzt, dass 1,4 Milliarden Menschen - mehr als ein Fünftel der Weltbevölkerung - keinen Zugang zu Strom haben. Und 2,7 Milliarden Menschen kochen mit Biomasse.

Von dieser sogenannten Energiearmut sind vor allem Frauen und Kinder betroffen, die oft viele Stunden am Tag mit der Suche nach Feuerholz verbringen. Viel Zeit, in der die Frauen keiner bezahlten Arbeit nachgehen und die Kinder keine Schule besuchen können.

Neben dem Holz werden Batterien, Kerzen und Petroleum zur Energieversorgung genutzt - teure Produkte, für die viele Haushalte rund ein Drittel ihres ohnehin geringen Einkommens ausgeben müssen.

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Auch soziale und gesundheitliche Aspekte von Armut können nur mit einer ausreichenden und bezahlbaren Energieversorgung bekämpft werden: Schulen brauchen Licht, damit Kinder lernen können, Ausbildungsbetriebe benötigen Strom, um Maschinen anzutreiben, und auch Krankenstationen kommen nicht ohne Energie aus.

Vor dem Hintergrund des Pariser Abkommens kann dies in der Umsetzung nur heißen, dass Entwicklungsländer innerhalb der nächsten Dekade ein Energiesystem aufbauen müssen, das alle miteinschließt, auf dem Prinzip der Effizienz basiert und vollständig erneuerbare Energiequellen nutzt.

Gleichzeitig müssen Geberländer wie Deutschland und die EU ihre Partnerländer aus historischer Verantwortung heraus unterstützen und diesen Grundsatz in ihre internationale Zusammenarbeit aufnehmen.

100% erneuerbare Energien öffnen neue Chancen

Dieser Paradigmenwechsel ist aber nicht nur eine Verpflichtung, die sich aus den internationalen Abkommen ergibt.

Sondern er liefert in erster Linie neue Lösungsansätze für die Armutsbekämpfung durch Nutzung erneuerbarer Energietechnologien. Denn durch den dezentralen Charakter von Solar-, Wind- und Bioenergie können auch Menschen in Gebieten versorgt werden, in denen noch keine optimal ausgebaute Infrastruktur vorhanden ist.

Sogar in entlegenen Regionen, die vom restlichen Versorgungsnetz isoliert sind, ist dadurch eine Versorgung mit Energie und damit auch nachhaltiges Wirtschaftswachstum möglich. Der Zugang zu modernen, sauberen Energieformen kommt so vor allem der armen Bevölkerung zugute.

Aufgrund der geringen Bevölkerungsdichte auf dem Land, des geringen Stromverbrauches sowie der geringen Kaufkraft mangelt es jedoch an Investitionsinteresse der Energieversorgungsunternehmen.

Die Errichtung und der Betrieb von Stromnetzen und großen Infrastrukturprojekten, die konventionelle Energieträger benötigen, stellen damit einen entscheidenden Kostenpunkt bei der Energieversorgung dar.

Dezentrale erneuerbare Energiesysteme können schneller den lokalen Energiebedarf decken, da sie keine derart kostspielige Netzinfrastruktur benötigen wie beispielsweise Kleinkraftwerke auf Basis von Sonne, Wasser, Biogas oder Erdwärme.

Gleichzeitig sind sie mit stetig weiterfallenden Kosten wirtschaftlich wettbewerbsfähig: Solarenergie aus Photovoltaiktechnologie war bereits 2014 um 75% günstiger als 2009 und Windenergie an Land ist heute die wettbewerbsfähigste Technologie, um Strom herzustellen.

Nur Erneuerbare Energien können also helfen, den Teufelskreis aus Energiearmut und Einkommensarmut zu durchbrechen.

Auf der vergangenen UN Klimakonferenz in Marokko haben 48 Entwicklungsländer dies nun erstmals in einer gemeinsamen Erklärung als Zukunftsvision vorgestellt.

Mitglieder des Climate Vulnerable Forums (CVF) erklärten in der Marrakesch-Vision, dass sie ihre Energieversorgung auf 100% erneuerbare Energien umstellen werden, um die Energiearmut zu überwinden und Nahrungs- und Wassersicherheit zu gewährleisten. Dies ist ein großer Durchbruch, der nun in Gesetze und verbindliche Maßnahmen umgesetzt werden muss.

Denn derzeit verabschiedete Entwicklungsstrategien in Ländern wie beispielsweise Tansania, die diese Erklärung ebenfalls unterschrieben haben, sehen zwar den Ausbau Erneuerbarer Energien vor, setzen aber in ihren geltenden Regierungsrichtlinien nach wie vor auf den infrastrukturellen Ausbau für eine Energieproduktion aus konventionellen Energieträgern.

Besonders Kohle, Gas und Uran wird in Entwicklungsländern als Hoffnungsträger für den wirtschaftlichen Aufschwung gesehen und politische Entscheidungsträger versuchen Investitionen in die fossile Brennstoffindustrie zu stimulieren.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit sind das allerdings verlorene Investitionen in Vermögenswerte ohne langfristige Rentabilitätsaussichten.

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Außerdem verlangsamen die hohen staatlichen Subventionen zur Förderung konventioneller Energieträger den Ausbau der Erneuerbaren Energien. Besonders für die Landbevölkerung, die in Armut ohne Energieversorgung lebt, bedeutet das, weiterhin für unbestimmte Zeit auf einen Zugang zu Strom und somit nachhaltigen Kochlösungen zu warten.

Lösungen in Sicht

Nationale Entwicklungsstrategien mit Fokus auf 100% erneuerbare Energien würden die notwendigen politischen Rahmenbedingungen schaffen und Investitionssicherheit gewährleisten, um internationale Entwicklungsgelder für die Finanzierung der hohen Kapitalkosten für Erneuerbare Energien nutzen zu können.

Dies wiederum würde zur Ansiedlung von Unternehmen und Industrien sowie zur Entstehung neuer Geschäftsmodelle führen. Um Entwicklungsländer in diesem Prozess zu unterstützen, ist es wichtig, dass Geberländer wie Deutschland und die EU den 100% EE-Ansatz ebenfalls in ihre Strategien für die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit diesen Ländern aufnehmen.

Die African Renewable Energy Initiative (AREI) bietet hier vielversprechende Ansätze.

Zivilgesellschaftliche Organisationen müssen Plattformen schaffen, um sicherzustellen, dass alle Interessensgruppen in einem solchen Politikprozess gleichermaßen berücksichtigt werden. In Zusammenarbeit mit Brot für die Welt und dem Climate Action Network Tanzania hat der World Future Council in den letzten Jahren bereits begonnen, diesen Ansatz umzusetzen.

Betrachtet man hingegen den Prozess der UN Initiative Nachhaltige Energie für Alle (auch bekannt unter SEforALL), so wird deutlich, dass auch die internationale Energiepolitik nicht hinreichend an diesem Leitbild einer weltweiten, entwicklungsfördernden und armutsüberwindenden Energiewende ausgerichtet ist - nicht einmal in den Gremien, die sich explizit mit nachhaltigen Energiesystemen befassen.

Im Rahmen von SEforAll haben zahlreiche Länder, wie beispielsweise Nigeria, in ihren Aktionsplänen den Ausbau fossiler Kraftwerke zur Überwindung der Energiearmut vorgesehen.

Es erfordert daher eine globale Partnerschaft, bei der Industrieländer wie Deutschland zum einen Unterstützung und Know-How für eine entwicklungsfördernde Energieversorgung bereitstellen.

Zum anderen müssen sie aber auch in einen Dialog treten, um neue Ansätze und Maßnahmen für die internationale Zusammenarbeit und Förderung von Erneuerbarer Energien zu entwickeln und damit weltweit Armut und Klimawandel zu bekämpfen.

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