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Weshalb uns Frankreichs Wirtschaft bald den Rang abläuft

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FRANCE
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Mehr Mut zum Risiko
Geschwindigkeit geht vor Perfektion
Die deutsche Ingenieurskunst wird zur Zulieferindustrie

So kritisch die Berichterstattung über Marine Le Pen in den Wochen vor den französischen Präsidentschaftswahlen war, so überschwänglich positiv sehen die deutschen Medien nun Emmanuel Macron. Der junge Überflieger im Elysee Palast ist angetreten, Frankreich grundlegend zu reformieren und versprüht eine neue Dynamik, die auch die französischen Medien erreicht hat. Die ehrwürdige Le Monde bescheinigte Macron jüngst sogar einen Start „sans fautes", also „ohne Fehler".

Noch immer gilt Frankreichs Wirtschaft hierzulande vor allem als langsam, kaum international bekannt (mit Ausnahme von Autos, Kosmetik, Wein und Champagner) und das ganze Land überhaupt als wenig effizient und chronisch im Streikfieber.

Tatsächlich aber hat Emmanuel Macron beste Aussichten auf eine wirtschaftlich höchst erfolgreiche Präsidentschaft. Das kann schließlich sogar dazu führen, dass Frankreich in nicht allzu langer Zeit dem deutschen Mittelstand den Rang abläuft.

Dafür gibt es drei Gründe: Erstens ist Frankreichs Bevölkerung deutlich jünger. Viele Jugendliche haben in den letzten Jahren sehr wohl Fremdsprachen gelernt und/oder waren selbst im Ausland. Dort haben Sie wichtige Erfahrungen gesammelt, haben neue Lebens- und Arbeitsformen kennengelernt und tragen dies nun als großes Wählerpotenzial in die Politik und den Arbeitsmarkt. Während in Deutschland Politik für die Alten gemacht wird, macht Frankreich Politik für die Jungen!

Zweitens wandelt sich die französische Start-Up und Digitalszene rapide zum Positiven. Noch vor wenigen Jahren wurde hauptsächlich gegründet, um schnell aufgekauft zu werden - zum Beispiel von deutschen Unternehmen. Während noch in den 2000ern das deutsche Affili.net (Affiliate-Links) den französischen Marktführer Cibleclick übernahm, so schluckt heute die französische Mitfahr-Plattform Blablacar ihre deutsche Konkurrenz. Wo einst deutsche Unternehmen antraten, auch in der digitalen Welt die Marktführerschaft zu erreichen und international zu reüssieren, so gelingt dies heute vielen französischen Start-Ups weit besser. Weitere Beispiele sind zum Beispiel Realytics oder Net Reviews.

Drittens passt die französische Unternehmenskultur der kürzeren Produktentwicklungen mit mehr Risiko in der Umsetzung weit besser in die heutige Zeit. Wer heute ein Smartphone kauft, der erwirbt für viele hundert Euro ein völlig unfertiges und fehlerhaftes Produkt. Tatsächlich wird es durch Updates noch stetig weiter verbessert, obwohl es der Kunde längst gekauft hat. Marktanteile gewinnt also derjenige, der sein Produkt schnell und mit Marketingpower auf den Markt bringt - nicht aber, wer seine Produkte im stillen Kämmerlein bis zur Perfektion zu Ende entwickelt.

Die deutsche Tradition der Ingenieurskunst wird aus der Produktentwicklung zunehmend verdrängt. Verbessert wird in Zukunft nur noch im laufenden Betrieb neuer Produkte und dies auch nur dann, wenn es nicht mehr anders geht.

Deutschlands Mittelstand muss aufpassen, denn die Erfolgsrezepte der Vergangenheit sind nicht die der Zukunft. Hier liegt auch eine ganz besondere Aufgabe an die deutsche Politik. Anstatt den Alten nach dem Mund zu reden, müssen genau jetzt entscheidende Weichen neu gestellt werden. Nur dann kann Deutschland auch in 20 bis 30 Jahren seine führende wirtschaftliche Stellung in Europa zumindest behaupten. Die Digitale Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft darf nicht nur als Risiko begriffen werden. Wir müssen vielmehr mit Schwung vorangehen und unsere aktuelle ökonomische Kraft sinnvoll und strategisch nutzen.

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