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Den Londonern ist der Anschlag unfassbar egal

23/03/2017 13:13 CET | Aktualisiert 06/04/2017 15:20 CEST
Leon Neal via Getty Images

Und mal wieder öffnet der Londoner seine verschlafenen Augen am Morgen eines "Tages danach".

Die Stimmung in der Stadt: Was ist nochmal passiert? Ach ja, ein kleiner Terroranschlag. Na dann am besten vor dem Pendeln ins Büro mal die Nahverkehrs-Webseite checken, ob denn auch alle Züge fahren.

Die Erkenntnis am Tag danach: Den allermeisten Menschen hier ist der Anschlag unfassbar egal.

Mit beiläufigem Interesse verfolgen die Londoner die neuesten Entwicklungen dieses vergleichsweise kleinen Dramas im globalen Terrorzirkus.

Acht Leute wurden verhaftet, der Täter agierte wohl alleine, das Parlament lässt sich in seinen für heute geplanten Sitzungen nicht stören - richtig schlimm kann die Lage offensichtlich nicht sein.

Die größte Sorge: Komme ich rechtzeitig nach Hause?

Das wurde schon gestern Abend klar, als die heftigste Reaktion aus meinem Bekanntenkreis die war, dass jemand sich sorgte, dass er etwas zu spät aus dem Büro kommen würde. Er hatte nach eigener Aussage nochmal Glück. Das Büro in Westminster lag letztlich gerade noch außerhalb der Polizeiabsperrung.

Die Textnachrichten von Freunden und Verwandten ("U safe bro?") nehmen meine Bekannten leicht konsterniert auf. Um in einer Stadt von 8 Millionen Menschen unter den zwei zivilen Todesopfern zu sein, muss man schon ziemliches Pech haben.

Warum, meckern die Zyniker, melden sich die Freunde aus dem Grundschulalter nicht sonst mal?

London hat sich an die Attacken gewöhnt

Auch auf Twitter zeigt sich die Stimmung in der Stadt. Die Radfahrer brüllen die Leute an wie immer. In der Tube oder im Büro spricht kaum jemand über das gestrige Ereignis.

Man hat sich in London im Laufe der Jahre an Attacken verschiedenster Art gewöhnt.

Die Busbomben von 2005, das Enthaupten eines Soldaten mit einer Machete mitten im beschaulichen Wolverhampton 2013, der Mord an Parlamentarierin Jo Cox mit einer selbstgebastelten Pistole 2016; dazu wöchentliche Nachrichten von messerstechenden Teenagern in Ostlondon und natürlich den scheinbar endlosen tragischen Fahrradunfällen mit Todesfolge.

Der Terroranschlag eines Einzelgängers hat es da gar nicht so leicht, als etwas Besonderes wahrgenommen zu werden.

Und überhaupt: Der Londoner hat andere Sorgen.

Die hohen Mieten regen die Londoner mehr auf als die Terroristen

Die wie immer geniale Satire-Webseite "Daily Mash" bringt es auf den Punkt: "Ich habe ständig Albträume wegen meiner unerschwinglichen Miete, den brutalen Arbeitszeiten, und der Angst, in dieser kalten Stadt einsam alt zu werden. Wenn Terroristen es auf meine Liste der Alltagsängste schaffen wollen, müssen sie sich leider hinten anstellen", legt sie einem fiktiven, aber nur allzu realistischen Londoner in den Mund.

Kurz: Weiter geht´s.

Viele Medien in Deutschland zitieren jetzt wieder die alte britische Kriegsweise "Keep Calm and Carry on", um die Reaktion der Londoner auf den Anschlag zu beschreiben.

Das können sie sich sparen. Wir sind sowieso ruhig.

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