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„Zorn, Sprachlosigkeit und Verzweiflung": So erlebt ein Deutscher den Brexit

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BREXIT
Reinhard Krause / Reuters
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Knapp vier Stunden nach dem Schock sitze ich an meinem Schreibtisch in London und unterschreibe gierig eine Online-Petition für ein zweites EU-Referendum. Seit Bekanntgabe des Brexit heute früh haben sich schon knapp 70.000 Befürworter gefunden.

Wie so viele andere europäische Expats und Migranten in England kann ich noch gar nicht so recht begreifen, dass es wirklich passiert ist.

Gestern Abend noch sah alles bestens aus, die ersten tentativen Wahlbarometer zeigten in Richtung "Remain", und im hippen Ost-London glaubte kaum jemand, dass sie am nächsten Morgen auf einer Insel aufwachen würden, die sich offiziell von "Europe", wie der Brite alles jenseits des Ärmelkanals nennt, abtrennen wird.

"F-ing Barbaren" und "Kurzsichtige Inselaffen"

Die Stimmung bei mir und den meisten anderen, die wie ich seit Jahren hier leben und arbeiten, im Referendum aber nicht wählen durften, schwankt irgendwo zwischen Unglaube, Zorn, Sprachlosigkeit und Verzweiflung. Kaum ist die erste Schockstarre überwunden, starten die Schimpftiraden auf Whatsapp, Twitter, Facebook.

"F-ing Barbaren" und "Kurzsichtige Inselaffen" gehören da zu den netteren Kommentaren. Immerhin: Auch die knappe Hälfte der Einheimischen, die lieber Teil EU geblieben wären, hätten sich ihren Start ins Wochenende anders vorgestellt. Eine englische Freundin schreibt, sie sei um 4.30 Uhr in der Früh aufs Klo gegangen, hätte kurz auf die Nachrichten geguckt - und seither nicht mehr zu heulen aufgehört.

Schnell folgt die nächste Phase der Trauerarbeit: Was nun?

Was genau der Brexit für mich als Deutschen in Großbritannien bedeutet, weiß leider keiner. Die "Remain"-Kampagne hatte verständlicherweise kein Interesse daran, Brexit-Szenarien im Detail durchzuspielen; und "Leave" polterte zwar mit allen erdenklichen Ideen: von der Bedingung eines Mindestjahresgehalts für Ausländer, die eine Aufenthaltsgenehmigung haben möchten (im Gespräch sind 35.000 GBP), über ein Punkte-System zur Visumsvergabe bis hin zur Kostenpflichtigkeit des National Health Service für nicht-Briten. Doch welche davon sich wirklich durchsetzen lassen werden, ist völlig unklar.

Passend zum Thema: Angela Merkel warnt nach Brexit: Es gibt in Europa keine Friedensgarantie

"Was zum Teufel machst Du noch hier?"

Sofort die Koffer packen, soviel scheint gewiss, muss zwar eigentlich keiner. Mindestens zwei Jahre dauert es ja eh noch, bis GB wirklich offiziell raus aus der EU ist - aber gute Lust auf einen sofortigen persönlichen Brexit haben viele. "Ich bin dann mal weg", in allen erdenklichen Permutationen, ist die mit Abstand häufigste Nachricht auf meinem Facebook-Feed. "Selbst, wenn ich letztlich hier bleiben dürfte - will ich wirklich dort leben, wo 50 Prozent der Leute denken: Was zum Teufel machst Du noch hier?", fragt ein spanischer Bekannter stellvertretend für uns alle.

Vielleicht könnte hier eine kleine Völkerwanderung gen Norden helfen. Im Rekordtempo wird Schottland in den Gedankenspielen vieler zum Rettungsanker. Nach einem gerade angekündigten neuerlichen Referendum zur schottischen Unabhängigkeit könnte hier eine tapfere EU-Enklave entstehen, so die Hoffnung. Plötzlich also ganz hoch im Kurs. Edinburgh; und Glasgow soll ja auch schon immer total unterschätzt gewesen sein. Doch für den versnobbten Londoner klingt die Umsiedlung nach Edinburgh ungefähr so wie für den Berliner die nach Leipzig - nichts verkehrt damit, aber was soll man denn in der Provinz?!

Wenigstens Londons neuer Bürgermeister Sadiq Khan findet Europäer in London weiterhin gut: "Wir sind dankbar für den enormen Beitrag, den ihr leistet", beeilt er sich klarzustellen. Too little, too late, würde der Brite dazu sagen.

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