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Die Light-Lüge: Warum Diätprodukte dick machen

13/04/2014 08:38 CEST | Aktualisiert 30/10/2014 11:29 CET
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Die Menschen wiegen heute viel mehr als noch vor 50 Jahren. Und nicht unbedingt, weil sie mehr essen oder sich weniger bewegen.

Warum sind sie also so dick? Die Menschen sind nicht gieriger geworden. Sie sind nicht - entgegen der öffentlichen Meinung - weniger aktiv als früher. Eine Studie untersuchte über zwölf Jahre die körperliche Aktivität von Kindern. Und fand heraus: sie ist genauso hoch wie vor 50 Jahren. Aber es hat sich etwas verändert: Unser Essen. Genauer gesagt die große Menge an Zucker, von der wir oft gar nicht wissen. Wir sind zuckersüchtig geworden, ohne es zu merken.

Wie konnte das passieren? In den 70ern gab es in den USA zu viel Mais. Um mit diesem Überschuss fertig zu werden, flog der damalige US-Landwirtschaftsminister nach Japan. Und schaute sich eine wissenschaftliche Innovation an, die alles verändern sollte: die Produktion von Glucose-Fructose-Sirup. Eine extrem süße Flüssigkeit, die aus Mais gewonnen wurde, der ohnehin unglaublich billig war. Der Sirup wurde bald in allen möglichen Fertiggerichten verarbeitet: in Pizza, Krautsalat, Fleisch. Es passierte eine stille Revolution, die unseren Zuckerkonsum für immer veränderte.

Auf ein Produkt hatte der Sirup einen dramatischen Einfluss: Soft Drinks. Hank Cardello, früher Marketing-Chef bei Coca-Cola, sagte mir in der Dokumentation "The Men Who Made Us Fat", dass die Firma 1984 Zucker mit Fructosesirup ersetzte. Diese Entscheidung des Marktführers war ein Signal für die ganze Industrie, die schnell folgte. Es habe "keinerlei Nachteile" dabei gegeben, sagte Cardello. Der Sirup kostete um ein Drittel weniger als Zucker und sogar das Risiko dadurch den Geschmack zu verändern, lohnte sich. Wegen des hohen Gewinns. Damals waren keine gesundheitlichen Bedenken bekannt. Zu jener Zeit sei "Übergewicht überhaupt kein Thema" gewesen, sagt Cardello.

Dafür machte schon damals ein anderes gesundheitliches Problem Sorgen: Herzerkrankungen. Mitte der 70er-Jahre tobte ein Krieg unter Akademikern über die Ursachen. Der US-Ernährungsforscher Ancel Keys sah Fett als Auslöser, während ein britischer Wissenschaftler der Universität von London, Professor John Yudkin, Zucker in Verdacht hatte.

Viele Fachleute glauben inzwischen, dass Yudkins Arbeit durch eine gezielte Kampagne zerstört wurde. Das denkt nicht nur Robert Lustig, einer der bedeutendsten Endokrinologen der Welt. Auch Yudkins damaliger Kollege Richard Bruckdorfer at UCL sagt: "Die Nahrungsmittelindustrie machte Lobby-Arbeit gegen ihn, vor allem die Zuckerproduzenten. Yudkin beklagte sich bitter, dass sie seine Ideen untergrieben."

Die Nahrungsmittel-Industrie hatte aber bald die Idee zu einer neuen Art von Essen. Etwas, von dem sie wussten, dass es die Öffentlichkeit begeistern würde. Weil die Menschen glaubten, dass es besser für ihre Gesundheit sei: fettreduzierte Produkte. Sie versprachen der Lobby ein großes Geschäft, angetrieben von der Angst vor Herzerkrankungen. Aber es habe ein Problem gegeben, sagt Lustig. "Wenn Sie das Fett aus einem Rezept streichen, schmeckt das Essen wie Pappe. Sie müssen es ersetzen - und zwar durch Zucker."

Über Nacht waren die Supermarkt-Regale voll von Produkten, die zu gut klangen, um wahr zu sein. Fettreduzierte Joghurts, Brotaufstriche, sogar Nachtische und Kekse. Bei allen wurde das Fett weggelassen und durch Zucker ersetzt. Der Umsatz explodierte.

Mitte der 80er merkten die ersten Gesundheitsexperten, dass die Menschen ohne Erklärung immer dicker wurden. Unter diesen Wissenschaftlern war der Brite Philip James, einer der ersten Forscher, die Übergewicht als ernstes Problem erkannten. Die Lebensmittel-Industrie verkündete, dass jeder selbst dafür verantwortlich sei, wie viele Kalorien er aufnehme. Doch sogar Menschen, die Sport machten und fettreduzierte Produkte aßen, legten zu.

Etwas Unheimliches ging vor sich. Je mehr Zucker die Menschen aßen, desto mehr wollten sie und desto hungriger wurden sie. Ein Ernährungswissenschaftler der New York University, Anthony Sclafani, erforschte Appetit und Gewichtszunahme. Er bemerkte Auffälligkeiten an seinen Laborratten. Als sie Futter für Nager fraßen, nahmen sie normal zu. Wenn sie Fertigessen aus dem Supermarkt zu sich nahmen, wurden sie innerhalb von kurzer Zeit dick. Ihr Hunger nach süßem Futter war nicht zu stillen, sie aßen immer weiter.

Die amerikanische Sugar Association behauptet, Zucker allein sei mit "keiner durch Lebensstil verursachten Krankheit verbunden." Wissenschaftliche Beweise zeigen das Gegenteil. Im Februar 2012 veröffentlichten die Forscher Robert Lustig, Laura Schmidt und Claire Brindis von der Universität von Kalifornien einen Artikel in der wissenschaftlichen Zeitschrift "Nature".

Es gebe immer mehr Beweise, dass Fructosesirup Prozesse auslöse, die Vergiftungen der Leber und andere chronische Krankheiten verursachten. David Kessler war früher Chef der US-Lebensmittelüberwachungsbehörde FDA und ist verantwortlich für die Warnungen, die seit Mitte der 90er auf Zigarettenpackungen stehen müssen. Er glaubt dass Zucker durch seine Wirkungen auf den Stoffwechsel und das Gehirn extrem abhängig mache. Genau wie Zigaretten und Alkohol.

Zucker zu essen, löse "großes Vergnügen" aus. Es verschaffe dem Körper einen kurzzeitigen Kick. "Wenn Sie lustverschaffende Lebensmittel essen, übernehmen die auf gewisse Weise die Kontrolle im Gehirn."

Hat die Lebensmittel-Industrie bewusst Produkte geschaffen, die süchtig machen? Die nie sättigen und von denen man immer mehr verlangt? Kessler äußert sich vorsichtig: "Hatte die Branche damals Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft? Nein. Aber sie lernte durch Erfahrung, was funktionierte."

Das Thema ist hochkontrovers. Wenn es tatsächlich Beweise dafür gibt, dass die Lebensmittel-Branche von den langfristigen, schädlichen Folgen ihrer Produkte weiß und sie trotzdem weiter verkauft, kommt dieser Skandal dem nahe, der einst die Tabak-Industrie erschütterte.

Die Lebensmittel-Produzenten verteidigen sich damit, dass ihre Schuld nie wissenschaftlich bewiesen worden sei. Der Übergewichtsexperte Kelly Brownell von der Yale University ist einer der führenden Forscher auf diesem Gebiet. Er glaubt, dass es bald unwiderlegbare Beweise geben werde. Es könnte nur noch wenige Jahre dauern, bis die erste Klage gegen die Nahrungsmittel-Industrie erfolgreich sei.

Das wird ein harter Kampf. Die Lebensmittel-Branche ist mächtiger als die Tabak-Lobby. Sie ist an ein komplexes Netz von Interessen gebunden: Medikamente, Chemikalien, Diät-Mittel - alle Produkte wären von dem Skandal betroffen. Es gibt eine sogenannte Satelliten-Industrie, die mit Übergewicht Geld macht.

Gehen Sie heute in einen Supermarkt. Sie werden Regalfluchten voller Produkte sehen, die dick machen. Und unzählige Waren, die als fettreduziert, kalorienreduziert oder zuckerfrei angepriesen werden. Als Übergewicht zum Problem wurde, sah die Branche ihre Chance Geld zu machen. Mit genau der Sache, für die sie ihre Kritiker verantwortlich machen.

Solange die Lebensmittel-Branche keinen wirtschaftlichen Nutzen darin sieht, Übergewicht ehrlich zu bekämpfen, wird alles andere - wie mir der Ex-Marketing-Chef von Coca Cola, Hank Cardello sagte - ein frommer Wunsch bleiben.

Die Dokumentation "The Men Who Made us Fat" läuft als mehrteilige Serie bei BBC World News am Samstag, 12. April 2014 um 17.10 Uhr und Samstag, 19. April 2014, 17.10 Uhr.

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