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Redenschreiber: Aus dem Schattendasein in die Schaltzentralen

31/07/2017 16:32 CEST | Aktualisiert 31/07/2017 16:32 CEST
uschools via Getty Images

Theresa Mays Redenschreiber hat seinen Dienst quittiert, der Redenschreiber von Martin Schulz

fällt wegen einer Erkrankung länger aus und Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker hat einen neuen Redenschreiber eingestellt.

Drei Redenschreiber, die für Schlagzeilen gesorgt haben. Und das, obwohl sie doch eigentlich ein Schattendasein führen. Warum also solch ein Interesse? Ganz einfach: Weil in diesem Fall mit der Position des Redenschreibers auch der Posten eines strategischen Kommunikators verbunden ist.

So war Chris Wilkins nicht nur der Chef- Redenschreiber der britischen Premierministerin, sondern auch deren strategischer Direktor. Und Markus Engels war sogar Kampagnenchef für den SPD-Wahlkampf und nicht nur Redenschreiber, sondern auch engster Berater des sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten Martin Schulz.

Der offizielle Titel von Alexander Vogel lautet zwar Redenschreiber, doch in der Stellenausschreibung der Stadt Köln stand ausdrücklich der Zusatz „Projektleitung Konzeption und Umsetzung einer Kommunikationsstrategie".

Reden und Handeln müssen kongruent sein

Hat sich also endlich die Erkenntnis durchgesetzt, dass gute Redenschreiber mehr können, als elegante Wortgirlanden zu winden? Dass sie in der Lage sind strategisch und konzeptionell zu denken und deshalb eine exponierte Position mit Zugang zu Chefin und Chef haben müssen?

Diese Beispiele lassen zwar hoffen, doch sie bilden noch lange nicht den Alltag von Redenschreibern ab. Im hessischen Wirtschaftsministerium beispielsweise - so war jetzt zu erfahren - gibt es keine spezialisierten Redenschreiber. Die Entwürfe würden von den Mitarbeitern in den Fachreferaten erstellt, so ein Sprecher des Ministeriums.

Auch in der Wirtschaft ist es noch lange nicht die Regel, dass es überhaupt eigene Redenschreiber gibt und wenn doch, so sind sie in der Regel nicht direkt in der Geschäftsleitung angesiedelt und in die strategische Ausrichtung involviert. Der Redenschreiber als strategischer Berater in der Schaltzentrale - das ist ein Berufsbild, das sich gerade erst entwickelt.

Dabei liegen dessen Vorzüge doch geradezu auf der Hand: Reden sind Instrumente der Führung, nach innen wie nach außen. Was Politiker oder Unternehmenschefs verlautbaren, hat immer Auswirkungen - auf Ansehen und Glaubwürdigkeit, auf die Stimmung in ihrer Partei oder ihrem Unternehmen, auf Wahlergebnisse oder Aktienkurse und Umsätze.

Reden müssen deshalb zwingend als integraler Bestandteil einer Gesamtkommunikation behandelt werden. Ein Redenschreiber, der in die strategischen Zusammenhänge nicht einbezogen ist oder der sie nicht versteht, kann diese nicht unterstützen, im schlechtesten Fall konterkariert er sie.

Gute Reden müssen nicht nur vor-, sondern auch nachbereitet werden: Sie haben in der Betriebsversammlung etwas versprochen oder in Aussicht gestellt? Das Einlösen muss kommuniziert oder das Nichteinlösen erklärt werden.

Die Chefin ermuntert die Mitarbeiter, sie direkt anzusprechen, wenn sie Probleme oder Ideen haben? Entsprechende Mitarbeitersprechstunden müssen dann geschaffen werden. Ein Unternehmenschef kündigt vollmundig eine Selbstverpflichtung zu ethischem Handeln an? Entsprechende Standards müssen eingerichtet, Überprüfungs- und Sanktionsmöglichkeiten gehören zwingend dazu.

Redenschreiber müssen wissen, was wirklich umgesetzt werden kann und soll, um im Manuskript nicht etwas zu formulieren, was zwar auf den ersten Blick beim Publikum ankommt, aber nicht in letzter Konsequenz vom Unternehmen vollzogen wird. Reden müssen kongruent zum Handeln sein, sonst bleiben nur hohle Phrasen und die Glaubwürdigkeit leidet.

Redenschreiber sind Berater auf Augenhöhe

Die Verpflichtung von Redenschreibern - seien sie festangestellt oder als externe Dienstleister engagiert - ist in Deutschland immer noch eher die Ausnahme als die Regel. Vor allem, sich öffentlich zu Ihnen zu bekennen. Gut zu reden und zu schreiben - das gilt hierzulande nicht als eigene Profession, sondern dies zu können wird von exponierten Persönlichkeiten schlicht und ergreifend erwartet.

Wie schwierig es ist, erleben wir immer wieder, wenn Reden mangels kluger Dramaturgie und Struktur, wegen schlechten Vortragsstils und technokratischer Sprache eher das Publikum als das Thema erschöpfen. Wenn sie weder zum Anlass, noch zum Redner passen.

Und wenn sie nur ertragen werden, statt diejenigen zu erreichen, an die sie gerichtet sind. Doch gute Reden wirken wie orchestrierte Imagekampagnen. In einen Profi zu investieren lohnt sich also.

Doch dabei ist es wichtig, nach Persönlichkeiten Ausschau zu halten, die strategisch auf Augenhöhe sind und auch so behandelt werden. Denn Redenschreiber sind keine bloßen Phrasenlieferanten, sondern hochqualifizierte Kommunikationsexperten.

Sie tragen dazu bei, die Reputation einer Partei oder eines Unternehmens über deren Repräsentanten zu entwickeln und zu stärken. Es wird Zeit, dass sich diese Erkenntnis durchsetzt.

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