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Acht meiner Freunde sind gestorben: Wie ich in Nigeria versuche, Menschen an der Flucht zu hindern

08/08/2017 11:20 CEST | Aktualisiert 23/08/2017 16:07 CEST
Afolabi Sotunde / Reuters

Vier Jahre ist es jetzt her. Da ist der erste meiner Freunde auf dem Weg nach Europa umgekommen. Sein Name war Efosa Endurance.

Inzwischen sind acht meiner Freunde tot, verdurstet in der Wüste oder an Krankheiten und Verletzungen in Libyen gestorben. Viele wurden ausgeraubt. Etwa elf haben es nach Europa geschafft.

Ich bin wütend auf sie.

Auf sie und die anderen Zigtausend, die keine Ahnung haben, irgendeinem Schleuser vertrauen und darauf, dass sie sicher Glück haben werden.

Sie glauben, sie werden im Luxus leben

In Europa, so glauben die meisten Nigerianer, sind alle auf Rosen gebettet. Und wenn sie es nur bis dorthin schaffen, dann würden sie auch im Luxus leben, Geld nach Hause schicken können und nach ihrer Rückkehr ein Auto und ein Haus kaufen.

Als ich kürzlich mit einem der elf telefoniert habe, der es geschafft hat, beklagte er sich, dass er bei Verwandten untergekommen sei, aber keinen Job habe und sich sogar das Handy leihen musste, um mit mir sprechen zu können. Was soll ich sagen? Das war absehbar.

Man muss sich einmal die Dimension vergegenwärtigen: Allein in diesem Jahr sind laut UNHCR weit über 15.000 Nigerianer nach Italien gekommen. Meine Landsleute stellen den höchsten Anteil, der Flüchtlinge, die über das Mittelmeer nach Europa kommen.

Wie viele mögen bis dahin schon ihr Leben gelassen haben? Und wie viele werden so leben können, wie sie es sich erträumt haben?

Es ist okay, wenn Europa Nigerianer zurückschickt

Es ist gut, wenn Europa Nigerianern eine Perspektive bietet. Aber es ist auch okay, wenn Europa sie zurückschickt, wenn es sonst selbst in wirtschaftliche Schwierigkeiten gerät.

Nur wäre es gut, wenn Europa mehr Projekte unterstützen würde, die Nigerianern in ihrer Heimat eine Perspektive bieten.

Ich arbeite seit vielen Jahren in der Nichtregierungsorganisation Citizen Diplomacy Bureau. Wir versuchen, den Menschen hier eine Perspektive zu geben und vom Auswandern abzuhalten. 500 bis 600 jungen Männern und Frauen haben wir hier zu einer Ausbildung, etwa Kfz-Mechaniker, oder zu einer Schulbildung verholfen.

Und damit zu einer Zukunft.

Wir gehen dorthin, wo die Menschen am ärmsten sind und kein Wissen über das haben, was sie erwartet. Wo mir schon Elfjährige erzählen, dass sie, wenn sie groß sind, auswandern wollen. Wo die Menschen nur sehen, dass sie hier keine Hoffnung haben, ohne Ausbildung in einem Land, in dem die Korruption blüht und die Jugendarbeitslosigkeit bei 80 Prozent liegt.

Wir sagen ihnen, wie die Lage in Libyen und Europa wirklich ist.

Europa glaubt, arme Nigerianer kämen nicht nach Italien - das stimmt nicht

Denn auch die Schleuser gehen zu den Armen. Wer nach Europa will, muss sich nicht mal mehr einen Menschenhändler suchen. Die gehen in die Slums und lügen etwas von einer guten Zukunft.

Für die Reise bis nach Libyen verlangen sie zwischen 400 und 500 Euro. Frauen müssen manchmal nichts zahlen - aber sie sollen später als Prostituierte Geld bringen.

Die Schlepper in Libyen wollen für die Passage nach Europa noch einmal 1000 bis 2000 Euro. Das ist unfassbar viel Geld.

In Europa sagen deswegen manche, die wirklich armen Nigerianer kämen nicht bis nach Italien. Aber das stimmt nicht.

Sie tun nur alles, um an das Geld zu kommen. Sie nehmen Kredite bei ihren Verwandten auf und versprechen, bald alles zurückzuzahlen. Sie lügen ihnen vor, sie hätten einen Job in Europa sicher, mit dem sie das Geld wieder beschaffen könnten. Und viele stehlen und rauben sich das Geld zusammen.

Wer reich ist, quält sich nicht durch die Wüste

Deswegen sagen sie außerhalb der Familie auch keinem Bescheid, dass sie vorhaben, zu gehen. Sie sind einfach weg. So habe ich immer wieder vom Tod von Freunden erfahren, die ich eigentlich in Nigeria wähnte.

Wer dagegen reich ist, der quält sich nicht durch die Wüste. Der setzt sich nicht in so ein Boot. Der geht nach Dubai. Oder findet hier Arbeit.

Ich hatte das Glück, dass meine Familie vermögend ist. Ich habe eine Ausbildung bekommen. Ich denke nicht daran, auszuwandern. Und wenn andere auch eine Ausbildung machen können, werden auch sie bleiben wollen.

Je mehr Geld wir in Stipendien und dergleichen investieren können, desto mehr Menschen werden hierbleiben.

Aber erst einmal müssen wir sie informieren. Nigerianer lieben Filme und Musikvideos. Deswegen arbeiten wir an solchen Aufnahmen. Ein Film über die Machenschaften der Schleuser, ein Video mit Prominenten - das würde so viel bringen.

Der Text wurde von Susanne Klaiber aufgezeichnet.

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